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Kolumne: Kann passieren ...

Freie Fahrt

„Wenn der Weg das Ziel ist, kann man nicht falsch abbiegen.“ Dieser Aphorismus von unserem Kolumnisten Andreas Ballnus beschreibt gut, worum es in dem folgenden Text geht. Begleiten Sie also die Protagonistin der Geschichte auf ihrer Fahrt an die Ostsee – und entdecken Sie einen weiteren, zwischen den Zeilen verborgenen Weg, auf dem diese sich befindet.

„Wenn möglich, bitte wenden.“

Bei strahlendem Sonnenschein ist sie gleich morgens aufgebrochen. Vorher hatte sie es sich aber nicht nehmen lassen, ausführlich zu frühstücken.

„Nach 50 Metern rechts abbiegen.“

Die beiden vorderen Seitenfenster hat sie heruntergelassen. Sie mag es, wenn die kühle Zugluft durch ihr Haar weht.

„Jetzt rechts abbiegen.“

Im Radio wird die Musik ihrer Jugend gespielt. Sie hat die Lautstärke höher gedreht als sonst. Und niemand ist da, der sich beschweren könnte.

„Wenn möglich, bitte wenden.“

Sie will an die Ostsee. Ist einfach so losgefahren – ohne langes Planen, ohne viel einzupacken, ohne weitere Vorbereitungen – ohne ihn.

„Nach hundert Metern rechts abbiegen.“

Ihr Ziel ist die Küste östlich von Priwall. Die Gegend kennt sie noch nicht. Sie hat „Priwall“ ins Navi eingegeben. Vor Ort wird sie sich dann eine ruhige Ecke suchen. Wird schon klappen, irgendwie. Doch zunächst muss sie aus der Stadt herauskommen – dieser für sie immer noch so fremden Stadt, in die sie vor drei Jahren seinetwegen gezogen war.

„Jetzt rechts abbiegen.“

Sie hat Zeit und will die Fahrt genießen. Leise summt sie die Melodie mit, die gerade gespielt wird. Und keiner sagt, dass ihre Summerei nervt. – Sie biegt links ab.

„Wenn möglich, bitte wenden.“

Das Gewerbegebiet, durch das sie nun fährt, kennt sie nicht. Hier war sie noch nie. Es ist Sonntag, die Straßen sind leer, keine Menschenseele weit und breit. Sie dreht die Musik noch stärker auf und singt laut mit.

Das Navi schweigt. Muss wohl den Weg neu berechnen. Sie grinst.

Schon seit Jahren will sie mal wieder an die Ostsee fahren, um dort zu baden. So, wie sie es als Kind in jedem Sommer getan hatte. Heute ist es endlich so weit. Irgendwo dort an der Küste bei Priwall wird sie ins Meer laufen und schwimmen – ohne Badeklamotten, einfach so. Mit ihm zusammen wäre das nie möglich gewesen.

„Nach 50 Metern rechts fahren.“

Die Wohnung hat sie einfach so verlassen. Ohne zu prüfen, ob das Licht überall ausgeschaltet ist, ohne alle Fenster zu kontrollieren, ob sie auch wirklich geschlossen sind, ohne mehrfach an der bereits verschlossenen Tür zu rütteln.

„Jetzt rechts fahren und dann dem Straßenverlauf drei Kilometer folgen.“

Sie fährt rechts und biegt dann gleich in die nächste Straße links ab.

„Wenn möglich, bitte wenden.“

Die Stimme des Navis bleibt ruhig und sachlich, egal, wie sie fährt. – Gleich wird sie wieder falsch abbiegen.

Die Ostsee kann warten.

(Andreas Ballnus)


 


 

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