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Kolumne: Kann passieren ...

Lohmanns Freiheit

Wenn man seiner Neugierde nachgibt und auf Entdeckungsreise geht, kann der graue Alltag plötzlich viele Überraschungen parat haben. In dieser Geschichte unseres Kolumnisten Andreas Ballnus geht es um Nachbarschaft, befremdliche Ereignisse und versteckte Talente.

Also, meine Frau meint ja, ich soll unbedingt mal über die Sache mit dem Herrn Lohmann berichten. Vorhin sagte sie gerade wieder, „Karl-Heinz“, sagte sie, „diese Sache mit dem Herrn Lohmann müsste man eigentlich aufschreiben. Mach das mal, du kannst doch so was ganz gut.“

Na ja, und da Gertrud, meine Frau, sowieso keine Ruhe gibt, wenn sie sich mal was in den Kopf gesetzt hat – besonders, wenn es mich betrifft – will ich der lieben Ruhe wegen von der Sache mit dem Herrn Lohmann erzählen.

Wir wohnen hier in einer recht ruhigen Gegend am Stadtrand von Hamburg. Viele unserer Nachbarn sind Angestellte oder Beamte. Bei den meisten Gebäuden handelt es sich um dreistöckige Mehrfamilienhäuser, Klinker aus den Sechziger-Jahren. Wie längliche Klötze führen sie von der Straße weg. Pro Klotz gibt es drei Eingänge. Zwischen den Häusern befinden sich großzügige Rasenflächen, ab und zu ein Spielplatz oder – seit kurzer Zeit – ein eingezäuntes Freilaufgelände für Hunde.

Der Herr Lohmann wohnt gegenüber in der Vierzehn im Erdgeschoss. Wenn man ihm auf der Straße begegnen und ihn nicht kennen würde, also dann würde man wahrscheinlich gar nicht bemerken, dass man ihm begegnet ist – so unauffällig ist der Mann. Er wirkte auf mich wie der Prototyp eines biederen, knorrigen Beamten. Mein Bruder, der Dieter, hat mal gesagt, dass der Herr Lohmann so das gewisse Garnichts hätte. Ich fand das ja im ersten Moment etwas hart, aber nachdem ich länger darüber nachgedacht hatte, konnte ich schon verstehen, wie der Dieter das meinte. Der Herr Lohmann wirkte meistens so trocken und in gewisser Weise auch unnahbar, dass ich immer die Vorstellung hatte, seine Büropflanzen müssten sofort zu welken beginnen, wenn sie ihn nur sahen.

Doch zu all dem kann ich nur sagen: Weit gefehlt! Dieser Mann, der wochentags immer im grauen Anzug, mit blank polierten Schuhen und mit brauner Aktentasche pünktlich um sieben Uhr fünfzehn das Haus verlässt, und der dann ebenfalls wieder pünktlich um siebzehn Uhr fünfunddreißig nach Hause kommt, der so unscheinbar ist, dass man ihn kaum bemerkt, der mit einem Zentimetermaß den Abstand seiner Blumentöpfe auf dem Fensterbrett korrigiert – dieser Mann ist ein Genie!

Als meine Frau und ich vor etwa acht Jahren hier in das Haus gezogen sind, haben wir uns schon sehr bald über die Ansammlung von Nachbarn gewundert, die jeden Samstagabend gegen neunzehn Uhr vor dem Haus Nummer vierzehn stattfand. Nach etwa einer halben Stunde löste sich dann die Gruppe wieder auf, und die Leute verschwanden langsam in ihren Hauseingängen.

Irgendwann sind dann meine Frau und ich auch mal rüber gegangen – wir, beziehungsweise meine Frau, ist ja dann doch immer neugieriger geworden. Ich wollte ja eigentlich gar nicht hingehen, aber meine Frau hatte sich das nun mal so in den Kopf gesetzt und so ging ich halt mit. Dort angekommen haben wir uns einfach zu den anderen dazugestellt und abgewartet. Nach einiger Zeit war durch das Milchglasfenster eines der Badezimmer im Erdgeschoss deutlich das Rauschen der Toilettenspülung zu hören. Daraufhin ging ein leises Raunen durch die Menge. Einen kurzen Moment später erklang dann das Prasseln der Dusche. In diesem Moment wurde es ganz still um uns herum. Ich kann gar nicht beschreiben, wie merkwürdig meiner Frau und mir diese Situation vorkam. Merkwürdig und irgendwie ... ja, irgendwie auch blöde. Doch gerade als wir uns umdrehen und gehen wollten, hörten wir diese Stimme, die uns sofort in ihren Bann zog. – Der Herr Lohmann sang.

Der Herr Lohmann sang italienische Arien, und alle hörten andächtig zu. Denn es war nicht der Gesang eines langweiligen biederen Mannes, der da unter der Dusche ein Liedchen trällerte. Nein, dort sang ein Genie, ein Gott. Ich wagte kaum zu atmen. Den anderen Zuhörern schien es ähnlich zu ergehen. Ein unbeschreiblicher Zauber lag in diesem Augenblick. Ein Zauber, der uns alle innehalten und schweigen ließ.

Nach etwa zwanzig Minuten verstummte der Gesang. Die Dusche wurde abgestellt. Wir blieben mit den übrigen Nachbarn noch eine Weile schweigend stehen. Jeder schien das, was er gerade gehört hatte, für sich noch ein wenig nachklingen zu lassen. Langsam kam ich wieder zurück in diese Welt – und mir wurde bewusst, dass ich gerade zwanzig Minuten lang vor einem fremden Badezimmerfenster gestanden und einem mir eher unbekannten Mann beim Duschen zugehört hatte. Peinlich! – Peinlichst berührt machte ich mich mit meiner Frau auf den Heimweg.

In der darauf folgenden Woche musste ich immer wieder daran denken, wie ich da mit meiner Frau vor dem Badezimmerfenster des Herrn Lohmann gestanden hatte. Trotz aller Faszination war mir die Erinnerung an diese Situation jedes Mal erneut höchst unangenehm. Doch am nächsten Samstag konnte ich mich trotz aller Skrupel nicht zurückhalten und ging gemeinsam mit meiner Frau wieder hinüber zum Badezimmerfenster des Herrn Lohmann.

Als wir da so standen und auf dessen Gesang warteten, tippte mir jemand vorsichtig auf die Schulter und bat mich, vorbeigelassen zu werden. Als ich mich umdrehte, traf mich fast der Schlag: Es war die Frau Lohmann...!

Ich wusste zunächst gar nicht, wohin ich gucken sollte, so unangenehm war mir das. Im Stillen schwor ich mir, nie wieder dorthin zu gehen und gleich ab der nächsten Woche mit der Wohnungssuche zu beginnen, möglichst weit weg am anderen Ende der Stadt.

„Sie sind neu dabei, nicht wahr?“, fragte mich Frau Lohmann.

Ich dachte, mir rutscht der Boden unter meinen Füssen weg. Nach Worten ringend starrte ich sie an. Selbst meine Frau war so überrascht, dass sie kein Wort sagte – und das hat schon was zu sagen.

„Das werde ich gleich meinem Mann erzählen, da wird der sich aber freuen!“, sagte Frau Lohmann lächelnd – und ich suchte verzweifelt etwas zum Festhalten. Zum Glück stand meine Frau neben mir, so dass ich mich bei ihr einhaken konnte.

„Behringer, Karl-Heinz Behringer aus der Sechzehn. Gertrud Behringer, meine Frau!“, jappste es hilflos aus mir heraus.

„Schön, dass Sie hier sind“, erwiderte Frau Lohmann immer noch freundlich lächelnd. „Möchten Sie nicht nachher noch reinkommen und einen Tee mit uns trinken? Mein Mann lernt seine Zuhörer gerne persönlich kennen.“

„Ich weiß nicht, ob wir ...“, weiter kam ich nicht. Meine Frau kniff mir so sehr in den Handrücken, dass mir fast die Tränen kamen.

„Natürlich, wir kommen gerne“, hörte ich sie zu meinem Entsetzen sagen. Natürlich – zur Befriedigung ihrer Neugier setzte sie mal wieder unseren Ehefrieden, unser Ansehen in der Nachbarschaft, ja quasi unsere gesamte Existenz aufs Spiel.

Und so kam es, dass wir schon wenig später bei den Lohmanns im Wohnzimmer saßen – Eiche rustikal, ich hatte es geahnt. Während Frau Lohmann unsere Bewirtung übernahm und sich ansonsten dezent im Hintergrund hielt, suchte der Herr Lohmann sehr schnell das Gespräch mit meiner Frau und mir. Bald merkten wir jedoch, dass es ihm gar nicht so sehr um uns ging. Sein eigentliches Interesse bestand vielmehr darin, in aller Ausführlichkeit von sich selber zu erzählen. Dabei sprach er so langsam und umständlich, dass weder meine Frau noch ich uns später daran erinnern konnten, was er eigentlich genau gesagt hatte. Nach etwa zwei Stunden durften wir dann endlich gehen. An der Haustür nahm uns Frau Lohmann noch einmal kurz zur Seite.

„Ja, so ist er nun mal mein Mann“, sagte sie, und es schwang ein wenig Stolz in ihrer Stimme mit. „Wissen Sie, das mit dem Gesang ist seine große Freiheit, die er sich jede Woche gönnt.“

Vielsagend blickte sie uns noch einmal an, bevor sie die Tür öffnete und uns freundlich verabschiedete. Meine Frau und ich gingen erst mal eine Runde um den Block – schweigend, jeder seinen Gedanken nachhängend. Als wir wieder zu Hause ankamen und ich die Haustür aufschloss, sagte meine Frau: „Verrückt ist das Ganze ja schon – aber ich gehe nächste Woche wieder hin!“

Ja, und das tun wir seitdem auch, meine Frau und ich. Es ist ein lieb gewonnenes Ritual, das wir nicht mehr missen wollen; wenn wir jeden Sonnabend zuhören dürfen, wie der Herr Lohmann seine große Freiheit genießt.

(Andreas Ballnus)


 


 

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