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Kolumne: Kann passieren ...

Kopf-Kino

„Nachbarschaft“ ist eine schier unerschöpfliche Quelle für reale Begebenheiten und erfundene Geschichten. Die Lindenstraße lässt grüßen. Auch unser Kolumnist Andreas Ballnus weiß immer mal wieder von solchen Ereignissen zu berichten. Nach der bereits auf business-on.de veröffentlichten Geschichte „Blockmusik“ geht es diesmal um die teils wahren, teils ausgedachten Erlebnisse in seiner recht hellhörigen Wohnung.

Sobald meine Nachbarin über mir besonders laut Musik hört – vornehmlich Rumba – ist ihre Fernbeziehung zu Besuch, und beide rammeln, was das Zeug hält. Sie sehen sich selten, aber wenn es dann endlich mal wieder soweit ist, lassen sie es richtig krachen. Doch meine Nachbarin möchte nicht, dass wir anderen Bewohner des Hauses alles mit anhören, weshalb sie immer die Musik voll aufdreht. Dabei wissen wir inzwischen natürlich längst, was gerade abläuft, wenn die Rumba-Rhythmen unsere Tassen im Schrank zum Klirren bringen.

Ich wohne schon länger in diesem Haus. In der Wohnung über mir gab es bereits mehrere Mieterwechsel und somit auch die unterschiedlichsten Geräuschkulissen: Kindergetrampel, Ehestreitigkeiten oder nächtliche Saufgelage.

Besonders gut erinnere ich mich an die Katze, die ebenfalls eine Zeitlang dort oben lebte. Genau über meinem Schlafzimmer spielte sie nachts gerne mit einem Flummi. Ich erwähnte noch nicht, dass wir Holzfußböden haben – plopp, plopp, plopp-popp-popp-popp-popp – plopp, plopp, plopp-popp-popp-popp-popp … – Das war dann auch die Zeit, in der ich damit begann, mich mit Morsezeichen zu beschäftigen. Aber wirklich weitergebracht hat mich das nicht.

Auch die junge Frau, die wochenlang sämtliche Dielen mit einer kleinen Handschleifmaschine bearbeitete und kurz nachdem sie damit fertig war wieder auszog, werde ich so schnell nicht vergessen. Sie hat vermutlich etwas anderes zum Schleifen gefunden.

Ja, unser Haus ist sehr hellhörig. Ein 20er-Jahre-Bau mit quietschenden Holzfußböden und dünnen Wänden. Wenn man etwas andübeln möchte, sollte man schon aufpassen, dass man dem Nachbarn nicht das Bild zerstört, das möglicherweise genau auf der anderen Seite der Wand hängt.

Apropos „dübeln“ – mein Nachbar neben mir hört keine Musik, wenn er gerade dübelt. So weiß ich ebenfalls immer Bescheid, wenn seine Freundin bei ihm ist. Auch die Gespräche zwischen den beiden bekomme ich regelmäßig mit. Allerdings unterhalten sie sich nur noch sehr leise oder verständigen sich mit Zeichen, seit ich ihm mal gesagt habe, er solle seiner Freundin nicht so oft ins Wort fallen – sie hätte nämlich häufig recht interessante Gedanken. Ich habe tatsächlich schon viel von ihr gelernt. Dass sie sich mit Zeichen verständigen, weiß ich übrigens seit meinem missglückten Versuch, ein Hängeschränkchen an die Wand zu dübeln – noch haben sie das Bohrloch nicht entdeckt.

Allein diese beiden Nachbarn sorgen bei mir für großes Kopf-Kino – mal mit musikalischer Untermalung, mal ohne. Doch auch die übrigen Bewohner tragen zu meiner Unterhaltung bei. Lindenstraße oder andere Dokusoaps sind nichts gegen das, was ich in diesem Haus erleben darf.

Selbstverständlich möchte ich von dem Guten, das ich hier erfahre, auch etwas zurückgeben. Da ich derzeit keine Freundin habe, kann ich mit dem beliebtesten Unterhaltungsprogramm nicht dienen. Also habe ich damit begonnen, Saxophon zu lernen. Es bereitet mir wirklich viel Freude.

Interessanterweise werde ich seitdem häufiger zu den Partys meiner Nachbarn eingeladen. Das war früher nicht der Fall. Besonders auffällig bei diesen Einladungen ist, dass sich unter den Gästen immer einige alleinstehende Frauen befinden, die sich sehr um mich bemühen. Manchmal habe ich doch tatsächlich das Gefühl, dass man mich verkuppeln möchte.

(Andreas Ballnus)


 


 

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