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Vollkaskogläubiger

Lastenteilung bei faktischen Staatspleiten

Repräsentanten der Finanzbranche werfen den Deutschen im Allgemeinen und den Geldanlegern im Besonderen gerne eine "Vollkaskomentalität" vor. Die Bundesbürger gelten als risikoscheu bis zur Halskrause, wollen gegen alles und jedes abgesichert sein, und das natürlich nach Möglichkeit vom Staat.

Und Banken und andere Anleihegläubiger?

Sie erwarten, wie die Debatte über die Lastenteilung bei faktischen Staatspleiten zeigt, für sich exakt das, was sie in Sonntagsreden kritisieren: ein risikoloses Einkommen und einen Rundum-sorglos-Schutz auf Kosten der Allgemeinheit. Hatte man uns nicht immer gelehrt, dass Rendite und Risiko korrelieren? Schon vergessen, wenn es um die Eigenanlagen geht: Die 8 bis 12% Ertrag, die ein Iren- oder Griechen-Bond abwirft, wird man doch noch mitnehmen dürfen. Aber allfällige Verluste tragen? Gott behüte! Dafür gibt es den Euro-Rettungsfonds und Anleihekäufe der Notenbanken.

Was, bitte, ist das anderes als die Privatisierung von Gewinnen und Vergesellschaftung von Verlusten?

Und die Politik möge bloß nicht wagen, vorlaut über einen Krisenmechanismus zu reden, der vorsieht, künftig auch die Investoren zur Kasse zu bitten, wenn ein Staat klamm wird! Das könnte den Markt verunsichern. Nach dieser kruden Logik sind für die global grassierende Staatsschuldenkrise nicht etwa jene Akteure zumindest mitverantwortlich, die längst haushoch in der Kreide stehenden Regierungen gar nicht genug Geld in den Rachen werfen konnten. Auch dass es sich bei den Multimilliardenhilfen zur Stabilisierung Griechenlands, Irlands oder des ganzen Euro in Wahrheit um Rettungspakete zugunsten der Banken, und zwar keineswegs nur jener in den betroffenen Ländern, handelt, wird geflissentlich übersehen.

In welcher Scheinwelt leben diese Leute? 

Wenn ein Schuldner zahlungsunfähig ist, muss er sich mit seinen Gläubigern einigen, und das geht in aller Regel nicht ohne Zugeständnisse der Geldgeber wie Moratorium oder Teilschuldenerlass ab. Es gab nie überzeugende Gründe, im Fall von Griechenland, Irland & Co. von dieser Norm abzuweichen. Der Londoner Club der Gläubigerbanken wäre das adäquate Gremium gewesen, neue Konditionen auszuhandeln. Denn um die Interessen der privaten Gläubiger geht es. Dass diese einen Beitrag leisten, ist ja wohl das Mindeste. Denn eine Vollkaskomentalität, da hatten die Banker in ihren Sonntagsreden ganz recht, ist von Übel.

(Bernd Wittkowski / Börsen Zeitung)


 


 

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