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Kolumne: Kann passieren ...

Fensterputzen

Es soll Menschen geben, die gerne Fenster putzen. Unser Kolumnist Andreas Ballnus gehört definitiv nicht dazu. Zwar kann es bei dieser Tätigkeit durchaus recht kommunikativ zugehen, aber dadurch macht sie nicht unbedingt auch gleich mehr Spaß.

Clara hat einen eingewachsenen Zehennagel. Ihr Sohn hat Probleme mit der Prostata, und ihre Tochter bekommt bald das vierte Kind vom dritten Mann. Jetzt war ich wieder über das Neuste aus Claras Leben informiert – und außer mir auch die gesamte Nachbarschaft. Ich hatte gerade mit dem Fensterputzen begonnen, als Clara – sie wohnte auf der anderen Straßenseite genau gegenüber meiner Wohnung – als Clara also ihr Fenster öffnete und zu mir herüberrief: „Hey, Andreas! Lange nicht gesehen, was!“

„Stimmt, ich hab dich auch lange nicht gesehen“, antwortete ich.

„Wie geht’s dir?“, hallte es von der anderen Straßenseite herüber.

„Danke gut, und dir?“

Ich hatte nicht vor, genauer ins Detail zu gehen – Clara dagegen schon. Ihr „Mir geht’s ‚Danke‘, man lebt und stirbt ja dann doch irgendwann“, war nämlich nur der Anfang ihres in aller Ausführlichkeit folgenden Tagesreports. Neben der Sache mit dem Zehennagel, den Prostata-Problemen und dem erwarteten Nachwuchs gab es noch weitere Neuigkeiten. So erfuhren die Nachbarn und ich, dass Clara außerdem noch ihre schlecht angepasste Zahnprothese plagte (… ja, ja, unser Gesundheitswesen ...), ihr Diabetes Anlass zur Sorge gab (… war schon Thema beim letzten Klönschnack), und sie seit einigen Tagen eine heftige Magen-Darm-Verstimmung hatte – Gott sei Dank wollte sie da nicht näher ins Detail gehen. Aus dem Tagesreport entwickelte sich langsam ein Jahresrückblick – wir hatten uns wirklich sehr lange nicht mehr gesehen.

So plötzlich, wie sie das Gespräch begonnen hatte, beendete sie es auch.

„Na, dann mach mal gut Platz für neuen Dreck!“, rief sie mir noch über die Straße zu, bevor sie ihr Fenster schloss.

Ich blieb zurück und begann über den Sinn und Unsinn des Fensterputzens im Speziellen und dem des Saubermachens im Allgemeinen nachzudenken.

„Platz für neuen Dreck schaffen“, hatte Clara gesagt. Aus diesen wenigen Worten entstand für mich eine wahre Prüfung – hatte ich mich doch, wie immer, nur mühsam zu meiner heutigen Fensterputzaktion aufraffen können. Sollte das ganze Putzen also von vornherein sinnlos sein? Ist ein Leben ohne Putzen möglich? Wie könnte das aussehen? Warum mache ich das Ganze überhaupt? – Vielleicht, damit Mutti stolz auf mich sein kann, wenn sie mich besuchen kommt – „Guck mal Mutti! Ich habe alle Fenster ganz alleine geputzt, und Tante Clara hat mir dabei zugesehen ...“ – Nein, Schluss jetzt mit diesen trüben Gedanken! Ich mache sauber! – Ja, ich will!

Ich putzte mehr oder weniger munter weiter. Es war ein so schöner warmer Frühlingstag, den ich auf gar keinen Fall nur mit Hausarbeit verbringen wollte. Die Chancen dafür standen gar nicht schlecht. Es war Samstag, ich war vor elf Uhr aufgestanden und hatte gestern schon die Einkäufe fürs Wochenende erledigt. Außerdem wollte Gabi nachher vorbeikommen und mit mir spazieren gehen – vorausgesetzt, so hatte sie gesagt, dass ich bis dahin die Spuren lustvollen Herumschlampens in meiner Wohnung beseitigt hätte. Ich hasse es, auf diese Art und Weise erpresst zu werden.

Unter mir tauchte der wohlbeleibte Schnacker vom Nebenhaus auf. Er kam vom Einkauf und legte vor unserem Hauseingang seine obligatorische Pause ein. Wie immer setzte er sich auf die kleine, etwa fünfzig Zentimeter hohe Mauer, die unser Grundstück vom Gehweg abgrenzte. Diesmal holte er sich allerdings nicht eine Dose Bier aus seiner Einkaufstüte hervor, sondern starrte zu mir in den ersten Stock herauf.

„Pass bloß auf, dass du nicht abstürzt!“, rief er mir mit heiserer Stimme zu. „Die meisten Unfälle passieren nämlich beim Fensterputzen!“

Na danke, gerade hatte ich mich zum Weitermachen motivieren können, da wurde ich erneut mit der Sinnlosigkeit meines Tuns konfrontiert. Wenn ich es schon sehr schwer nachvollziehen konnte, dass manche Menschen dazu bereit sind, für ihre eigene Schönheit zu leiden, wie extrem dämlich wäre es dann, für eine schöne Wohnung zu sterben? Meine Gedanken wurden deutlich existenzieller. Dennoch gelang es mir, mutig weiterzuputzen.

„Wenn du nicht mehr weißt, ob es Tag oder Nacht ist, dann wird es Zeit zum Fensterputzen“, tönte es nun wieder von unten nach oben.

Ich biss die Zähne zusammen. Gott sei Dank ersparte er mir das Angebot, auch noch bei ihm die Fenster zu putzen, wenn ich hier fertig wäre. Den Spruch hätte ich jetzt nämlich überhaupt nicht gebrauchen können. In der Hoffnung, dass er durch eine passende Antwort meinerseits auch gar nicht erst auf die Idee kam, diese Einladung auszusprechen, rief ich ihm zu: „Ich hatte in letzter Zeit ständig das Gefühl, wir hätten dichten Nebel, wenn ich aus dem Fenster geguckt habe!“

„Als ich das letzte Mal Fenster geputzt habe, habe ich erst gesehen, dass auf der anderen Straßenseite Häuser sind!“, toppte er meine Antwort, packte seine Einkaufstüte und ging langsam weiter nach Hause.

Ich setzte meine selbstauferlegte Zwangsarbeit fort. Das Wetter schien immer schöner und mein Handeln immer unsinniger zu werden. Nein, zumindest für diesen Teil der Hausarbeit war ich nicht geboren worden. Doch jetzt musste ich da durch.

„Wenn du hier fertig bist, kannst du ja gleich bei mir weitermachen“, erklang es plötzlich hinter mir.

Obwohl ich die ganze Zeit am Fenster zugange gewesen war, hatte ich Gabi nicht kommen sehen. Sie war wohl durch den Hintereingang ins Haus gelangt. Auch das Aufschließen der Wohnungstür hatte ich nicht bemerkt. Nun stand sie breit grinsend da und knallte mir diesen Spruch aller Sprüche um die Ohren. Ausgerechnet meine geliebte Gabi musste mir mitten in einer akuten Sinnkrise das antun.

Für einen Moment war ich nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich reagierte motorisch. Der Lappen traf Gabi mitten im Gesicht. Es war ein nasser, dreckiger Lappen. Gabi war eine sehr attraktive, schöne Frau, und sie gehörte zu den Menschen, die dazu bereit waren, stundenlang für ihre Schönheit zu leiden. Mein Lappenwurf erwies sich als ein Make-up ruinierender Volltreffer. Nun drohte mir doch noch ein Sturz aus dem Fenster – aber das ist eine andere Geschichte.

(Andreas Ballnus)


 


 

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2 Kommentare

von Rüdiger Aboreas
28.03.16 19:37 Uhr
Kolumne "Kann passieren" von A. Ballnus

Super!
So kann man auch das Fensterputzen
für allerlei Gespräche nutzen.

von Andreas Ballnus
07.04.16 18:54 Uhr
Genau!

Fensterputzen sorgt für

- sozialen Austausch
- neue Kontakte
- Festigung alter Kontakte
- Bewegung an frischer Luft

und nebenbei auch noch für saubere Fenster.

:-)

Danke für die Rückmeldung!

 

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