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Kolumne: Kann passieren

Lucas erster Fall

Lernen Sie in dieser Geschichte Luca kennen, ein Mädchen aus Hamburg. Völlig überraschend gerät sie in eine sehr merkwürdige Situation, die sie aber zunehmend meistert. Unser Autor, Andreas Ballnus, setzt sich diesmal auf leichte, fast schon spielerische, Art und Weise mit einem Thema auseinander, das im Grunde gar nicht so leicht ist.

Behutsam öffnete Luca ihre Augen. Sie fühlte sich leicht, so als ob sie nicht stehen, sondern schweben würde. Um sie herum war es hell, aber nicht so hell, dass es blendete. Das Licht war angenehm warm. Sie fühlte sich trotzdem irgendwie merkwürdig, so wie damals vor zwei Jahren, als sie nach der Blinddarmoperation aus der Narkose erwacht war. Genau wie damals hatte sie auch jetzt Mühe, sich zu orientieren. Was war eigentlich geschehen? Wo war sie überhaupt? Vorsichtig schaute sie sich um. Nichts. Nur ein helles ... ein heller ... Ja, was eigentlich? Ein helles Zimmer? Ein heller Raum? Eine helle Gegend?

Irgendetwas passte nicht. Luca fühlte sich nicht wohl und überlegte angestrengt: OK, sie war Luca. Zwölf Jahre alt. Wohnort: Hamburg, Steilshoop, Fritz-Flinte-Ring. Papa Busfahrer, Mama Kassiererin in einem Supermarkt. Marcel, ihr Bruder, acht Jahre alt und überaus nervig. Tina, ihre beste Freundin ... Tina! Genau! Tina! Tina müsste wissen, was geschehen war. Eben gerade noch waren sie zusammen gewesen. Endlich eine Erinnerung, die weiterhelfen konnte.

„Tina?“
Keine Reaktion.
„Tina!“
Nichts. Stille. Luca bekam Angst.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte genau in diesem Moment eine Stimme, die von irgendwoher aus diesem warmen Licht kam. Die Stimme war sehr ruhig, und Luca merkte zu ihrer Verwunderung, wie die Angst etwas nachließ.
„Du brauchst wirklich keine Angst zu haben“, wiederholte die Stimme.
„Aber was ist geschehen? Wo bin ich? Wo ist Tina?“, wollte Luca fragen, als ihr die Stimme schon antwortete.
„Du wirst dich gleich erinnern. Warte noch einen Moment.“
Luca wagte vor Aufregung kaum zu atmen. Immer noch konnte sie nichts Genaues erkennen. Um sie herum war weiterhin alles nur hell. Keine Wände, keine Möbel, keine Menschen. Nichts. Einfach nur nichts, außer dieser Helligkeit.

Die Mathearbeit! Oh Scheiße, die Mathearbeit. Sie musste nach Hause. Üben und den Spickzettel vorbereiten. Vor allem den Spickzettel vorbereiten. Die Mathearbeit! Genau! Eigentlich wollte sie mit Tina zusammen üben. Sie hatten sich gleich nach der Schule bei ihr zu Hause getroffen. Doch dann gab es mal wieder Stress zwischen Tinas Eltern, und bei der dicken Luft, die dort herrschte, war an konzentriertes Arbeiten überhaupt nicht zu denken gewesen. Also beschlossen sie, bei Luca weiterzumachen. Auf dem Weg dorthin waren sie so richtig ins Herumalbern gekommen.
„Vorpubertäres Krampfgegacker“, hätte ihr Vater wahrscheinlich mit einem leichten Grinsen gebrummt, wenn er Tina und sie so gesehen hätte.

So weit so gut. Doch was war dann geschehen? In Lucas Kopf drehte sich alles. Nur langsam tauchten weitere Erinnerungen auf, so wie Schiffe, die aus einer Nebelwand hervorglitten. Genau! Sie waren die Gründgensstraße entlang gegangen. Die Gründgensstraße! Das Motorrad! Viel zu schnell um die Kurve. Es kommt ins Schleudern. Schleudert auf sie zu. ... Nein!
„Bleib ganz ruhig“, sagte die Stimme. Sie klang nun sehr sanft und wohltuend.
„Tina?“
„Ihr ist nichts passiert“, antwortete die Stimme, bevor Luca richtig fragen konnte.
„Und ich? – Wo bin ich?“
„Warte noch ein wenig, bald wirst du alles verstehen.“

Luca merkte, wie sie langsam ärgerlich wurde. Ständig dieses „Warte noch ein wenig“ ging ihr zunehmend auf den Zeiger. Aber sicherlich war das, was hier abging, gar nicht die Wirklichkeit, sondern nur ein Traum – ein beknackter Traum. Die Mathearbeit morgen, das war die Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit würde zu einem echten Alptraum werden, wenn sie sich nicht bald weiter vorbereiten konnte.

„Hallo, ich bin Claude!“
Neben ihr stand plötzlich ein Junge – etwa sechzehn Jahre alt, dunkle kurze Haare, schwarze Jeans und ein rotes Kapuzenshirt. Er lächelte etwas verlegen.
„Ich wollte mich bei dir entschuldigen. Es war wirklich blöd von mir, aber ich hab einen Moment lang echt nicht aufgepasst. Das Motorrad, weißt du. Diese Maschinen faszinieren mich immer wieder, wenn ich sie sehe. Du ahnst gar nicht, wie sehr ich es bedauere, dass es sie noch nicht zu meiner Zeit gegeben hat.“
Luca starrte Claude sprachlos an. Doch bevor sie irgendeinen Ton sagen konnte, redete er schon weiter.
„Das muss dir hier alles ziemlich schräg vorkommen. Mir ging es genau so, als ich ankam. Du hast wahrscheinlich immer noch keine Ahnung, worum es geht. Also pass auf: Du bist hier an dem Ort, den die Menschen Himmel, Totenreich oder so nennen. Wem die Stimme gehört, kannst du dir jetzt wohl sicherlich denken. So, und nun zu mir: Meinen Namen habe ich dir ja schon gesagt.“
Claude holte einmal tief Luft, bevor er weitersprach. „Ich bin dein Schutzengel gewesen und kann mich bei dir wirklich nicht oft genug für meine Eselei entschuldigen. Aber diese Wahnsinnsmaschine …, du weißt schon. Normalerweise bin ich echt gut als Schutzengel. Alle, die ich bisher begleitet habe, sind mehr oder weniger steinalt geworden. Du bist wirklich die erste, bei der ich so einen Mist gebaut habe. Tut mir echt leid, aber ich war früher auch nur ein Mensch! Na ja, und jetzt soll ich dich zum Schutzengel ausbilden.“
Claude hatte sich so richtig in Fahrt geredet. Sein Tonfall bekam beinahe etwas Dozierendes, Lehrerhaftes .Luca hatte überhaupt keine Chance, selber auch nur ein Wort zu sagen.
„Du wirst dich vielleicht wundern, warum ich so jung aussehe, obwohl ich ja wesentlich älter sein müsste, wenn ich schon so viele Menschen begleitet habe. Nun, hier altert man eben nicht. Ich war gerade sechzehn Jahre alt, als ich während meiner ersten Fahrt als Schiffsjunge ertrunken bin. Tatsächlich bin ich schon seit 274 Jahren als Schutzengel tätig. Jetzt wirst du dich sicherlich fragen, warum ich dann Jeans und solch ein Shirt trage und so rede, wie jemand aus der heutigen Zeit. Nun, wir müssen uns an bestimmte Entwicklungen anpassen, um wirklich effektiv arbeiten zu können. Außerdem fällt es den Neuen dann leichter, sich hier bei uns einzugewöhnen. Ferner solltest du wissen, dass ...“

„Es ist gut, Claude!“, unterbrach die Stimme freundlich, aber bestimmt seinen Redefluss. „Luca, du wirst ab jetzt zusammen mit Claude als Schutzengel auf der Erde unterwegs sein. Er wird dir alles zeigen und erklären. Hab keine Angst, er redet nicht immer so viel.“

Allmählich begriff Luca, dass dies alles kein Traum war. Große Trauer ergriff sie, als sie an ihre Familie und an ihre Freunde denken musste. Doch genau in diesem Moment legte Claude seinen Arm um sie, und Luca spürte eine unbeschreiblich wohltuende Wärme in sich aufsteigen. Zwar blieb ihre Trauer noch für einen Moment, aber gleichzeitig trat immer mehr das tiefe Gefühl von Geborgenheit in den Vordergrund, und eine Ahnung, dass alles so war, wie es sein sollte.

„Ich weiß, es tut weh“, sagte Claude mit sanfter Stimme, „aber glaube mir, dieser Schmerz geht bei uns sehr schnell vorbei. Außerdem ist das Schutzengelleben oft so intensiv, dass du bald auf ganz andere Gedanken kommen wirst. Wenn ich alleine daran denke, wie du als Sechsjährige mit deinem neuen Fahrrad das Treppenhaus heruntergefahren bist, nur weil Tina dich einen Feigling genannt hatte, wird mir heute noch ganz schlecht. Das war damals wirklich Schwerstarbeit gewesen, Schlimmeres zu verhindern.“

Ein Lächeln huschte über Lucas Gesicht. Sie war damals mit einem gebrochenem Arm und unzähligen blauen Flecken und Schürfwunden davon gekommen.
„Zum Glück habe ich nicht auf einem Motorrad gesessen“, sagte sie leise und merkte mit Erstaunen, wie gleichzeitig die Erinnerungen an ihr bisheriges Leben langsam verblassten.
„Ja lästere nur!“ sagte Claude und tat so, als wäre er beleidigt. „Auch du wirst noch deine Fehler machen. Doch nun komm, wir müssen los. Es ist bald soweit.“
„Wozu ist es bald soweit?“ fragte Luca verwundert.
„Na, für deinen ersten Fall als Schutzengel. In wenigen Minuten wird ein Mensch geboren, für den du dann zuständig sein wirst. Oder hast du etwa schon vergessen, was dir eben gesagt wurde?“
„Nein, aber ich dachte, du würdest erst mal ...“
„Ich? Du sollst das lernen!“ Claude sah sie amüsiert an. „Ich werde dich begleiten, dir sagen, was du zu tun hast. Aber die Arbeit musst du dann schon selber machen. Doch keine Angst, du wirst vieles von dem, was zu tun ist, wie von selbst spüren. Das ist bei uns Schutzengeln einfach so. Und nun wollen wir mal sehen, wer dein erster Schutzbefohlene sein wird.“

Kaum hatte Claude dies gesagt, löste sich die Helligkeit auf, und sie befanden sich in einem Taxi, das mit hoher Geschwindigkeit durch eine größere Stadt fuhr. Auf dem Rücksitz saß eine junge Frau und hatte offensichtlich starke Wehen. Neben ihr saß ein junger Mann, der wild gestikulierend abwechselnd auf sie und den Taxifahrer einredete.
„So ein Mist!“ schimpfte Claude leise. „Für den Anfang hätte es ruhig auch etwas Einfacheres sein dürfen.“
„Wäre es denn einfacher, wenn sie auf einem Motorrad säße?“
„Ach, sei jetzt still und pass auf!“

(Andreas Ballnus)


 


 

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