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Kolumne: Kann passieren ...

König von Hamburg

Manchmal kann der Tag schon versaut sein, bevor er richtig begonnen hat. Und das, obwohl die Rahmenbedingungen eigentlich optimal sind. Dies beschreibt unser Kolumnist Andreas Ballnus in einem Alltagsmärchen der besonderen Art, in das er irgendwie mit verstrickt ist.

Als ich eines schönen Morgens aufwachte, spürte ich, dass sich über Nacht etwas Gravierendes in meinem Leben verändert hatte. Ein wenig benommen räkelte ich mich in meinem Bett, um noch etwas weiter zu dösen – so, als wollte ich gar nicht wahrhaben, was da geschehen war. Dann aber wurde mir die unglaubliche Entwicklung der letzten Stunden schlagartig bewusst. Ich fuhr hoch und saß kerzengerade, schwer atmend in meinem Bett. Es war so weit. Einfach so. Über Nacht. Ohne mein Dazutun. Es war tatsächlich passiert, und ich hatte immer schon gewusst, dass es einmal so kommen würde. Ich spürte es im ganzen Körper und war mir ganz sicher, dass nun der Tag aller Tage gekommen war. Langsam sackte ich wieder zurück ins Bett.

„Oh Scheiße, ich bin jetzt König von Hamburg!“ Mir war nämlich durchaus klar, welche Konsequenzen diese Entwicklung ab sofort für mich haben würde:

König von Hamburg zu sein, das hieß zum Beispiel, dass ich künftig nicht mehr einfach mal so quer durch die Stadt bummeln könnte. Eine Heerschar von Leibwächtern, Beratern, Journalisten und Wichtigtuern würde ab jetzt die ganze Zeit um mich herumschwirren. Alles, was ich von nun an tat, wohin ich schaute oder mit wem ich redete, war von großer Bedeutung. Jede Bewegung, jedes Wort und jede Mimik musste ich ab sofort genauestens kontrollieren, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Ich hatte außerdem penibel auf mein Äußeres zu achten, und war wahrscheinlich in Zukunft dazu gezwungen, fast nur noch in Hemden mit Krawatte herumzulaufen.

Als König von Hamburg konnte ich nicht einmal mehr unbeobachtet in der Nase popeln, ohne dass es jemand mitbekam. Im Gegenteil – die ganze Stadt wüsste es spätestens am folgenden Tage. „Der popelnde König von Hamburg“ wäre vermutlich die Top-Schlagzeile der Tageszeitung – Fotos der königlichen Nase im Großformat inklusive.

König von Hamburg zu sein, bedeutete auch, dass bald Hunderte von Leuten behaupten würden, sie seien schon immer meine Freunde gewesen. Meine alten Freunde würden sich womöglich wegen des ganzen Rummels um meine Person von mir zurückziehen oder hätten gar keine Chance, an diesem Heer von Leibwächtern, Beratern und Wichtigtuern vorbeizukommen. Wahrscheinlich hätte ich auch gar keine Zeit mehr für sie. Mein neuer Freundes- und Bekanntenkreis bestand ja von nun an aus Personen wie den Königen von Berlin, Bremen und Hannover, dem Fürsten von Lübeck und den Grafen von Lüneburg und Kiel, sowie einer Reihe weiterer erlauchter Herrschaften aus adligen Kreisen. – Die süße Aufsicht aus meiner Stamm-Billardhalle konnte ich mir unter diesen Umständen natürlich gleich wieder abschminken – als König von Hamburg musste ich eine standesgemäße Beziehung eingehen.

König von Hamburg zu sein, das hieß außerdem, dass ich meine kleine Zweizimmerwohnung aufgeben und irgendwo anders hinziehen musste. – Dabei brauche ich doch immer so lange, um mich an eine neue Umgebung zu gewöhnen. Außerdem hasse ich Umzüge, Veränderungen und so etwas – Sternzeichen „Stier“, sagt ja eigentlich schon alles. Und wo sollte ich denn überhaupt hinziehen? Ins Rathaus wollte ich nicht – das wäre mir einfach zu riesig. Von mir aus konnten dort meine zukünftigen Befehlsempfänger, der Bürgermeister mit seinen Senatorinnen und Senatoren, so eine Art parlamentarische WG gründen. Nein, meine Residenz sollte zum einen deutlich kleiner als das Rathaus sein und sich zum anderen in einem Stadtteil von Hamburg befinden, der sich am besten dazu eignete, die Weltoffenheit und Toleranz dieser Stadt zu repräsentieren – also irgendwo in Altona, Ottensen, dem Schanzenviertel, St. Pauli oder St. Georg. Doch dann konnte ich eigentlich auch gleich in meinem Stadtteil, dem Dulsberg, wohnen bleiben.

Aber egal, ich war ja nun König von Hamburg und hatte sicherlich irgendwo so einen Hansel, der dafür zuständig war, sich genau um diese und andere Probleme zu kümmern. – Mir wurde plötzlich klar, dass ich jetzt außerdem Leute hatte, die für mich kochen, waschen und die Einkäufe erledigen würden. Ich hatte einen Chauffeur, mehrere Autos, und Privatresidenzen überall auf der Welt. Meine Schuhe wären ab sofort immer ordentlich geputzt, meine Ernährung – wenn ich es denn befehlen würde – gesünder und meine Hemden wieder gebügelt. Hey, ich brauchte auch endlich keine Fenster mehr zu putzen!

Andererseits würden sich deshalb ab sofort bei mir zu Hause auch ständig irgendwelche fremden Leute aufhalten. – Merkwürdigerweise war an diesem Morgen noch keiner von ihnen zu sehen. – Doch mir war bewusst, dass ich von nun an nicht mehr einfach mal so in der Unterhose vorm Fernseher sitzen und mir Kekse übers T-Shirt krümeln konnte. Jeden Rülpser oder Furz würden meine Angestellten mitbekommen. Meine gesamten persönlichen Eigen- und Uneigenarten wären schon bald allen wohl vertraut. Sobald es auch nur die kleinste Unzufriedenheit über meinen Umgangsstil mit ihnen gäbe, würden sie mich gleich spüren lassen, wie viel sie über mich wussten. Dann bräuchten sie im Grunde nur noch kurz andeuten, dass es sicherlich viele Leute in der Stadt gäbe, die sich brennend für solche intimen Informationen über ihren König interessierten. – Oh mein Gott! … Ich war plötzlich erpressbar geworden!

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Ich wachte also eines schönen Morgens auf und spürte, dass ich ab sofort König von Hamburg war. In meinem Kopf drehte sich alles, und ich begann, mir sehr tiefgehende Gedanken zu machen. Angstschweiß bildete sich auf meiner Stirn, und ich fühlte mich plötzlich gar nicht mehr so wohl. Deshalb rief ich sofort nach meinem Leibarzt. Doch irgendwie hatte es sich noch nicht herumgesprochen, dass ich nun der König von Hamburg war. Der Mann wollte einfach nicht zu mir kommen. Aber ich war schon zu schwach, um mir irgendwelche Konsequenzen für ihn zu überlegen. Da auch mein Chauffeur nicht aufzutreiben war, schleppte ich mich mühsam in die Praxis meines bisherigen Hausarztes, der mich dann auch sofort krankschrieb.

So war ich schon innerhalb der ersten Stunden meines königlichen Daseins ein geschwächter König geworden. Aus verschiedenen Quellen wusste ich, dass geschwächte Könige häufig einer Intrige oder gar einem Attentat zum Opfer fielen. Ich konnte also in Kürze schon tot oder wieder abgesetzt sein, ohne überhaupt richtig mit dem Regieren begonnen zu haben.

„Oh Scheiße!“, durchfuhr es mich. „Regieren muss ich bei all dem Stress ja auch noch!“

Ich dankte daraufhin sofort wieder ab und führe seitdem ein ruhiges Leben, das auch seine Höhen und Tiefen hat. Doch wenn ich wieder einmal alles in dieser Welt ändern und auf den Kopf stellen will und mich so unendlich machtlos fühle, fallen mir jene dramatischen Stunden ein, in denen ich König von Hamburg war und beinahe einem Attentat zum Opfer hätte fallen können.

(Andreas Ballnus)


 


 

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