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Mobilität

„Ein Rollstuhl muss passen wie ein Maßanzug“

Rollstuhlfahrer sind heute aktiver denn je. Auch Hamburg tut viel, um noch barrierefreier zu werden. Immerhin rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland nutzen das Hilfsmittel, um im Alltag mobil zu sein. Doch Rollstuhl ist nicht gleich Rollstuhl. Wer von Anfang an das richtige Modell nutzt, kann entscheidend an Lebensqualität gewinnen, sagt Volker Neumann, Herausgeber und Chefredakteur des neuen MOBITIPP-Ratgebers „Erstversorgung Rollstuhl“. In business-on.de spricht er darüber, worauf es bei einem Rollstuhl ankommt.

business-on.de: Herr Neumann, warum ist die Erstversorgung mit einem Rollstuhl so wichtig, dass Sie dem Thema eine ganze Ratgeber-Ausgabe gewidmet haben?

Volker Neumann: Ein Rollstuhl muss passen wie ein Maßanzug, damit er seinem Nutzer ein Maximum an Mobilität und Lebensqualität ermöglicht. Damit das erreicht wird, müssen viele Aspekte berücksichtigt werden. Mit unserem Ratgeber MOBITIPP geben wir Betroffenen und ihren Angehörigen vier- bis fünfmal im Jahr zu unterschiedlichen Themen, die Menschen mit Mobilitätseinschränkungen interessieren, alle Informationen an die Hand, um zu Experten in eigener Sache zu werden.

business-on.de: Stehen dafür den Betroffenen denn nicht Ärzte, Therapeuten und Sanitätshäuser zur Seite?

Volker Neumann: Grundsätzlich schon, allerdings müsste dafür eine interdisziplinäre Zusammenarbeit stattfinden, was meistens nicht der Fall ist. Außerdem wird eine angemessene Versorgung oft durch Eigeninteressen der Berater verhindert. Beispielsweise müsste der Arzt sich sehr viel Zeit nehmen, um eine ausführliche Verordnung auszustellen und nicht nur „1 Stück Rollstuhl“ aufzuschreiben. Das Sanitätshaus müsste unter Umständen einen höheren Aufwand bei geringerem Gewinn betreiben, um einen individuell ausgestatteten und angepassten Rollstuhl zur Verfügung zu stellen und nicht einen, der sowieso schon zum Wiedereinsatz auf dem Lager steht.

Gut informiert Probe fahren

business-on.de: Wie findet man heraus, welcher Rollstuhl und welche Einstellungen für einen am besten sind und wer hilft einem dabei?

Volker Neumann: Am besten ist, so schnell wie möglich den Kontakt zu erfahrenen Physiotherapeuten und anderen Rollstuhlfahrern zu suchen, um sich eine breite Informationsbasis zu schaffen. Abgesehen von den rein technischen Unterschieden bei den einzelnen Rollstühlen ist es aber ähnlich wie bei Autos: Mit dem einen Modell kommt man besser zurecht, mit dem anderen schlechter. Da hilft nur ausprobieren, also Probe fahren. Das geht zum Beispiel im gut sortierten Fachhandel, bei Sportvereinen oder auf einschlägigen Messen wie der Rehacare, die in diesem Jahr vom 26. bis 29. September 2018 stattfindet.

business-on.de: Welche Kategorien von Rollstühlen gibt es denn überhaupt?

Volker Neumann: Es gibt keine einheitliche, allgemeingültige Klassifizierung von Rollstühlen. Am gängigsten ist aber die Unterscheidung nach dem Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenkassen, worin im Wesentlichen vier unterschiedliche Klassen aufgeführt sind. Für ein Maximum an Mobilität sollte man die Versorgung mit einem Aktiv- bzw. Adaptiv-Rollstuhl anstreben, wenn man ihn mehrere Stunden am Tag braucht und selbstständig antreiben kann.

business-on.de: Wäre es nicht praktischer, wenn man sich gleich für einen Elektrorollstuhl entscheidet?

Volker Neumann: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum, der leider immer wieder auch von den Kostenträgern unterstützt wird. Ein Elektrorollstuhl sollte aber immer nur das letzte Mittel der Wahl sein, also dann, wenn es nicht mehr anders geht. Ansonsten hilft ein manueller Rollstuhl, die körperliche Fitness aufrechtzuerhalten. Außerdem ist man damit viel mobiler, weil er schmaler ist, leichter ins Auto verladen werden kann usw.

Ein manueller Rollstuhl hilft auch Senioren fit zu bleiben

business-on.de: Aber es sind doch oft ältere Menschen, die plötzlich einen Rollstuhl benutzen müssen. Ist für die ein manueller Rollstuhl nicht viel zu anstrengend?

Volker Neumann: Nicht unbedingt. Gerade bei älteren Menschen gilt ja, dass ihre Restfunktionen umso schneller verkümmern, je weniger sie sich bewegen. Wer längere Strecken mit einem manuellen Rollstuhl zurücklegen will, sollte sich ein Rollstuhlzuggerät oder einen Zusatzantrieb anschaffen, den man nur bei Bedarf anbringen und nutzen kann.

business-on.de: Empfiehlt es sich, einen Rollstuhl über das Internet zu kaufen?

Volker Neumann: Das ist nur dann angeraten, wenn Sie auf die Kostenübernahme verzichten und keinen Wert auf eine individuelle Anpassung legen, etwa weil der Rollstuhl lediglich zum Transport genutzt werden soll. Immer dann, wenn er dem Nutzer zu mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität verhelfen soll, sind erfahrene Therapeuten und der Fachhandel die richtigen Ansprechpartner.

business-on.de: Glauben Sie, dass Exoskelette, also stützende Außenskelette, den Rollstuhl als Hilfsmittel bald ablösen werden?

Volker Neumann: In absehbarer Zeit, also innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre, wird das nicht der Fall sein, weil Exoskelette dafür noch nicht ausgereift genug und mit Kosten zwischen 80.000 und 100.000 Euro zu teuer sind. Sie eröffnen im Moment aber interessante Perspektiven für die Therapie und sind mittelfristig sicher eine interessante Alternative zum Rollstuhl.

Weitere Informationen finden Sie unter www.mobitipp.de

(Das Interview führte Julia Wagner)


 


 

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