Sie sind hier: Startseite Hamburg Leben Kolumnen & Glossen
Weitere Artikel
Kolumne: Kann passieren ...

Frühlings-Blues

Frühling – die Zeit des Aufbruchs. Die Tage werden wärmer, das Leben beginnt zu sprießen und die Liebe erwacht. Unser Kolumnist Andreas Ballnus erzählt die Geschichte von einem schlecht gelaunten Misanthropen, den die Aussicht auf die schönsten Tage des Jahres auch nicht milder stimmen kann.

Noch war es Winter – Hamburger Winter. Das heißt, es war nass und kalt mit ein wenig Schnee. Bald, also in ein paar Monaten, würde der Frühling kommen. Der konnte richtig schön sein in Hamburg. Musste er auch, weil der Sommer wahrscheinlich wieder einmal ausfallen und der Herbst bereits im Juli beginnen würde. Natürlich war das nicht immer so, aber doch recht häufig. Zumindest war es eine gefühlte Häufigkeit – erst recht, wenn man gerade nicht so gut drauf war.

Patrick saß in seinem Stamm-Café und starrte in das winterliche Grau. Gedankenverloren nippte er an seinem Latte Macchiato. Vor ihm lag die aufgeschlagene Tageszeitung. Das Kreuzworträtsel hatte er in Rekordgeschwindigkeit gelöst. Nun war die Zeit gekommen, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Und diese führten ihn geradewegs zu seinem jährlichen Frühlings-Blues.

Die milde, warme Luft, überall blühte und grünte es ...

Frühling – eigentlich eine schöne Zeit. Die milde, warme Luft, überall blühte und grünte es, an Alster und Elbe tummelten sich die Spaziergänger und man konnte nun wieder draußen vor den Cafés sitzen. Vor allem aber änderte sich im Frühling das Erscheinungsbild der Frauen. Während sie in der kalten Jahreszeit durch oft sehr unförmige Winterkleidung regelrecht verunstaltet wurden, verwandelten sie sich, sobald die Temperaturen stiegen, in attraktive, ihre Figur betonende, zauberhafte Wesen.

Doch genau damit begann für Patrick das ganze Übel. Bei diesem Anblick wurden in ihm tiefsitzende Sehnsüchte geweckt. Im Grunde war er überzeugter Single und lebte ein Leben, das dem eines Eremiten glich – von seinen Besuchen im Café und einigen wenigen Freunden, mit denen er sich hin und wieder traf, einmal abgesehen. Lediglich Diogenes, sein vier Jahre alter Kater, durfte ihm dauerhaft Gesellschaft leisten. Patrick, der aufgrund einer Erkrankung schon mit Anfang Dreißig nicht mehr arbeitsfähig war, galt als ein leicht verschrobener Typ. Er grüßte die Nachbarn nie, wirkte immer so, als wäre er leicht genervt, und in seiner Wohnung sah es stets wie geleckt, regelrecht steril, aus. Die Gespräche mit ihm gestalteten sich oft schwierig, da er Smalltalks hasste und sich ansonsten nur für Themen interessierte, bei denen sonst kaum jemand mitreden konnte. So schwärmte er für chinesische Opern, hatte eine umfangreiche Maultrommelsammlung und verehrte den kenianischen Schriftsteller Meja Mwangi. Manchmal verließ er tagelang seine Wohnung nicht, igelte sich ein, um zu lesen oder Musik zu hören. Er zelebrierte sein Alleinsein regelrecht. So schaltete er das Telefon und die Haustürklingel ab, ließ den ganzen Tag über die Gardinen zugezogen, öffnete nicht einmal seinen Briefkasten, und an der Tür zu seiner Wohnung, im achten Stock eines Hochhauses, klebte dann ein Zettel auf dem stand „Bitte nicht stören“.

Aber dieses Lebensmodell wurde jedes Jahr erneut im Frühling auf eine harte Probe gestellt. Er hatte durchaus einen Blick für schöne Frauen und auch ein paar wenige kurze Beziehungen gehabt. Doch nachdem Carola ihn verlassen hatte und der daraus resultierenden Depression war er zu dem Entschluss gekommen, ab sofort alleine zu leben. Diese Entscheidung hatte er nie bereut. Trotzdem spürte Patrick mit Beginn der wärmeren Jahreszeit eine in ihm aufkommende und inzwischen so fremde Sehnsucht nach Zweisamkeit. Diesem Angriff auf seine Gefühlswelt stand er immer wieder hilflos gegenüber. Die ihn ebenfalls regelmäßig heimsuchende Frühjahrsmüdigkeit konnte gar nicht groß genug sein, um diesen Impuls zu betäuben. So war für Patrick der Frühling eine Zeit der inneren Kämpfe und Widersprüche.

Erschwerend kam hinzu, dass bei Patrick das Umsteigen von den weiten, schlabbrigen Winterklamotten auf T-Shirts und luftige, kurzärmlige Hemden genau den gegenteiligen Effekt hatte wie bei den Frauen. Spätestens jetzt wurde das ganze Elend seines unförmigen Äußeren erst richtig sichtbar. Und das war erfahrungsgemäß erst der Anfang allen Leidens. Man würde ihn wie jedes Jahr im Frühling ständig auf seine Figur ansprechen und fragen, ob er während des Winters zugenommen hätte und was er dagegen tun wolle. Seine Freunde und Bekannten würden ihm dann dieselben gut gemeinten Tipps und Ratschläge geben, wie im letzten Jahr, dem vorletzten und all denen davor.

Das Handy klingelte. Es war Mark. Mark war Schriftsteller und schon seit der Kindheit mit Patrick befreundet. Zwar hatte er noch nie etwas veröffentlicht, doch war er sich ganz sicher, dass dies nur daran lag, weil niemand bisher sein wirkliches Talent entdeckt hatte. Da er von seiner schriftstellerischen Tätigkeit nicht leben konnte, arbeitete er bei den Hamburger Verkehrsbetrieben als Fahrkartenkontrolleur.

Trotzdem blieb er in der Rolle des übellaunigen Misanthropen.

„Na, Alter, du hast ja vergessen, dein Handy auszustellen!“, höhnte Mark in seiner leicht kehligen und immer salopp klingenden Stimme.

„Sehr komisch, was gibt's denn?“ Patrick musste grinsen. Mark schaffte es immer wieder, ihn aus seiner Griesgrämigkeit herauszuholen. Trotzdem blieb er in der Rolle des übellaunigen Misanthropen.

„Oh, ich höre schon, du bist richtig gut drauf“, lästerte Mark weiter.

„Genau, ich bin in Top-Laune! Also, was gibt's?“

„Ich wollte dich um Rat fragen. Ob du 'ne Idee hast. Da gibt es eine Ausschreibung für Kurzgeschichten. Das Motto lautet ‚Huch, der Frühling!‘ und irgendwie fällt mir nichts ein. Hast du 'ne Idee?“

„Ich könnte was liefern zu dem Motto ‚Ach du Scheiße – der Frühling!‘.“

„OK, schon verstanden, du bereitest dich jetzt schon auf deinen alljährlichen Frühlings-Blues vor. Etwas früh, findest du nicht auch? Ich habe dir doch schon im letzten Jahr gesagt, du solltest mal zu 'ner Ernährungsberatung gehen …“

„… und endlich mit Sport anfangen, eine Therapie machen und so weiter und so weiter. Am besten gefiel mir eigentlich deine Idee, dass ich ins Kloster gehen solle“, unterbrach ihn Patrick mit leicht theatralischem Unterton.

„Das war nun wiederum nicht so ernst gemeint.“

„Es war aber dein bester Vorschlag.“

„OK, ich gebe auf. Und für mein Problem hast du keine Idee?“

„Hm, wie wäre es mit 'nem Typen, der den Nachnamen ‚Frühling‘ hat, und überall, wo er auftaucht, sagen die Leute ‚Huch, der Frühling!‘?“

„Danke, aber lass mal gut sein. Das passt irgendwie nicht. Ruf mich an, wenn du vom Blues befreit bist und wieder losrocken willst.“

Mark legte auf und Patrick starrte wieder nach draußen. Im Frühling würde es hier anders aussehen, dann tobte das Leben. Er versank erneut in seine Gedankenabgründe. Es behagte ihm gar nicht, jetzt schon zu wissen, dass er in wenigen Wochen von einem zufriedenen, weitgehend ausgeglichenen Einzelgänger zu einem von Frühjahrsmüdigkeit geplagten, unförmigen, notgeilen Single mutieren würde. Schon jetzt stieg in ihm sein Groll auf all die Frühjahrsfetischisten auf, sein Missmut über all die Pärchen, die dann plötzlich überall zu sehen waren, und er verdammte all die Frühlingslieder und -gedichte, die er je kennengelernt hatte. Was ihm blieb war die Hoffnung – die Hoffnung auf den Herbst. Einen Herbst, der möglichst schon im Juli begann.

(Andreas Ballnus)


 


 

Frühling
Blues
Andreas Ballnus
Kurzgeschichten

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Frühling" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: