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Kolumne: Kann passieren ...

Weit fort

Es gibt Träume, die einen das ganze Leben über begleiten. Doch es scheint so, als sollten sie nicht in Erfüllung gehen. Man kann sie dann irgendwann aufgeben, in seiner Fantasie ausleben oder weiter darauf hoffen, dass sie eines Tages doch noch wahr werden. Von solch einem Traum handelt die folgende Geschichte unseres Autors Andreas Ballnus.

Es war ein grauer, kühler Frühlingstag. Einer jener Tage, die für den schlechten Ruf Hamburgs hinsichtlich seines Wetters verantwortlich sind. Durch die Stadt kroch der Feierabendverkehr. Das trübe Licht erzeugte eine Stimmung, die irgendwo zwischen gedämpfter Monotonie und eifriger Betriebsamkeit lag.

Wie an fast jedem Nachmittag um diese Zeit war er auch heute wieder zum Steintordamm gegangen, dieser Straße hinter dem Hauptbahnhof, unter der die Bahnsteige weit hinausragten. Von hier aus erstreckten sich die Gleise wie unermesslich lange Arme in die Ferne. Zwar verschwanden sie schon nach einem kurzen Stück hinter der Altmannbrücke, die parallel zum Steintordamm verlief, doch seine Fantasie reichte aus, um ihnen in Gedanken weiter gen Süden zu folgen. Er beobachtete, wie die Züge auf den Bahnhof zuschlichen, hineinfuhren und dann mit kreischenden Bremsen anhielten. Er sah ihnen zu, wie sie langsam anfuhren, sich ratternd und klackernd, über Weichen quietschend aus dem Bahnhof zwängten, um dann immer schneller werdend auf diesen schier endlos langen stählernen Armen zischend zu fernen Orten zu jagen. Wenn die Züge dann unter der Altmannbrücke hindurchfuhren und aus seinem Blickfeld verschwanden, war es für ihn jedes Mal so, als würden sie durch ein riesiges Tor in eine weit entlegene fremde Welt gleiten.

Seine Frau wusste nicht, dass er täglich nach Dienstschluss dorthin ging. Er hatte ihr irgendwann einmal gesagt, dass er nach der Arbeit immer noch ein wenig spazieren gehen würde und deshalb nie direkt nach Hause käme – was ja auch nicht gelogen war. Er würde sie niemals belügen. Hätte sie genauer nachgefragt, so hätte er ihr davon erzählt. Aber sie hatte es nicht getan – auch dafür liebte er sie.

Schräg unter ihm – fast zum Greifen nahe – lag der überdachte Bahnsteig der Gleise 13 und 14. Die Stelle, an der er nun stand, mochte er besonders gerne. Von hier aus konnte er die Menschen, die am Gleis 14 standen, gut beobachten. Er sah ihnen zu, wie sie sich begrüßten oder verabschiedeten. Pärchen warteten eng umschlungen auf die Ankunft des Zuges. Wer alleine unterwegs war, stand oder saß neben seinem Gepäck, telefonierte, las Zeitung oder hing seinen Gedanken nach. Durch die Fenster der Waggons konnte er später zusehen, wie die Reisenden ihr Gepäck verstauten, ihre Mäntel aufhängten, den Proviant und etwas zum Lesen hervorholten, um es sich dann in ihren Sitzen bequem zu machen. Zwischendurch schallten Lautsprecheransagen weit aus dem Bahnhof hinaus in den grauen Himmel hinein, während auf den anderen Gleisen Nahverkehrszüge und S-Bahnen regelmäßig ein- und ausfuhren.

Langsam verließ ein ICE den Bahnhof. Er fuhr in Richtung Stuttgart – das wusste er genau. Früher hatte er stets einen aktuellen Fahrplan in seiner Aktentasche gehabt, in dem nur die Züge aufgeführt waren, die Hamburg anfuhren oder verließen. Heute bediente er sich der modernen Technik in Form eines Smartphones. Doch viele der Züge kannte er inzwischen auswendig. Schließlich kam er nun schon seit über dreißig Jahren fast täglich dorthin – egal bei welchem Wetter. Nur an den Wochenenden, an Feiertagen oder in seinem Urlaub tat er das nicht. Dann widmete er sich ganz der Familie, dem Garten oder der Lektüre von Reiseberichten, die er sich regelmäßig kaufte oder aus Zeitungen und Magazinen ausschnitt, um sie dann fein säuberlich, in Klarsichthüllen gesteckt, in großen Ordnern zu sammeln.

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Heute war er von seinem Abteilungsleiter bei einer Dienstbesprechung vor allen Kollegen gelobt worden, weil er die vom Staatsrat angeforderten Informationen so schnell und gründlich zusammengestellt hatte. Es war ihm irgendwie unangenehm gewesen dieses Lob. Galt er doch sowieso schon in seiner Abteilung als der strebsame Musterbeamte, „der zwar nie wirklich Kariere gemacht hatte, aber dafür ja regelmäßig von den Vorgesetzten gestreichelt werden würde“, wie er vor einigen Wochen aus einem zufällig mit angehörten Gespräch zwischen zwei Kollegen in der Kantine erfahren hatte. Lachend erzählten sie dann einer Kollegin aus einem anderen Amt, dass er in seiner eigenen Abteilung hinter vorgehaltener Hand nur ‚Herr Bückling’ genannt wurde. Später, als er die Kollegen wieder traf, ließ er sich nicht anmerken, dass er deren Gespräch mit angehört hatte.

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Seit etwa zwanzig Minuten stand er nun schon dort über den Gleisen. Bald würde es Zeit sein, nach Hause zu gehen. Er hatte sich mit beiden Unterarmen auf das Geländer gelehnt und die alte braune Aktentasche zwischen seine Füße gestellt. Ungefähr eine halbe bis dreiviertel Stunde lang verbrachte er normalerweise dort. An jenem Tag, an dem er das Gespräch der beiden Kollegen mit angehört hatte, waren es mehr als eineinhalb Stunden gewesen. Seiner Frau hatte er deshalb extra einen großen Blumenstrauß als Entschuldigung für die Verspätung mitgebracht. Auch damals hatte sie nicht weiter nachgefragt, und er hatte ihr bis jetzt auch noch nichts von diesem Vorfall erzählt. Nun dachte er darüber nach, wie sich die Kollegen wohl das Maul über ihn zerreißen würden, nachdem er heute vor der gesamten Abteilung so gelobt worden war.

Er schaute auf die Uhr. Eigentlich hatte er es sich abgewöhnt, auf die Uhr zu sehen, wenn er dort oben stand. Stattdessen war es eine innere Stimme, die ihn irgendwann dazu anhielt, sich auf den Heimweg zu machen. Doch heute war es irgendwie anders. Er war unruhig. Die Dienstbesprechung ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Er würde wohl wieder Blumen für seine Frau kaufen müssen …

Halb fünf – in etwa fünfundzwanzig Minuten fuhr der ICE nach München ab. Dieses war sein Lieblingszug. Er fuhr weit in den Süden. Mit ihm hatte man Anschluss nach Italien, in die Schweiz und zu anderen Orten Europas. Dieser Zug war für ihn der Schlüssel in die Ferne. Immer, wenn er zu Hause einen Reisebericht las, bestieg er in Gedanken zunächst genau diesen einen ICE. Die meisten Orte aus seinen Reiseberichten waren mit ihm zu erreichen. Er wusste genau, wo er umsteigen musste, wenn er nach Zürich, Wien, Prag, Paris oder Mailand fahren wollte. Zwar gab es teilweise auch Direktverbindungen dorthin, doch hatte es ihm dieser eine ICE so angetan, dass er unbedingt mit ihm seine Reisen beginnen wollte. Natürlich kannte er auch die Verbindungen nach Berlin, Warschau oder Kopenhagen. Doch der Süden lockte ihn mehr. Als Kind war er einmal in den Süden gefahren – in den Schwarzwald, mit seinen Eltern. Seit jener Fahrt träumte er von langen Bahnreisen in die Ferne.

Seine innere Stimme sagte ihm nun, dass es Zeit wurde, sich auf den Heimweg zu machen. Der Eingang zur U-Bahn-Station befand sich auf der anderen Seite des Steintordamms. Langsam machte er sich auf den Weg dorthin. Er ließ sich Zeit. Immer wieder schaute er hinunter auf die Gleise.

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Am Morgen hatte ihm seine Frau nach dem Abschiedskuss lächelnd gesagt, dass sie heute Butterkuchen backen will, seinen Lieblingskuchen. In etwa vierzig Minuten könnte er zu Hause sein. Dann würden sie im Wohnzimmer sitzen und wie jeden Nachmittag zusammen Kaffee trinken. Bei Kaffee und Kuchen wird sie ihm von ihrem Tag berichten. Anschließend werden sie sich wahrscheinlich noch ein wenig über die Kinder, die Nachbarn, die Verwandten oder ein aktuelles Tagesgeschehen unterhalten. Er war sich noch nicht sicher, ob er ihr von diesem Lob erzählen sollte, dass er von seinem Abteilungsleiter erhalten hatte.

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Noch etwa fünfzehn Minuten. Dann würde der ICE nach München abfahren. Er blieb stehen und holte sich aus seiner Aktentasche zwei Apfelstückchen heraus, die heute übrig geblieben waren – er hatte meistens ein paar Kleinigkeiten für den Hunger zwischendurch dabei. Während er sie aß, fiel ihm ein, dass er schon lange nicht mehr direkt im Bahnhof gewesen war. Er liebte die Atmosphäre, die dort herrschte, die ein- und ausfahrenden Züge, die Lautsprecheransagen, das Gewusel von Menschen und das Gewirr von Stimmen und Geräuschen.

Langsam ging er zu der nächsten Ampel, die sich kurz vor dem Eingang zur U-Bahn befand, überquerte die Straße und betrat die Bahnhofshalle. Der Hamburger Hauptbahnhof hatte die Besonderheit, dass die Gleise im ehemaligen Burggraben der Stadt verlegt worden waren. So lagen sie tiefer und waren nur über die sogenannten Nord- und Südstege zu erreichen. Entlang dieser breiten Stege befanden sich wiederum Kioske, Schnellimbisse, kleine Geschäfte und alle anderen Einrichtungen, die ein Bahnhof so hatte. Schon nach wenigen Sekunden verspürte er eine unerklärliche Unruhe in sich aufsteigen. Er schlenderte an den Läden vorbei und beobachtete die Reisenden, die sich dort mit Proviant, Zeitungen und anderen Reiseutensilien versorgten. Immer wieder blieb er stehen, beobachtete die Züge und betrachtete das weitere Treiben um sich herum. Auf der Höhe von Gleis 11 blieb er stehen. In wenigen Minuten würde von dort der ICE nach München abfahren.

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Ihm fiel wieder die Fahrt in den Schwarzwald ein, die er als Kind gemacht hatte. Frühmorgens fuhren sie mit dem Bus zum Hauptbahnhof. Seine Eltern hatten viel Mühe damit, sich sowohl um das Gepäck als auch um die vier Kinder zu kümmern. Über eine halbe Stunde lang mussten sie dann an Gleis 11 herumstehen, weil sie viel zu früh von zu Hause aufgebrochen waren. Doch dann kam der Zug. Und endlich durften sie einsteigen. Und ganz aufgeregt hatten sie auf die Abfahrt gewartet. Und dann fuhr der Zug endlich ab. Er erinnerte sich noch gut daran, dass die Fahrt sehr lange dauerte. Seine Geschwister wurden schon nach kurzer Zeit unruhig und quengelten nur noch herum. Er dagegen saß die ganze Zeit über am Fenster und schaute nach draußen. Selbst, als es schon dunkel geworden war, starrte er weiterhin in die Nacht hinaus. Seine Mutter musste ihn sogar sehr nachdrücklich daran erinnern, dass er zwischendurch auch einmal etwas aß oder trank.

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Während er seinen Erinnerungen nachgehangen hatte, war er hinunter auf den Bahnsteig gegangen. Der Zug wurde über den Lautsprecher angekündigt und fuhr wenig später langsam ein. Direkt vor ihm öffnete sich eine der Türen. Die Menschen, die auf dem Bahnsteig gewartet hatten, drängelten ungeduldig beim Einsteigen. Dann ertönte ein Pfiff, es folgte die Aufforderung zurückzubleiben, und ohne weiter darüber nachzudenken, was er da eigentlich tat, stieg auch er noch schnell vor der sich schließenden Tür ein.

Der ICE war gut besetzt. Trotzdem fand er einen Sitzplatz am Fenster. Sie verließen den Bahnhof. Schon bald darauf wurde die Norderelbe überquert. Wenig später folgte die Süderelbe, und dann kam auch bereits der erste Halt in Hamburg-Harburg. Die ganze Zeit über hatte er wie versteinert auf seinem Platz gesessen, seine Aktentasche festgehalten und auf die Rückseite des Sitzes vor sich gestarrt. Der Zug fuhr wieder an. Aus dem Lautsprecher erklang die Stimme des Zugbegleiters, der die Reisenden begrüßte. Nächster Halt war Hannover.

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Er saß in ‚seinem’ ICE. Er fuhr in Richtung München, in den Süden. Er war einfach eingestiegen und fuhr nun in den Süden! Er spürte, wie sich seine Kehle zusammendrückte und sein Herz raste. Er krallte seine Finger in die Aktentasche.

Der Zugbegleiter kam, um seine Fahrkarte zu sehen.

Er hörte sich sagen, dass er eine Fahrkarte nach München nachlösen wolle, einfache Fahrt, keine Rückfahrt. Er reagierte nicht weiter, als der Zugbegleiter ihn darauf hinwies, dass der Platz, auf dem er saß, ab Hannover reserviert sei, dass dies aber kein Problem wäre, da es noch genügend freie Plätze in anderen Abteilen gäbe. Er antwortete auch nicht, als ihm eine gute Fahrt gewünscht wurde.

Draußen sauste die Landschaft an ihm vorbei. So wie damals vor über vierzig Jahren starrte er einfach nur hinaus. Seit der Fahrt in den Schwarzwald war er nie wieder weite Strecken mit der Bahn gefahren. Es hatte sich einfach nicht ergeben. Entweder fehlte das Geld oder es war irgendetwas dazwischen gekommen. Außerdem reiste seine Frau nicht gerne. Sie liebte den Garten – er lernte ihn irgendwann zu schätzen. Auch die Kinder waren in den Garten immer ganz vernarrt gewesen. Selbst in den Ferien, als ihre Schulkameraden weite Reisen unternahmen, blieben sie lieber daheim, spielten auf dem kleinen Rasenstück, pflegten ihre eigenen Beete oder halfen den Eltern bei den anfallenden Arbeiten. Nur einmal fuhren sie in ein Ferienlager. Doch es gefiel ihnen dort nicht. Seitdem wollten sie keine Urlaubsfahrten mehr unternehmen. Er musste lächeln, als er an diese Zeit zurückdachte: Die Gartenarbeit mit den herumtollenden Kindern, die Grillabende im Sommer, das Pflücken der Äpfel im Herbst und den leckeren Apfelkuchen, den seine Frau immer gleich am Abend des ersten Erntetages gebacken hatte.

Doch nun fuhr er in Richtung Süden. Wieder lächelte er in sich hinein. Ja er, der Herr Bückling, hatte sich einfach so in den Zug gesetzt und fuhr in den Süden. Was die Kollegen wohl für Augen machen würden, wenn sie von ihm, der doch noch gar nicht mit seinem Urlaub dran gewesen wäre, aus Mailand, Paris oder Athen eine Postkarte bekämen. „Bückling grüßt den Behördenmob!“, würde er schreiben. Er würde im Mittelmeer baden, fremde Städte besichtigen, in Cafés sitzen und es sich gut gehen lassen. All die Orte, die er aus seinen gesammelten Reiseberichten her kannte, würde er besuchen. Zeitpunkt der Rückkehr? Unbekannt!

Er spürte, wie er noch aufgeregter wurde. Seine Finger durchkneteten die Aktentasche und seine Augen wanderten unruhig hin und her. Er wagte kaum zu atmen. Ein leichtes Glucksen machte sich in seinem Hals bemerkbar und er spürte, wie seine Augen feucht wurden. Wieder lehnte er sich zurück und atmete tief durch.

Ein Wägelchen mit Getränken wurde durch das Abteil geschoben. Er kaufte sich einen Kaffee. Beim Bezahlen fiel sein Blick auf das Foto seiner Frau, das er immer in seinem Portemonnaie bei sich trug. Sie würde sich jetzt sicherlich schon Sorgen um ihn machen. Sie hatte sich darauf gefreut, ihm von ihrem Tag zu erzählen. Sie liebte diesen Teil des Tages mit diesen häufig doch recht belanglosen Gesprächen. Sie hatte extra für ihn Butterkuchen gebacken. Sie wartete auf ihn! Sie wartete jetzt gerade auf ihn …

In Hannover stieg er aus dem Zug wieder aus. Mit seinem letzten Geld kaufte er sich eine Fahrkarte und fuhr mit der nächsten Bahn zurück nach Hamburg. Ein dicker Kloß, der ihm kaum noch Platz zum Atmen ließ, setzte sich in seinem Hals fest. Er nagte an seiner Unterlippe. Er nagte so sehr, dass sie ihm wehtat. Seine Hände pressten die Aktentasche fest an seinen Bauch. Während der gesamten Rückfahrt starrte er nur noch auf die Rückseite des Sitzes vor sich.

Als er dann am späten Abend zu Hause ankam, seine Frau ihm die Tür öffnete, ihn mit großen, verstörten Augen ansah, und sorgenvoll mit leiser, fast zitternder Stimme fragte, wo er denn so lange gewesen sei, sagte er nach einer kurzen Pause, ebenfalls leise und mit einem leichten Glitzern in den Augen: „Weit fort. Ganz weit fort!“

(Andreas Ballnus)


 


 

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