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Kolumne: Kann passieren ...

Gleis 10

„Gleis 10“, so lautete 2003 das Motto eines Schreibwettbewerbs, den das Hamburger Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ über einige Jahre hinweg veranstaltet hat. Bei seinen Recherchen stellte unser Kolumnist Andreas Ballnus fest, dass es im Hamburger Hauptbahnhof zwar ein Gleis 10, aber keinen dazugehörigen Bahnsteig gab. Vor dem Hintergrund entstand dann die folgende Geschichte.

„Kein Bahnsteig für Gleis 10!“

Viktor schüttelte verständnislos den Kopf.

„Im Hamburger Hauptbahnhof gibt es keinen Bahnsteig für Gleis 10!“

Viktor war müde. Er war immer müde, schon seit Jahren, Tag für Tag. Seine Gedanken kreisten. Langsam, sehr langsam kreisten sie nur um dieses eine Thema: ‚Kein Bahnsteig für Gleis 10!‘

Er war erst vor ein paar Tagen nach Hamburg gekommen. Doch obwohl er sich seitdem fast täglich im Bahnhof und dessen Umfeld aufgehalten hatte, war ihm die Sache mit Gleis 10 bisher noch gar nicht aufgefallen. Das wäre wahrscheinlich auch so geblieben, wenn da nicht die Sache mit den drei jungen Männern gewesen wäre:

„Der Kiosk an Gleis 10 ist noch offen“, hatte ihm einer der drei auf seine Frage geantwortet, wo er denn hier noch ein paar Dosen Bier bekommen könne.

Mehrmals war er danach den Südsteg auf und ab gegangen, bis ihm endlich klar geworden war, dass sich die drei einen Spaß mit ihm erlaubt hatten. Es gab keinen richtigen Bahnsteig für Gleis 10, sondern lediglich eine Art Zugang, der ausschließlich für das Bahnpersonal gedacht war. Weder vom Nord- noch vom Südsteg aus war dieser zu erreichen. Und einen Kiosk gab es natürlich erst recht nicht.

Inzwischen war es kurz nach Mitternacht. Viktor stand auf dem Südsteg, das Gleis 10 lag direkt unter ihm. Versonnen schaute er hinunter und stützte sich dabei mit verschränkten Armen auf das Geländer. In seinem alten verdreckten Rucksack war doch noch eine Dose Bier gewesen. Er hatte keine Idee, woher er seinen Vorrat für die Nacht und den nächsten Morgen bekommen sollte. Beim Kiosk an Gleis 10 sicherlich nicht.

„Ein Gleis für die Durchreise.“

Dieser Gedanke gefiel Viktor. Auch er war auf der Durchreise. Er war das ganze Leben lang immer auf irgendeiner Durchreise gewesen. An die meisten Stationen konnte er sich längst nicht mehr erinnern. Zu viel war passiert und noch mehr gab es, das er vergessen wollte. Die Erinnerungen daran dämmerten irgendwo hinter einem diffusen Nebel aus langsamen, trägen Gedanken vor sich her. Nur manchmal tauchten plötzlich in seinem Kopf ein paar Bilder oder Worte auf, die aus einer anderen, längst vergangenen Zeit stammten.

Erinnerungsfetzen, die dann genau so schnell wie sie gekommen waren wieder in diesem dichten Nebel seines müden Kopfes verschwanden. Selbst an die aufregende Zeit, als er gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Deutschland ausgewandert war, erinnerte er sich nur noch sehr bruchstückhaft, genauso wie an die Versuche, der Familie zuliebe endlich sesshaft und ruhiger zu werden.

Doch Viktor blieb auf der Durchreise, und seine Familie blieb letztendlich ebenfalls nur eine Zwischenstation in seinem Leben – so, wie auch die windgeschützte Ecke des Abbruchhauses, die ihm als Schlafplatz diente, nur eine weitere Zwischenstation war. Irgendwann würde er wieder seine Sachen zusammenpacken und weiterziehen. Eine andere Stadt, ein anderer Schlafplatz, ein anderer Bahnhof.

Immer noch schaute er gedankenverloren auf das Gleis 10 hinunter und nippte an seinem Bier. Während auf den anderen Gleisen hin und wieder ein paar Züge ein- und ausfuhren, lag Gleis 10 wie ausgestorben unter ihm da. Auch auf Gleis 9 – ebenfalls ohne Bahnsteig – war noch kein Zug durchgefahren seit er dort oben stand. Wahrscheinlich handelte es sich um zwei Rangiergleise.

„Rangieren, ausrangieren, hin- und herschieben, herumgestoßen werden ...“

Viktors Gedanken wurden immer schwerer. Irgendwann in seinem früheren Leben hatte er wohl öfters solche tiefen Gedankengänge gehabt. Doch auch diese Erinnerungen schob er meistens schnell wieder beiseite. Für sie war ein Gleis 10 genau das Richtige – bloß nicht anhalten, bloß nicht aussteigen.

Er nahm einen weiteren kräftigen Schluck, stellte dann die Dose auf den Boden zwischen seine Füße, um sich langsam eine Zigarette zu drehen. Es war eigentlich ein guter Tag gewesen. Gleich am Morgen hatte ihm jemand ein halbes Päckchen Tabak geschenkt. Außerdem hatte er auf dem Wochenmarkt in der Nähe seines Schlafplatzes beim Auf- und Abbauen helfen können und sich so ein paar Euro dazuverdient. Doch was half ihm das Geld, wenn es jetzt nirgendwo mehr ein paar Dosen Bier zu kaufen gab.

Viktor schaute auf die Uhr. Es wurde langsam Zeit für ihn, sich auf den Weg zu seinem Schlafplatz zu machen. In wenigen Minuten würde die letzte S-Bahn fahren. Vielleicht hatte er ja noch Glück und fand unterwegs einen Kiosk oder eine Tankstelle, an der er sich etwas zu Trinken besorgen konnte. Er nahm das Bier in die eine und die Zigarette in die andere Hand, um dann langsam hinunter zum Bahnsteig zu schlurfen.

„Na, Alter! Hast du dein Bier noch bekommen?“

Viktor drehte sich langsam um. Hinter ihm standen feixend die drei jungen Männer, die ihn vor einigen Minuten zu dem nicht vorhandenen Kiosk an Gleis 10 geschickt hatten. Einen Moment lang schaute er bedächtig von einem zum andern. Dann deutete er mit einer flüchtigen Kopfbewegung auf die Dose Bier in seiner Hand hin.

„Ja, vielen Dank! Hat gerade noch geklappt!“, sagte er nach einer kleinen Pause, und der Hauch eines leicht spöttischen Lächelns huschte über sein müdes Gesicht.

Wer mehr erfahren möchte über das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“, findet hier weitere Informationen: www.hinzundkunzt.de.

(Andreas Ballnus)


 


 

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