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Kolumne: Kann passieren ...

Mein Friseur

In wohl jedem Beruf gibt es den Pflichtteil und die Kür – also das, was nicht immer Spaß bringt, aber gemacht oder ertragen werden muss, und das, was die eigentliche Freude an der Arbeit ausmacht. So hat auch der Umgang mit Kunden seine Schattenseiten, selbst dann, wenn man eigentlich gern Kontakt zu Menschen hat. In der nun folgenden Geschichte unseres Autors Andreas Ballnus werden diesbezüglich die Nerven eines Friseurs auf eine harte Probe gestellt.

„Ach wirklich“, sagt mein Friseur. Er wirkt müde. Ich sehe ihm an, wie viel Mühe er sich geben muss, um bei seiner Arbeit konzentriert zu bleiben.
‚Hoffentlich schneidet der jetzt nicht schief‘, denke ich, lasse mir aber nichts anmerken. Immerhin hat er ja seinen Meisterbrief eingerahmt an der Wand hängen; das fördert mein Vertrauen. Außerdem kennen wir uns seit Jahren, sind per Du, und mit Ende fünfzig ist er zudem ein erfahrener Vertreter seines Faches.
Gerade hatte ich von meiner Nachbarin erzählt. Also eigentlich von der Cousine der Mutter meiner Nachbarin. Diese ist vor ein paar Tagen in einen Hundehaufen getreten und hat dadurch ein Fünfzig-Cent-Stück gefunden. Es hat genau unter der Scheiße gelegen, in die sie getreten war. Das nennt man ‚Glück‘ – und ‚Können‘. Schließlich war es eine Glanztat von dem Hund gewesen, genau auf diese Münze zu kacken.

Wäre mein Friseur nicht so müde, würde er vermutlich sagen „Das ist ja interessant!“ oder ganz begeistert „Das ist ja irre!“. In Höchstform hätte er dann vermutlich auch sofort eine eigene Geschichte beigesteuert. Aber er ist müde und sagt nur „ach wirklich“. Man kann ihm seine Erschöpfung ansehen. Zwar gleiten die Hände dieses kleinen hageren Mannes routiniert mit Schere und Kamm durch das Haar, aber einem erfahrenen Beobachter wie mir ist es recht schnell aufgefallen, dass dies nicht so flink und leicht geschieht, wie man es sonst von ihm gewohnt ist. Dieser Mann braucht Hilfe, meine Hilfe. Sonst wird er den Rest des Tages nicht durchstehen. Ich will ihn etwas aufmuntern.
„Was ist rot und sitzt in der Ecke?“, frage ich ihn.
„Weiß nicht“, sagt er.
„Ein Kleinkind, das mit einer Rasierklinge spielt!“, antworte ich grinsend.
„Aha“, sagt er nur und arbeitet ohne eine Regung zu zeigen weiter.
Er klingt immer noch müde. Ihm muss es wirklich mies gehen. Doch so schnell gebe ich nicht auf.
„Was ist grün und sitzt in der Ecke?“, frage ich lauernd.
„Keine Ahnung“, murmelt er.
„Das selbe Kind nach drei Wochen!“, sage ich.
Er hält für einen Moment lang inne und schaut mich mit leeren Augen an, sagt aber nichts, sondern setzt seine Arbeit weiter fort. Die humorvolle Seite von ihm scheint auch müde zu sein. Ich wechsel das Thema. Gespräche über Dinge aus der Nachbarschaft interessieren ihn immer, das weiß ich inzwischen genau.
„Ob die wohl irgendwann etwas gegen die Pfütze unternehmen?“, frage ich ihn.
„Welche Pfütze?“, fragt er. Seine Stimme klingt monoton, irgendwie desinteressiert.
„Du weißt doch, wo ich wohne“, fange ich an zu erklären. „Direkt an der Straßenecke bildet sich nach starken Regengüssen eine riesige Pfütze. Du kannst dann dort nicht mehr über die Straße gehen. Und das ist ausgerechnet an der Stelle, an der man den Bordstein für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen abgesenkt hat. Doch wenn es geregnet hat, oder auch, wenn der Schnee geschmolzen ist, kommt da keiner mehr durch. Ich wohne jetzt schon seit über zwanzig Jahren dort, und es ist bisher noch nichts passiert. Eine Frechheit ist das!“
„Das war auch schon vor vierzig Jahren so!“, kräht Frau Papenburg. Frau Papenburg wird bereits seit etwa einer halben Stunde von meinem Friseur bedient, während ich hinter ihm stehe, um ihn bei Laune zu halten.
„Ganz gleich, wer grade regiert – den Politikern sind Pfützen egal. Stimmt's Herr Brenner?“. Sie schaut meinen Friseur ernst durch den Spiegel an.
„Ja, sicher“, sagt er und nimmt ihr den Umhang ab. „So, das war's für heute.“
Zusammen gehen sie zur Kasse. Nachdem Frau Papenburg bezahlt hat, hilft er ihr in den Mantel und begleitet sie zur Tür.
„Das mit dem grünen Kind kannte ich noch gar nicht. Der ist aber gut!“, ruft mir Frau Papenburg noch zu, bevor sie aus dem Laden geht.
„Tschüss, bis zum nächsten Mal“, sagt mein Friseur und schaut dann mich an.
„Sag mal, musst du nicht auch langsam mal nach Hause?“
„Nö“, sag ich. „Ich hab' noch Zeit. Mach ruhig weiter. Frau Kraschewski ist jetzt dran. – Wusstest du eigentlich, dass die Helgoländer von Außerirdischen abstammen?“
Mein Friseur stöhnt leise auf. Es geht ihm wirklich nicht gut. Und sein Zustand wird von Tag zu Tag schlechter. Ich mache mir ernsthaft Sorgen.

Niemandem wäre wohl aufgefallen, in welch kritischem Zustand sich mein Friseur, Armin Brenner, befindet. Gottseidank hat mir dann aber meine Frau vor etwa zwei Wochen den Tipp gegeben, mal bei ihm vorbeizuschauen. Ich erzählte ihr damals gerade von den neusten Morden in der katholischen Kirche, die derzeit vertuscht werden. Deshalb wurde ja auch der Papst durch einen Doppelgänger ersetzt, da der echte von den Machenschaften im Vatikan so bestürzt war, dass er aus der Kirche ausgetreten war. Doch das durfte natürlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Naja, als ich meiner Frau jedenfalls von diesen Vorgängen berichtete, meinte sie plötzlich, das könne ich alles meinem Friseur erzählen.
Eine hervorragende Idee, wie ich fand. Sofort machte ich mich auf den Weg zu ihm. Doch schon bald nach meiner Ankunft in seinem Salon merkte ich, wie es ihm immer schlechter ging. Daher habe ich mich dann spontan dazu entschieden, ihn jeden Tag zu besuchen und ein wenig aufzumuntern – irgendjemand muss ihm schließlich helfen.

(Andreas Ballnus)


 


 

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