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Kolumne: Kann passieren ...

Treuchtlingen

Unser Autor Andreas Ballnus schreibt zwar kein Tagebuch, aber hin und wieder gibt es Ereignisse, die ihn zu neuen Texten inspirieren. Und manchmal muss er sich dabei nichts Zusätzliches ausdenken, weil die Geschichten bereits schon „rund“ sind und nur noch aufgeschrieben werden möchten. So ist es ihm zum Beispiel im Jahr 2013 auf seiner Fahrt mit der Deutschen Bahn von Hamburg nach Ingolstadt ergangen.

Kennst Du Treuchtlingen? Ich bis eben noch nicht. Doch nun bin ich hier. Zwischenstopp auf meiner Fahrt von Hamburg nach Ingolstadt. Eigentlich sollte ich jetzt in Nürnberg sein, um dort umzusteigen. Aber wegen Bauarbeiten wurde mein ICE umgeleitet, und ich muss in Treuchtlingen den Zug wechseln. Hätte ich mir meine Reiseunterlagen genauer angesehen, dann wäre ich nicht so überrascht gewesen, wie vor etwa zwanzig Minuten, als mir das alles erst aufgefallen war.

„Write a poem“, sagte der Amerikaner, mit dem ich mich während der Fahrt ein wenig unterhalten hatte. Er begleitete seine Frau zu einem literarischen Kongress in Österreich. Beide waren früher als Professoren an verschiedenen deutschen Universitäten tätig gewesen. Doch ihr Deutsch und mein Englisch waren zu eingerostet, um sich wirklich gut unterhalten zu können. Auf jeden Fall hatten sie mir ein wenig von ihrer Arbeit in Deutschland und ihrer Liebe zu Bayern erzählt, und ich ihnen über Hamburg und davon, dass ich in meiner Freizeit schreibe.

„Write a poem“, sagte er, als ich erwähnte, dass ich gleich 45 Minuten Aufenthalt in einem Ort haben würde, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Nun bin ich also hier in Treuchtlingen. 45 Minuten Wartezeit – so dachte ich jedenfalls. Doch der Anschlusszug verspätet sich um 30 Minuten … nein, 35 – gerade springt die Anzeige um.

Treuchtlingen – ein Ort so spannend wie sein Name. Die Freundin in Ingolstadt kennt sich in der Region aus. Ich habe sie angerufen, um ihr die Verspätung mitzuteilen. Sie lacht. „Treuchtlingen ist das Tor zur Welt. Nach 3 bis 4 Minuten Treuchtlingen, will man in die Welt hinaus“, spottet sie. Die Verspätung wird sie im Internet verfolgen. Ich brauche mich daher nicht weiter bei ihr zu melden. Habe nun also 45 Minuten plus X Zeit, um ein Gedicht zu schreiben. Doch dazu bin ich nicht in Stimmung.

Es ist ein milder Sonntagnachmittag im Frühling. Gehe um den Bahnhof herum. Den Trolley ziehe ich hinter mir her. Das Knirschen seiner Räder durchbricht die schläfrige Stille, die sonst weitgehend herrscht. Ich bin schon ein wenig stolz auf mich, dass ich diesmal weniger als sonst eingepackt habe. Normalerweise erwecke ich mit meinem Gepäck bereits bei einem Wochenendtrip den Eindruck, als wolle ich umziehen. Doch diesmal reichen mir ein kleiner Koffer und der City-Rucksack.

Etwa 100 Meter entfernt sehe ich einen mächtigen Kirchenbau. Schlendere hinüber. Auf einem Zettel an der Infotafel in der Nähe des Eingangs entschuldigt sich der Pfarrer dafür, dass er aus gesundheitlichen Gründen für einige Zeit ausfällt, und bittet um Gebete.

Weiter in den Ort hinein will ich nicht gehen. Es gibt nichts, was mich dazu reizen würde – erst recht nicht mit dem Gepäck, das ich bei mir habe. Auf dem Stadtplan schräg gegenüber der Kirche sehe ich, dass es ein Schloss gibt. Werde zu Hause mal googeln. Wenn ich Pech habe, dann ist es ein super-wichtiges Schloss, das ich unbedingt hätte sehen müssen. Das wäre dann wirklich großes Pech – wer weiß, ob und wann ich jemals wieder hierher kommen werde.

Ich gehe zurück zum Bahnhof. Die Straße heißt „Bahnhofstraße“ – wie viele „Bahnhofstraßen“ es wohl in Deutschland geben mag? Während einer Wanderung im Frankenwald war ich mal in einem Dorf gelandet, von dem aus ich mit dem Zug in mein Quartier zurückfahren wollte. Auf der Wanderkarte waren eine Eisenbahnlinie und ein Bahnhof eingezeichnet gewesen. Ich stieß auch auf die Bahnhofstraße und folgte ihr. Doch sie führte ins Nirgendwo, was ich aber erst nach fünfzehnminütigem Herumirren feststellte. Der Bahnhof war schon vor Jahren platt gemacht worden, nachdem man lange Zeit zuvor bereits den Bahnverkehr eingestellt hatte. Ich musste damals den Bus nehmen, der zum Glück alle zwei Stunden durch den Ort fuhr, und nahm mir vor, nie wieder eine alte Wanderkarte zu benutzen.

Hier in Treuchtlingen wird man den Bahnhof sicherlich nicht platt machen. Auf jeden Fall nicht in der Zeit, in der ich hier bin – obwohl der Bahn inzwischen ja fast alles zuzutrauen ist. Aber diesen hier wird es noch lange geben. Also lasse ich mir auf meinem Rückweg Zeit.

Es ist ein großer Bahnhof mit sieben Gleisen und mit Fahrstühlen, die von einem Fußgängertunnel aus zu den Bahnsteigen hinauf bzw. hinab führen. Fahrstühle, bei denen man auf der einen Seite der Kabine ein- und der gegenüberliegenden Seite wieder aussteigt. Schon bald ahne ich, dass ihre Benutzung einer meiner Höhepunkte in Treuchtlingen sein wird.

Auch einen großen Kiosk gibt es hier. In ihm werden neben den üblichen Zeitungen, Zigaretten und Süßigkeiten auch Gebäck, heiße Getränke und Würstchen verkauft. Den haben sie sicherlich nur gebaut, weil man wusste, dass eines guten Tages der ICE Hamburg – München nach Treuchtlingen umgeleitet wird. Und dann hat man ganz gezielt für lange Wartezeiten und Verspätungen der Züge gesorgt. Jetzt ist er sicherlich eine Goldgrube.

Lautsprecher schallen über die Gleise. Eine Frauenstimme ermahnt, das Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Ich sehe keine zwanzig Menschen – auf alle Bahnsteige verteilt. Lethargisch blicken sie in die Richtung, aus der ihr Zug kommen soll, rauchen oder starren einfach nur so vor sich hin. Ja, Treuchtlingen scheint ein gefährliches Pflaster zu sein.

Eher aus Langeweile betrete ich den Kiosk und entdecke Postkarten. Postkarten von Treuchtlingen! Die Postleitzahl bei der rückseitigen Angabe zum Motiv ist vierstellig – es ist also schon eine etwas ältere Karte. Damals schien es ein schöner Ort gewesen zu sein – und vielleicht ist er es ja auch immer noch. Wenn nicht, dann hatten sie einen guten Fotografen zur Hand.

Ich kaufe eine Karte. Habe genug Zeit zum Schreiben von Urlaubsgrüßen. Briefmarken gibt es am Automaten neben dem Bahnhof. Gleich nachdem ich die Marke geholt habe, fährt ein Auto zügig vor. Der Fahrer steigt aus, geht im Laufschritt zu dem Briefkasten, der neben dem Automaten steht und am nächsten Tag geleert wird, wirft einen Brief ein und eilt dann zu seinem Wagen zurück, um gleich darauf rasant wieder fortzufahren. Wow, hier in Treuchtlingen geht wirklich die Post ab, da ist was los.

Setze mich auf eine Bank an Gleis 1, hole aus meinem Rucksack einen Kugelschreiber hervor und beginne den Urlaubsgruß mit den Worten:

„Kennst Du Treuchtlingen? Ich bis eben noch nicht …“

(Treuchtlingen, am 28. April 2013, nach dem Schreiben einer Postkarte. Meine Entschuldigung geht an alle Treuchtlinger und Treuchtlingen-Fans – aber das musste damals einfach raus …)

(Andreas Ballnus)


 


 

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