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Kolumne: Kann passieren ...

Echt fett

Wer mit etwas zu viel Hüftgold gesegnet ist, kann in die Versuchung geraten, sich viele Ausreden, Absichtserklärungen und andere Strategien zurechtzulegen, wie man (auch gut gemeinten) Bemerkungen, Ratschlägen und Ermahnungen begegnen könnte. Man kann aber auch mal einen Text zu diesem Thema schreiben – so, wie unser Kolumnist Andreas Ballnus.

Ich sehe mir im Fernsehen einen Action-Film an. Der Held, also mein Held, mit dem ich mich gerade voll und ganz identifiziere, muss fliehen. Ziemlich blöd, denn wahre Männer fliehen nicht – sie kämpfen bis zum bitteren Ende. Aber ein kluger Held weiß natürlich ganz genau, wann es Zeit für den taktischen Rückzug ist. Ich, beziehungsweise mein Held, also wir beide, fliehen durch unebenes Gelände. Wir drehen uns nach den Verfolgern um, kommen ins Straucheln und stürzen in eine schier endlos tiefe Schlucht, die plötzlich da ist.

So ein Mist. Vielleicht hätte ich mich doch eher auf die Seite der Verfolger schlagen sollen. Dann würde es mir jetzt besser gehen. Die Meute, die uns ins Verderben getrieben hat, taucht auf. Sie bleibt am Rande des Abgrundes stehen, und einer von ihnen schaut vorsichtig nach unten. Er grinst diabolisch und gibt den anderen zu verstehen, dass diesen Sturz niemand überleben konnte. Zufrieden zieht die Verfolgergruppe ab.

Langsam schwenkt nun die Kamera die Felswand hinunter. Sie ist sehr steil. Auf einmal tauchen zwei Hände auf, die sich an einem kleinen Felsvorsprung festklammern. Mein Held lebt. Minutenlang konnte er sich an diesem kleinen Stück Stein festhalten und so seinen sicheren Tod verhindern. Mit letzter Kraft gelingt es ihm dann, nach oben zu klettern, wo er erschöpft liegen bleibt.

Ich dagegen bin tot. Also ich wäre es, wenn ich tatsächlich der Held gewesen wäre. Mit meinen rund fünfundzwanzig Kilo Übergewicht und einer insgesamt höchst untrainierten Gesamtverfassung hätte ich mich keine fünf Sekunden an dem Felsen festhalten können. Nein, ich würde irgendwo da unten zermatscht am Boden der Schlucht liegen und bräuchte mir keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie ich meinen wohlgeformten Körper aus diesem Abgrund wieder hinaus bekomme.

Die Erkenntnis, dass ich mich doch nicht so ganz zum Helden eigne, schmerzt. Geahnt hatte ich das aber immer schon. So war es mir bereits während der Flucht vor den Verfolgern schwer gefallen, mit meinem Helden Schritt zu halten. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich mich seit dem Eintritt in die Volljährigkeit kontinuierlich zu dem unsportlichen Typen hin entwickelt habe, den ich heute darstelle – was eine durchaus beachtenswerte Leistung war. Aber ich bin ja lernfähig und durchaus in der Lage, logische Konsequenzen aus solchen Erfahrungen zu ziehen. Darum werde ich mich künftig von Orten fernhalten, an denen man abstürzen kann. Dazu gehören natürlich auch offene Fenster. Somit habe ich endlich einen Grund, weshalb ich diese nicht mehr putzen muss.

Ja, ich bin zu dick. Und gefühlt kenne ich inzwischen sicherlich an die viertausendfünfhundertzweiundsechzig Methoden, mit denen man abnehmen kann. Die meisten davon entstammen den Ratschlägen von Mitmenschen, die es entweder gut mit mir meinen, oder gut mit sich selber, weil sie das große Bedürfnis haben, sich als Experten aufzuspielen. Dabei habe ich nie um Hilfe gebeten oder nach einem Tipp gefragt. Vielmehr fanden die Ratschläge und die sie austeilenden Schläger mich – ich bin ja auch nicht so leicht zu übersehen.

Klar, eigentlich wäre ich schon gerne etwas schlanker. Ich hätte lieber ein paar Falten mehr im Gesicht als Polster um die Hüfte herum. Auch würde ich es vorziehen, gesund zu altern. Doch insgesamt spielen optisch-ästhetische oder gesundheitliche Gründe eher eine untergeordnete Rolle. Und auch die soeben gemachte Erfahrung, dass sich meine Überlebenschancen bei Stürzen in tiefste Schluchten erhöhen könnten, wenn ich leichter wäre, ist kein schwerwiegendes Argument für eine Gewichtsreduzierung. Im Vordergrund standen und stehen ganz andere Dinge.

So kotzt mich zum Beispiel dieses faschistoide Gehabe der Modemafia und ihren Gefolgsleuten an. Das tat es zwar schon immer – vor allem, wenn es zum Beispiel Hosen oder Hemden in bestimmten Farben jahrelang nicht mehr zu kaufen gab, weil diese Farben out waren. Doch meine Abneigung hat noch einmal deutlich zugenommen, seit ich den XL-Bereich erreicht habe, denn von da an wurde es immer schwieriger, Kleidungsstücke zu finden, die mir gefallen – jedenfalls in meiner Größe. Oder es gibt sie zu Preisen, bei denen man sich fragt, ob das begehrte Hemd mit Garn aus den Haaren des Herrn Lagerfelds persönlich zusammengenäht wurde.

Neben diesem Punkt nervt mich am Dicksein auch noch das Problem beim Bücken – wobei ich auch sehr gelenkige Überbeleibte gesehen habe. Aber wie ich schon sagte, gehört Sport nicht unbedingt zu meinem Tagesplan. Auch das Treppensteigen war mal einfacher, beim Spazierengehen brauche ich inzwischen öfters mal eine Bank, und mein Schnarchen könnte sich laut Expertenmeinung deutlich verringern, wenn ich abnehmen würde.

Es gibt also durchaus Gründe, die mich gelegentlich über mein Gewicht fluchen lassen. Doch reicht dieser Frust nicht aus, um etwas dagegen zu unternehmen. Nein, ich will nicht diäten oder meine Ernährung umstellen. Zu meiner Lebensfreude gehört es dazu, dass ich esse, was mir schmeckt und zwar in den Mengen, wie es mir schmeckt. Außerdem ist alles, was mehr Zeit und Aufwand benötigt, als den Lieferservice anzurufen, sich an die Theke eines Imbisses zu stellen oder sich ein Käsebrot zu schmieren schlimmster Ressourcenraub – es wird Freude, Zeit und persönlicher Freiraum gestohlen. Aber nicht mit mir!

Ratschläge zur Gewichtsverringerung, die mit den Worten beginnen „Das ist im Grunde ganz einfach …“ oder „Das kann richtig Spaß machen …“ oder „Das ist gar nicht so schlimm, wie man anfangs denkt …“ oder „Man muss bei dieser Methode gar nicht so viel an seinen Essgewohnheiten ändern …“ haben bei mir etwa die Auswirkung, die anderen Orts das Berühren des Auslösers einer Sprengfalle nach sich ziehen würde. Zwar hat es bei mir bisher noch keine Toten gegeben – meistens implodiere ich auch eher, als dass ich explodiere – aber einige Male war es bis zu einem kleinen Amoklauf nicht mehr weit.

Solange ich also nicht über die Fee mit den drei Wünschen stolpere, mich ein unvorhersehbarer Gesinnungswandel überfällt oder ich nicht Multimillionär geworden bin, der sich Koch und andere Bedienstete leisten kann, die sich dann um meine Ernährung kümmern könnten, werde ich mich wohl eher an den Status quo gewöhnen, mir die Situation gelegentlich schön reden, und lernen, mich so anzunehmen, wie ich eben bin.

Das kann sogar Spaß machen und die Kreativität anregen. So werde ich Ratschlaggebern weiterhin freundlich begegnen, aber sie besser nicht an meinen Gedanken teilhaben lassen. Ermunterern, die mich zum Sport animieren möchten, werde ich sagen, dass ich bereits seit Jahren intensiv „Powersitting“ betreibe. In Bekleidungsgeschäften werde ich – natürlich ganz aus Versehen – „Schlimmfit“ statt „Slimfit“ sagen. Und selbstverständlich bin ich eigentlich nur viel zu klein für mein Gewicht.

Natürlich würde ich mir auch von meiner Umwelt mehr Gelassenheit und weniger moralischen oder ästhetischen Überzeugungswahn wünschen. Es gibt Länder, in denen Korpulenz ein hohes gesellschaftliches Ansehen hat. Gut, die Lebenserwartung ist vielleicht etwas niedriger, aber man muss sich nicht mit dem Diätschwachsinn herumschlagen und findet sofort seine Lieblingskleidung in passender Größe. Vielleicht hat man dort sogar mehr Spaß am Leben.

Und es geht auch wirklich anders im Miteinander. Vor einiger Zeit ließ ich mir ein Sakko anfertigen. Zuvor hatte ich mal wieder nichts Passendes in der mir vorschwebenden Farbe gefunden. So ging ich erstmals zu einer Firma, die fabrikmäßig maßgeschneiderte Kleidung herstellt. Für mich wurde das, was ich dort erlebte, zum „ganz großen Kino“: Kein blöder Spruch über meine Figur, nicht mal Andeutungen in Form von Formulierungen wie „besondere Weite“ oder „Das muss noch etwas weiter gemacht werden“. Der absolute Höhepunkt kam dann beim Anprobieren eines Mustersakkos. Es saß schon recht gut, war aber vorne noch etwas zu eng. Als ich das der Schneiderin mitteilte, sagte sie ganz ruhig diese mir unvergesslichen Worte: „Das werden wir dann noch bequemer machen.“ – Der Tag, die Woche, nein, die nächsten Monate waren gerettet.

(Andreas Ballnus)


 


 

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