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Kolumne: Kann passieren ...

Heimkehr

In diesem Monat erwartet Sie ein eher surrealistischer und etwas verstörender Text unseres Autors Andreas Ballnus. Geschichten dieser Art schreibt er eher selten. Sie polarisieren – manche Leser sind begeistert, andere lehnen sie komplett ab; eine Position irgendwo dazwischen gibt es selten. Doch machen Sie sich einen eigenen Eindruck.

Leise zog er sich im Flur die Schuhe aus, schlüpfte in seine Hauslatschen und öffnete behutsam die Tür zum Wohnzimmer. Eine wohlige Wärme schlug ihm entgegen.

Sie saß nahe am Fenster in ihrem Lieblingssessel, hatte sich eine Wolldecke umgewickelt und las. Draußen ging ein trüber Tag zu Ende, bald würde er nahtlos in die Dämmerung übergehen. Nur die Stehlampe, deren Lichtkegel sie umhüllte, erleuchtete das Zimmer.

Er blieb in der Tür stehen und beobachtete sie. Nach einer Weile hob die junge Frau den Kopf und schaute zu ihm hinüber. Ein Lächeln huschte über ihr zartes Gesicht. Auch er lächelte. Ohne den Blick von ihm zu lassen, legte sie das Buch auf die Fensterbank. Ihre Mundwinkel zuckten ein wenig, während sie ihn weiterhin schweigend ansah.

Langsam ging er zu ihr hinüber. Sie ließ ihn dabei nicht aus den Augen. Dicht neben dem Sessel blieb er stehen. Er begann sanft durch ihr langes dunkelblondes Haar zu streichen. Sie schloss die Augen und das leichte Zucken um ihre Mundwinkel verschwand für einige Momente. Er beugte sich zu ihr hinunter, gab ihr einen kurzen verspielten Kuss auf die Nase und drückte dann seine Stirn an die ihre. So verharrten sie eine kurze Weile mit geschlossenen Augen. Nur das leise Ticken der Wanduhr war zu hören. Seine Finger spielten immer noch leicht in ihren Haaren und begannen allmählich behutsam ihre Wangen zu streicheln.

„Es ist wieder so weit!“, flüsterte sie, als er gerade damit begonnen hatte, zärtlich ihre Stirn zu küssen.

Der Blick des jungen Mannes wurde ernster. „Jetzt gleich?“, fragte er mit sanfter Stimme. „Ja, jetzt gleich! Ich kann nicht mehr ...!“ Ihre Stimme versagte.

Langsam stand sie auf und schmiegte sich dicht an ihn. Er umarmte sie, küsste ihre Haare und begann diese sanft zu streicheln. Immer wieder ließ er seine Hände an ihrem Kopf und dann über ihren Rücken hinunter gleiten. Sie klammerte sich fest an ihn. Ihre Stirn schien sich regelrecht in seine Brust zu bohren. Sie atmete immer kräftiger und kürzer.

Plötzlich riss sie sich mit einem schrillen Schrei von ihm los, woraufhin er, ohne den Blick von ihr zu lassen, langsam zur Wohnzimmertür zurückging. Ihr eben noch weiches Gesicht glich nun einer hässlich-verzerrten Maske. Weiter schreiend ergriff sie die Stehlampe, schleuderte diese quer durch das Zimmer klirrend in die gläsernen Schranktüren. Fegte anschließend mit kurzen Handbewegungen das Buch und die Blumentöpfe von der Fensterbank. Nahm einen Stuhl, schleuderte ihn mit solcher Wucht gegen die Wand, dass er zerbrach. Ergriff ohne mit dem Schreien aufzuhören erneut die Stehlampe, zertrümmerte laut krachend den gläsernen Wohnzimmertisch. Hielt für einen kurzen Moment lang inne. Die Lampe glitt ihr aus den Händen, fiel zu Boden. Schwer atmend jagte ihr Blick unruhig durch das Zimmer. Gleichdarauf hastete sie brüllend hinüber zu dem Glasschrank, kippte diesen mit einem heiseren Röcheln um, riss die Türen des zweiten Schranks auf, warf das Geschirr, das sich in ihm befand, scheppernd gegen die Wände und auf den Boden. Bei dem Versuch, auch diesen Schrank umzukippen, verlor sie das Gleichgewicht, stürzte. Drosch kniend wie von Sinnen mit bloßen Fäusten auf das Sofa ein und versuchte erfolglos den Bezug zu zerreißen. Mit einem letzten markerschütternden Schrei warf sie eines der Kissen durch das Zimmer, sackte in sich zusammen, blieb keuchend liegen, während sich ihre Fingernägel in den Teppich bohrten.

So lag sie da inmitten der Trümmer. Ihr schwerer Atem wurde langsam leiser. Irgendwann verstummte sie. Lag einfach nur da. Regungslos. Es war still im Zimmer. Ganz still. Nur das Ticken der Wanduhr hallte durch den Raum. Je länger die Stille anhielt, um so lauter schien das Ticken zu werden. Als es nahezu unerträglich wurde, richtete sie sich langsam wieder auf, blieb knien, starrte mit müden Augen ins Leere. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Stille Tränen. Noch eine ganze Zeitlang weinte sie lautlos auf dem Boden kauernd.

Währenddessen hatte er die ganze Zeit über an der Tür gestanden und sie aufmerksam beobachtet. Erst, als sie ihn kurz mit unsicherem Blick anschaute, ging er langsam zu ihr hinüber. Er ließ sie nicht aus den Augen. Unter seinen Hausschuhen knirschten die Scherben. Langsam kniete er sich zu ihr und nahm sie zärtlich in die Arme. Wieder klammerte sie sich fest an ihn und drückte ihren Kopf gegen seine Brust.

„Es wird alles wieder gut“, flüsterte er.

„Ja“, antwortete sie leise, „das wird es!“

(Andreas Ballnus)


 


 

Andreas Ballnus
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