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Kolumne: Kann passieren ...

Stirb Langsam

Büropflanzen – mal sorgsam gepflegt, mal schmählich vernachlässigt. Oft sind sie sehr belastbar und wahre Überlebenskünstler. Aber unser Kolumnist Andreas Ballnus weiß zu berichten, dass alles seine Grenzen hat.

Wir nannten ihn „Stirb Langsam“. Allerdings haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht, ob nun „Stirb“ der Vor- und „Langsam“ der Nachname war, oder es sich um einen Doppelnamen handeln könnte.

„Stirb Langsam“ war hart im Nehmen, ein wahrer Kämpfer. Jahrelang hatte er einen festen Platz bei uns auf der Etage gehabt, doch dann musste er umziehen. Das bekam ihm nicht gut, aber er wehrte sich tapfer gegen sein Verderben.

Alles begann damit, dass an unserem Bürogebäude ein weiteres Haus angebaut werden sollte. Daher wurden die Fenster des etwa dreißig Meter langen Flures an dieser Seite zugemauert. Und genau dort hatte „Stirb Langsam“ zusammen mit anderen Pflanzen seinen Platz gehabt. Nun war es für ihn und seine Artgenossen zu dunkel geworden, um dort weiter stehen bleiben zu können. Während aber die übrigen Pflanzen neue Plätze in den Büros der Kollegen fanden, blieb „Stirb Langsam“ übrig. Dabei war er ein ansehnlicher, wenn auch recht schlanker Benjamini von etwa ein Meter fünfzig Höhe. Irgendwann stellte irgendjemand ihn dann in der Mitte des Flures neben einer Bürotür ab. Diese hatte ein großes Glasfenster, sodass ihn wenigstens etwas Tageslicht erreichen konnte. Dort blieb er dann stehen und blätterte langsam vor sich her.

Wir Kollegen versorgten ihn mit Wasser und machten uns unsere Gedanken. Niemand wollte ihn zu sich nehmen. Die einen mochten keine Pflanzen in ihrem Büro haben, die anderen hatten schon so viele, dass es keinen Platz mehr für ihn gab. Auch zu sich nach Hause nehmen wollte ihn keiner von uns. Wir versuchten herauszufinden, wem „Stirb Langsam“ gehören könnte, wer ihn ursprünglich einmal mitgebracht hatte. Doch die Recherchen blieben erfolglos. Vielleicht war er der Nachlass von einem Kollegen, der längst in einer anderen Abteilung arbeitete oder in den Ruhestand gegangen war.

Nach einiger Zeit bot „Stirb Langsam“ mit den wenigen Blättern an seinen dürren Zweigen ein jämmerliches Bild. Unsere Meinungen darüber, wie mit ihm weiter verfahren werden sollte, gingen weit auseinander. Frau Lindemann wollte ihn einfach aus dem Fenster werfen. Direkt unter ihrem Büro befand sich ein undurchdringliches Gestrüpp.

„Das fällt doch gar nicht auf“, ereiferte sie sich regelmäßig, wenn andere Kollegen Bedenken anmeldeten.

Herr Stanzer dagegen schlug vor, ihn vor dem Hauseingang zu platzieren, damit ihn ein Interessent einfach mitnehmen könne. Frau Söller wiederum bedauerte stets, wenn wir auf „Stirb Langsam“ zu sprechen kamen, dass sie wieder ihre Gartenschere zu Hause vergessen hatte.

„Sonst könnten wir ihn jetzt fein säuberlich zerschnippeln und in den Mülleimer der Teeküche werfen“, fügte sie dann mit einem leicht theatralischen Unterton hinzu.

Solchen Ansinnen widersprach dann Frau Timme energisch. Sie plädierte für einen Mail-Aufruf an alle Mitarbeiter der Firma, mit dem Apell, „Stirb Langsam“ bei sich aufzunehmen.

„Ach was, der schafft das schon. Der kommt durch, muss sich nur an seinen neuen Platz gewöhnen“, raunzte Frau Markmann dann jedes Mal. Ihr ging die Diskussion um „Stirb Langsam“ ziemlich auf die Nerven. Sie konnte nicht verstehen, warum man so viel Aufheben um das bisschen Grünzeug machte.

„… und wenn er bis Weihnachten überlebt, wird er der Trostpreis bei unserer Tombola!“, fügte Herr Bader dann breit grinsend hinzu.

Meistens endete die Diskussion, wenn sich Herr Vogt einschaltete.

„Solange die Eigentumsfrage nicht geklärt ist, können wir nichts weiter machen“, sagte er kurz und wandte sich dann wieder seinen Akten zu.

Doch dann kam der Tag, an dem „Stirb Langsam“ plötzlich verschwunden war. Nur ein paar welke, schrumpelige Blätter lagen an der Stelle, an der er die letzten Monate über gestanden hatte. Da die Putzkolonne immer abends die Büros reinigte und „Stirb Langsam“ morgens nicht mehr da war, musste es nachts geschehen sein. Sonst hätten die Blätter dort nicht mehr gelegen. Sein Verschwinden war und blieb für uns ein Rätsel, das für noch mehr Gesprächsstoff sorgte als die Frage, was mit „Stirb Langsam“ geschehen sollte. Manche hatten die Putzleute in Verdacht, andere beschuldigten bestimmte Kollegen des Diebstahls, was zu einigen heftigen Streitigkeiten führte. Es gab sogar welche unter uns, die sich in die wildesten Verschwörungstheorien hineinsteigerten.

Ich persönlich denke ja, dass „Stirb Langsam“ einfach gegangen ist – doch das werde ich niemals öffentlich sagen.

(Andreas Ballnus)


 


 

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