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Kolumne: Kann passieren ...

In der anderen Welt

Tagträume – auch sie können Stoff für Geschichten liefern. So ergeht es hin und wieder auch unserem Autor Andreas Ballnus. Manchmal verwischen sich aber die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. So wie in der folgenden, etwas unheimlichen, Geschichte, in welcher sich der Protagonist plötzlich an einem ganz anderen Ort befindet, als er sich eben noch aufgehalten hatte.

Was war geschehen? Plötzlich stand ich auf dem Bürgersteig einer belebten Straße, die mir völlig unbekannt war. Eben noch hatte ich frierend an der Haltestelle gestanden und auf meinen Bus gewartet. Doch nun hatte sich die Welt um mich herum schlagartig verändert.

Es war unheimlich. Ich war wie erstarrt und wagte kaum zu atmen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Nur langsam traute ich mich, mir die Umgebung näher anzuschauen. Die Sonne schien wohlig warm. Autos fuhren zügig die Straße entlang, und eine Straßenbahn schlängelte sich spielerisch zwischen den Häuserzeilen hindurch. In einer Fußgängerzone drängten sich Menschen um eine Vielzahl von Marktständen. Das Leben um mich herum pulsierte. Jeder ging eifrig seinen Geschäften nach.

Ich kam mir vor wie ein fremder Beobachter, der sich mitten im Geschehen befand und doch nicht dazu gehörte. Während mein Blick unruhig umher eilte, spürte ich, dass – abgesehen von dem plötzlichen Ortswechsel – irgendetwas anderes auch nicht so war, wie es sein sollte. Ich sah die Autos, die durch die Straßen fuhren, ich sah die Straßenbahn, die gerade hinter einer Kurve verschwand, ich sah die Marktfrauen, die ihre Waren anpriesen, ich sah ...

Ein kalter Schauer durchzog mich. Genau, das war es. Schlagartig wurde mir bewusst, was hier nicht in stimmte und was mich so irritierte. Es ging gar nicht um das, was ich sah, sondern das, was ich hörte, beziehungsweise nicht hörte. Es herrschte Totenstille um mich herum! Weder die Autos, noch die Straßenbahn, noch die Marktfrauen waren zu hören. Es war so, als liefe vor meinen Augen ein Film ohne Ton ab.

Nur mühsam gelang es mir, mich zu beherrschen. Zögernd hielt ich einen Mann an, der mir entgegen kam. Obwohl es mir irgendwie lächerlich erschien, fragte ich ihn, wo ich hier überhaupt wäre und ob es tatsächlich so still sei, wie es mir vorkäme. Als ich meine Frage stellte, stockte mir der Atem – keine einzige Silbe, kein Laut von dem, was ich sagte, war zu hören. Fassungslos versuchte ich es noch einmal. Nichts – es war so, als würde sich jeder Ton sofort auflösen und verschwinden, bevor er überhaupt meinen Mund verlassen hatte.

Der Mann sah mich verwundert an. Sofort hätte ich vor Scham im Boden versinken können. „Natürlich“, schoss es mir durch den Kopf, „ich würde wahrscheinlich auch seltsam gucken, wenn mich jemand mitten in der Stadt anhalten und dann vor meinen Augen lediglich den Mund auf und zu machen würde“. Aber hatte ich wirklich nichts gesagt? Noch einmal blickte ich in das Gesicht des Mannes und hätte vor Entsetzen fast aufgeschrien. Sein Gesicht – es war starr wie eine Maske. Dieses Gesicht konnte sich gar nicht wundern; es konnte sich auch nicht ärgern, freuen oder eine andere Gefühlsregung zeigen. Wie versteinert stand ich da und starrte den Mann an. Sein nichtssagender Blick durchbohrte mich regelrecht. Dann drehte er sich um und ging mit einem leichten Kopfschütteln weiter.

Ich blieb fassungslos zurück. Nun erst bemerkte ich, dass alle Menschen um mich herum genau die gleichen ausdruckslosen Maskengesichter hatten. Es war gespenstisch. Panik breitete sich in mir aus. Diese Stille, diese Masken – immer verrückter kam mir das vor was ich sah, und immer mehr zweifelte ich an meinem eigenen Verstand. Da standen Menschen zusammen, die sich unterhielten; die Marktfrauen priesen immer noch ihre Waren an; ein weinendes Kind trottete neben seiner Mutter an mir vorüber; auf einer Bank in der Fußgängerzone saß ein Straßenmusikant, der Akkordeon spielte; und vor einem Geschäft bellte ein angeleinter Hund. Das alles sah ich, ohne auch nur einen Laut zu hören.

Mich drängte es danach, laut aufzuschreien. Und ich schrie – ich schrie solange bis mir der Hals weh tat. Doch niemand drehte sich um. Warum hätte es auch irgendjemand tun sollen? Es war ja nichts zu hören gewesen.

Wie in Trance ließ ich mich dann durch die Straßen treiben. Ich konnte nicht mehr klar denken, ich wollte nicht mehr denken. Mein Verstand, meine Sinne waren kaum noch vorhanden. Apathisch ging ich weiter, immer weiter, bis ich zu einem großen Platz kam, in dessen Mitte eine alte gelbe Telefonzelle stand. Unwillkürlich musste ich lachen. Es war das lautlose Lachen eines Wahnsinnigen. Wozu brauchte man hier ein Telefon? Aber gleich darauf blieb mir das Lachen im Halse stecken. Entgeistert sah ich, wie eine Frau auf das Telefonhäuschen zulief. Sie nahm den Hörer ab, warf Geld ein, wählte und fing an zu reden. Das heißt, sie bewegte den Mund so, als ob sie reden würde, doch ich konnte nichts hören – auch als ich ganz nahe heranging, drang kein Ton an mein Ohr.

Ratlos setzte ich mich in Sichtweite der Telefonzelle auf eine Bank und wartete. Gleich in der Nähe befand sich ein Springbrunnen, dessen stummes Wasserspiel für einige Minuten meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Vor meinem inneren Auge tauchten Bilder vom Meer, breiten Flüssen und kräftigen Gewittern auf. Doch die dazu gehörenden Geräusche begannen in meiner Erinnerung zu verblassen.

Es dauerte einige Zeit bis die Frau ihr Telefonat beendet hatte. Unschlüssig saß ich da und starrte hinüber zu der nun leeren Telefonzelle. Dann gab ich mir einen Ruck und ging langsam zu ihr hinüber – ich musste es wissen. Zögernd nahm ich den Hörer ab. Kein Ton klang mir aus der Muschel entgegen. Mit zitternder Hand warf ich etwas Geld ein. Dann wollte ich wählen und zuckte zusammen. Die Tasten hatten weder Zahlen noch andere Beschriftungen. Hastig schlug ich das ausliegende Telefonbuch auf – es hatte nur leere weiße Seiten! Irritiert blickte ich mich um. Nun erst bemerkte ich, dass nirgends etwas Geschriebenes zu sehen war: keine Reklamen, keine Straßenschilder, selbst die Kennzeichen der Autos waren unbeschriftet. Bedächtig wählte ich trotzdem die Nummer eines Freundes, doch es ertönte kein Rufzeichen. Langsam legte ich den Hörer auf. Das Geld kam nicht wieder heraus.

Erst jetzt fiel mir mein Handy ein. Ich zog es aus der Jackentasche und starrte es ungläubig an. Sämtliche Beschriftungen waren verschwunden, und auch das Display war leer – nur die Beleuchtung funktionierte. Langsam steckte ich es wieder ein.

Diese Stille! Diese Totenstille und die gesamte Situation, in der ich mich befand – es war zum verrückt werden! Ich zwang mich dazu, tief durchzuatmen. Mein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, und mein Herz schlug immer wilder. Ich setzte mich an den Rand des Brunnens und tauchte meine Hand in das Wasser, um mich abzukühlen. Dabei sah ich mein Spiegelbild. Mir wurde für einen Moment lang schwarz vor Augen. Das Gesicht, das mir da entgegensah, war ausdruckslos mit starrem, mattem Blick. Es war genau so ein Gesicht, wie die anderen Gesichter dort auf der Straße – tot.

Mich konnte nun nichts mehr halten. Außer mir vor Panik lief ich die Straße hinunter, bog in eine der vielen Nebenstraßen ein und lief ziellos durch ein Labyrinth von Gassen, bis ich irgendwann stehen blieb und mich erschöpft an eine Hauswand lehnte. Nein, das durfte nicht sein – ich war jetzt einer von ihnen, eine Maske! Mein ganzer Körper zitterte. Die Gedanken jagten nur so durch meinen Kopf. Was war nur mit mir geschehen? Wie war ich hier hergekommen? Wie konnte ich aus diesem Horror wieder entfliehen? Ich bestand nur noch aus schierer endloser Angst.

Schleppend ging ich weiter. Nach einiger Zeit führte mich die Gasse zurück zur Hauptstraße. Die Leute gingen achtlos an mir vorüber, und mir wurde erneut bewusst, dass ich jetzt einer von ihnen war. Es erschien trotzdem alles so unwirklich, so wie in einem Alptraum: Man wünscht sich, endlich aufzuwachen, doch der Traum, der schreckliche, geht weiter.

Vor einem Hochhaus blieb ich stehen. Schon von Weitem hatte ich auf seinem Dach eine Aussichtsplattform entdeckt. Frische Luft! Ich brauchte frische Luft zum Atmen. Und ich wollte weg, einfach nur weg. Weg von diesen Straßen, weg von diesen Menschen. Zögernd ging ich hinein. Es war niemand zu sehen. Ein Fahrstuhl brachte mich sanft in die oberste Etage. Von dort aus führte eine Treppe auf das Dach. Der frische Wind tat mir gut. Für einen Moment lang konnte ich tief durchatmen und mich ein wenig entspannen. Langsam ging ich nach vorne an das engmaschige Drahtgitter, welches die Plattform umzäunte, und schaute hinunter. Vor mir lag eine Stadt, die aussah wie jede andere auch, mit dichtem Verkehr und vielen Menschen, doch eben ohne den geringsten Lärm.

‚Lärm‘ – welch andere Bedeutung dieses Wort für mich bekam. ‚Lärm‘ wurde zu einem Wunsch, zu einem Traum. Lärm – einfach nur Lärm. Wie viel hätte ich jetzt dafür gegeben, im Lärm fast ersticken zu dürfen. Ich wollte so schreien, dass sich alle Leute nach mir umdrehten; ich wollte das Knattern eines Motorrades genießen; das Bellen eines Hundes in mich einsaugen; ich wollte eine Ramme stampfen hören; mich über das schrille Geschrei eines Kleinkindes freuen und Ohrensausen von zu lauter Musik bekommen. In Gedanken flehte ich um Lärm, wie ein Verdurstender um Wasser. Doch stattdessen umhüllte mich eine alles erdrückende Stille, und eisige Einsamkeit ergriff meinen Körper. Wieder glitt mein Blick nach unten.

„Spring runter!“, flüsterte eine Stimme in mir. „Spring, bevor es zu spät ist.“ Ich war nahe daran, es wirklich zu tun. Doch im letzten Moment zögerte ich. So grotesk es auch klingen mag: Wenn ich springen sollte, dann wollte ich mich wenigstens schreien hören. Ein langer erlösender Schrei sollte mich von all dem befreien. – Nein, noch gab ich nicht auf! Während meines Rückwegs nach unten versuchte ich mir immer wieder einzuhämmern, dass solch eine Welt nicht existieren könnte. Aber sie war da, und ich mitten in ihr drin!

Direkt vor der Tür des Hochhauses befand sich eine Bushaltestelle an der einige Menschen standen. In dem Moment, als ich auf die Straße trat, kam ein Bus, hielt an und öffnete seine Türen. Die Leute drängten hinein und zogen mich wie ein Sog mit sich mit. Ich zahlte nicht. Niemand zahlte. Der Bus fuhr los. Mir gegenüber saß ein alter Mann. Er sah mich mit diesem starren Blick an und bewegte ständig seinen Mund.

„Er redet mit mir!“, durchfuhr es mich. In mir stieg Wut und Verzweifelung auf. So stark hatte ich diese Gefühle noch nie in meinem Leben erlebt. Ich wollte ihn verstehen! Ich wollte wissen, was er sagte! Diese Machtlosigkeit, diese Ohnmacht! Schon fing ich an zu bereuen, dass ich nicht gesprungen war. Nun sah ich dieses ausdruckslose Gesicht des alten Mannes, der mit mir redete, ohne dass etwas zu hören war. Meine Augen hingen an seinen Lippen und bemühten sich, zumindest einige Worte abzulesen. Ich spürte, wie mir der Schweiß auf die Stirne trat, während mein Mund langsam auszutrocknen begann.

„... meine Frau einen Herzinfarkt bekommen. Es wird an der Hitze damals gelegen haben, wissen Sie. Seitdem bin ich vorsichtig – habe auch ein schwaches Herz. Mein Sohn sagt immer, ich soll auch die Gartenarbeit sein lassen, aber das will ich nicht! Etwas Abwechslung braucht der Mensch schon, finden Sie nicht auch? Ach ja, man wird alt, da kann man dann nicht mehr so, wie man gerne möchte. Aber alles ändert sich. Als ich noch Kind war, bin ich hier mit dem Pferdewagen langgezogen, Autos gab's da noch kaum. Jetzt hat man alles zugebaut, die ganze Natur ist futsch! Und das nennt man dann Fortschritt! Da schneidet sich der Mensch noch ins eigene Fleisch, Sie werden sehen! So, ich muss hier raus. Sie fahren bis zur Endstation? Entschuldigen Sie, wenn ich so viel geredet habe, aber wenn man alleine ist ... Sie wissen schon. Einen guten Tag noch!“

Er stieg aus, und ich saß wie benommen da. In wenigen Sekunden war aus dieser starren toten Maske ein normales, menschliches Gesicht geworden. Ein altes Gesicht mit vielen Falten. Und der Mann hatte mit mir gesprochen! Und ich hatte ihn verstanden! Und ich hatte gehört, was er gesagt hatte! Jedes Wort hatte ich aufgenommen, so, als müsste ich es auswendig lernen. Bis dahin waren mir solche Monologe von fremden Leuten zuwider gewesen. Doch nun ...

Allmählich nahm ich auch das Gemurmel um mich herum wahr. Den Autolärm, die Polizeisirene, die Stimme des Busfahrers – alles war zu hören. Jetzt erkannte ich auch die Straßen wieder. Ich saß in dem Bus, auf den ich gewartet hatte. Es war wie das Erwachen aus einem tiefen Traum. Noch konnte ich mir das, was ich da gerade erlebt hatte, nicht erklären, doch die Erleichterung, die mich erfasste, war unbeschreiblich. Es drängte mich danach, mit anderen Menschen zu reden. Hatte dieser Alptraum tatsächlich ein Ende gefunden? Zaghaft tippte ich dem Mann, der vor mir saß, auf die Schulter.

„Entschuldigen Sie! Könnten Sie mir bitte sagen, wie spät es ist?“, hörte ich mich fragen. Es war so wunderbar, mich selber wieder sprechen zu hören. Was für ein herrliches Gefühl. Ich kam mir vor wie neugeboren. Und in der Scheibe spiegelte sich nicht mehr eine Maske, sondern ein lebendiges Gesicht. Mein Gesicht!

Der Mann drehte sich um und ich zuckte zusammen. Mir blickte ein ausdrucksloses, versteinertes Gesicht, mit starren toten Augen entgegen. Der Mann zog wortlos den Ärmel hoch und ließ mich auf seine Uhr blicken. Dann drehte er sich wieder um und starrte nach vorne.

(Andreas Ballnus)


 


 

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