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Kolumne: Kann passieren ...

Fahrtwind

Unser Kolumnist Andreas Ballnus verbringt seinen Urlaub besonders gerne auf Amrum. Daher ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, dass diese Insel in seinen Gedichten und Geschichten immer mal wieder als Thema oder Handlungsort auftaucht. So auch in dem folgenden Text, einer Geschichte über Gegensätze, widersprüchliche Urlaubsvorstellungen und großer Liebe.

Sie saßen auf dem Deck der Fähre, die sie zurück zum Festland nach Dagebüll bringen sollte. Vor wenigen Minuten hatten sie in Amrum abgelegt und sahen nun zu, wie die Häuser der Insel immer kleiner wurden. Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war ein heißer Spätsommertag, doch der kühle Wind, der über das Deck wehte, machte den Aufenthalt in der Sonne erträglich. Eigentlich wäre Martin ja gerne mit einer späteren Fähre gefahren. So hätte er vielleicht wieder einmal einen dieser herrlichen Sonnenuntergänge vom Schiff aus erleben können. Doch Maren hatte damals bei der Planung auf eine frühere Rückreise bestanden.

Langsam näherten sie sich der Insel Föhr. Es wurde unruhig auf dem Deck. Viele Amrum-Urlauber nutzten das gute Wetter für einen Tagesausflug zu der Nachbarinsel und drängten zu den Ausgängen. Maren hatte die Augen geschlossen und ihren Kopf an Martins Schulter gelehnt. Ihre Gesichtszüge waren entspannt – ganz anders als auf der Hinfahrt.

Martin ließ seine Blicke gemächlich über das Meer gleiten. Auch er war im Gegensatz zur Anreise wesentlich gelassener. Marens schlechte Laune hatte ihn vor einigen Tagen noch zunehmend daran zweifeln lassen, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, sie zu dieser Reise zu drängen.

Maren hasste es, im Urlaub wegzufahren. Es war ihr schon zuwider, wenn sie sich nur gedanklich damit beschäftigen musste. Sie zog es vor, in ihrer freien Zeit zu Hause zu bleiben, es sich in einem Sessel bequem zu machen, zu lesen und abends ein wenig zu spielen oder fernzusehen. Gut – ab und zu einen Spaziergang im nahen Wald oder ein Eis beim Italiener waren auch noch in Ordnung. Aber richtig wegfahren? Woanders übernachten? Sachen ein- und auspacken? Sich auf eine fremde Umgebung einlassen müssen? – Nein, nicht mit ihr!

Seit acht Jahren waren sie nun zusammen, und Martin hatte sich damit arrangiert, den Urlaub mit ihr zu Hause zu verbringen oder alleine wegzufahren. Für Maren war das nie ein Problem gewesen – sie hatte ja ihren Sessel und ihre Bücher. Martin dagegen war immer unzufriedener mit dieser Situation geworden. Es machte ihm im Grunde nichts aus, alleine zu sein. Er liebte es sogar, wenn er auf seinen Reisen und Wanderungen ganz für sich sein konnte. Doch er sehnte sich zunehmend danach, mit ihr zusammen die schönen Momente zu teilen, die er unterwegs erlebte. Darum hatte er diesmal auf einen gemeinsamen Urlaub bestanden. Nur eine Woche zusammen wegfahren. Einmal nur. Nach Amrum. Martins Lieblingsinsel. Einmal nur wollte er Maren eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen. Er probierte es mit humorigen Überredungsversuchen, bettelte und machte ihr Vorhaltungen – doch all seine Bemühungen stießen auf Granit. Erst, als er mit einer ernsthaften Beziehungskrise drohte, ging sie höchst widerwillig auf seinen Wunsch ein. Zuvor hatte er sich allerdings noch von einer Woche auf fünf Tage herunterhandeln lassen müssen.

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Die Anreise wurde zu einer wahren Tortur – weitaus schlimmer als es sich Maren in ihren ärgsten Träumen ausgemalt hatte. In dem hoffnungslos überfüllten Zug mussten sie sich mühsam zu ihren reservierten Plätzen durchkämpfen. Dann kamen sie so verspätet in Dagebüll an, dass sie die Fähre verpassten. Zwei Stunden mussten sie auf die nächste warten. Auf Amrum schließlich war der Bus von Wittdün nach Norddorf derart voll, dass sie eingequetscht zwischen anderen verschwitzten Urlaubern kaum Luft zum Atmen hatten. Als sie endlich in ihrer Ferienwohnung angekommen waren, lag Marens Laune weit unter dem Nullpunkt. Ohne auch nur ein weiteres Wort mit Martin zu wechseln, ging sie unter die Dusche und dann ins Bett. Auf seinen Vorschlag, noch einen kleinen Abendspaziergang zu machen, reagierte sie gar nicht erst. Auch am nächsten Morgen begrüßte sie ihn nur mit eisigem Schweigen und machte es sich nach dem Frühstück demonstrativ mit einem Buch auf dem Sofa bequem.

Wie ein geprügelter Hund schlich Martin aus dem Haus und war den ganzen Tag über alleine am Strand und in den Dünen unterwegs. Das war nicht der Urlaub, den er sich gewünscht hatte. Als sie dann gemeinsam zu Abend aßen, machte er ihr den Vorschlag, zu dem er sich während des Tages durchgerungen hatte.

„Ich hätte dich nicht zu diesem Urlaub drängen dürfen. Wenn du willst, fahren wir morgen nach Wittdün und erkundigen uns, ob wir unsere Rückfahrkarten umtauschen und früher abreisen können.“

Einen Moment lang sah Maren ihn schweigend an, dann nickte sie: „Es tut mir leid, aber das hier ist echt nichts für mich. Mir fehlt wirklich alles, um mich wohl zu fühlen.“

Martin spürte sofort den Stich, den diese Aussage bei ihm verursachte. Seine Anwesenheit schien also nicht dazu beizutragen, dass sie sich wohl fühlen konnte. Doch er schwieg lieber, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen.

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Die Fähre hatte inzwischen Föhr erreicht. Martin musste schlucken, als er an jene Momente zurück dachte. Es waren Momente gewesen, in denen er das Ende ihrer Beziehung vor sich gesehen hatte. Liebevoll legte er seinen Arm um Maren und küsste sie auf die Stirn. Sie lächelte und blinzelte ihn kurz an. Dann schloss sie wieder die Augen und ließ ihre Gedanken schweifen.

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Gleich am nächsten Morgen fuhren sie nach Wittdün. Dort ließ sie sich von Martin überreden, mit ihm zur Seeseite zu gehen, um wenigstens einen kurzen Blick auf den Kniepsand zu werfen. Als sie die Strandpromenade erreicht hatten und Maren diese weite Sandfläche vor sich sah, war sie schier überwältigt. Während ihrer Urlaubsplanung hatte sie zwar gelesen, dass es sich um eine riesige, bis zu 1,5 Kilometer breite und 15 Kilometer lange, Sandbank handeln würde, die direkt mit der Insel verbunden war – doch dieser Anblick erfüllte sie nun mit Ehrfurcht. Wie angewurzelt blieb sie stehen und konnte ihren Blick nicht mehr abwenden.

„Magst du mich alleine lassen?“, flüsterte sie nach einiger Zeit.

„Ja klar, ich dreh hier 'ne Runde am Strand und hol dich dann wieder ab“, antwortete Martin verunsichert und bemühte sich, Haltung zu wahren.

„Nein, ich will wirklich alleine sein! Fahr zurück nach Norddorf oder mach, was du willst. Aber lass mich jetzt bitte alleine!“

Während sie das sagte, rannen ihr Tränen über die Wangen. So tief beeindruckt war sie von der Weite, die da vor ihr lag.

„Und was ist jetzt mit der Rückfahrt? Soll ich die Fahrkarten umtauschen oder nicht?“

„Martin, hau endlich ab und lass mich in Ruhe!“, brüllte sie ihn daraufhin unter Tränen an und rannte hinunter zum Kniepsand.

Völlig verstört schaute er ihr nach, wie sie immer weiter hinauslief und irgendwann nach schier endlos langer Zeit seinen Blicken entschwand.

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Maren kuschelte sich enger an Martins Schulter. Föhr lag hinter ihnen, und der kühle Fahrtwind strich sanft über ihr Gesicht. In Gedanken war sie wieder auf dem Kniepsand unterwegs, sah und spürte noch einmal diese wunderbare Weite und erinnerte sich an ihre Freudentränen. Es war, als hätte sie etwas entdeckt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. An Martin und seine Empfindungen dachte sie in jenen Momenten nicht. Erst am späten Nachmittag, als sie bei ihrer Rückkehr in die Ferienwohnung seine verweinten Augen erblickte, wurde ihr klar, dass es einiges aufzuklären und zu besprechen gab.

Von da an war eine frühere Rückfahrt kein Thema mehr. Maren verbrachte jeden Tag einige Stunden alleine auf dem Kniepsand. Mal ließ sie sich einfach nur so über ihn hin- und hertreiben, mal setzte sie sich irgendwo in den Sand und las. Im Laufe des Nachmittags zog sie dann mit Martin los, um mit ihm gemeinsam den Rest der Insel zu erkunden.

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Das Rattern des Schiffsmotors, die Sonne und der kühle Wind ließen Martin immer weiter entspannen. Er hatte Maren eines seiner liebsten Urlaubsziele zeigen können und sie an etwas teilhaben lassen, was für ihn sehr wichtig war.

„So fühlt sich Glück an!“, dachte er und ließ liebevoll seinen Blick über ihre weichen Gesichtszüge gleiten. Sie schien nun tatsächlich eingeschlafen zu sein. Wer weiß, vielleicht würde sie ja irgendwann doch noch einmal mit ihm zusammen in den Urlaub fahren – nach Amrum oder woanders hin, in ein paar Jahren vielleicht …

„Nächstes Jahr bleiben wir aber mindestens eine Woche und fahren mit einer späteren Fähre zurück“, sagte sie in diesem Augenblick, und ein spitzbübisches Lächeln huschte über ihr Gesicht.

(Andreas Ballnus)


 


 

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