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Museum für Völkerkunde Hamburg

Alltagskultur: Was ist typisch deutsch und was ist typisch chinesisch?

Im täglichen Leben kennen und nutzen wir viele Dinge so selbstverständlich, dass wir sie oft gar nicht mehr wahrnehmen. Vielleicht, weil wir sie als „typisch“ ansehen. Die ethnografische Ausstellung „Unsichtbare Dinge – Typisch chinesisch. Typisch deutsch.“ im Hamburger Museum für Völkerkunde stellt alltägliche und zugleich fremde Dinge aus beiden Ländern gegenüber und macht auf diese Weise ihre kulturelle Besonderheiten sichtbar.

Ob Raufaser-Tapete, der kippfeste Holzstuhl einer deutschen Grundschule oder der elektrische Chinaböller und Hausgott Guan Yu – das Hamburger Museum für Völkerkunde hat in Zusammenarbeit mit dem chinesischen Kulturwissenschaftler Prof. Wu Xuefu und den Kölner Kuratoren Martin Rendel und Dr. René Spitz kulturelle Bedeutungen von Alltagsgegenständen entschlüsselt und aufbereitet. Die Ausstellung erlaubt somit interkulturelle Vergleiche und spannende Einblicke in unseren Umgang mit alltäglichen, fast „unsichtbaren“ Dingen. Es sei zudem ein lustiges Projekt, das man mit einem gewissen Augenzwinkern betrachten solle, sagte Prof. Wulf Köpke, Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg während der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung.

Spannende interkulturelle Vergleiche

Trotz der immer schneller konsumierenden Welt mit ihrer Fülle an globalisierten Produkten, gibt es Dinge, die uns Menschen – in China wie in Deutschland – seit vielen Jahren, vielleicht schon ein Leben lang begleiten. Sie sind präsent und so vertraut, dass sie uns kaum noch bewusst sind. Zum Beispiel die Plastiktüte: Geschätzte 500 Tüten benutze jeder Mensch pro Jahr in Europa, erläuterte René Spitz. Solche alltäglichen Dinge haben in der Gesellschaft ganz spezielle Bedeutungen und prägen unsere Kultur. Dabei geben nicht die Dinge selbst Nutzungszweck und Bedeutung vor. Vielmehr weisen wir ihnen diese in unserem gesellschaftlichen Kontext zu. Wir verbinden mit Dingen unseres Alltags bestimmte Werte, Gewohnheiten, Rituale und Traditionen. So erhält jedes Objekt einen speziellen kulturellen Code. Erst der Blick des Fremden mache das Spezifische wieder sichtbar, so Spitz.

Was ist allgemeingültig? Was eigentümlich?

Die Exponate des chinesischen Teils der Ausstellung setzen sich aus alltäglichen Gegenständen zusammen und Bildern einfacher Menschen verschiedener Regionen, die deren Besonderheiten zeigen. „Anhand dieser Ausstellungsstücke lässt sich eine chinesische Charakteristik klar erkennen: Der Hang zum Volkstümlichen, Genügsamkeit, vermischt mit Pragmatismus, der Suche nach Flexibilität und den Genen der politischen Traditionen und des gesellschaftlichen Systems. Sie zeigen die Gewohnheiten der Chinesen, ihre Symbole, ihre Träume und Ängste. Der deutsche Teil der Ausstellung zeigt Menschen und vermittelt anhand der Gegenstände ein Bild des Lebens der deutschen Mittelschicht“, sagte Prof. Wu, der zur Ausstellungseröffnung angereist war. Die grundsätzliche Logik dieser Ausstellung bestehe darin, aus den Bürgern und den von ihnen benutzten Gegenständen das Typische herauszufinden und zu einem Musterheft zusammenzustellen. Aus diesen Inventaren ließen sich die Besonderheiten der Länder ebenso ablesen wie das, was ihre Bevölkerung als schön erkenne, so Wu.

Warum heißt „Mensch ärgere dich nicht“ nicht „Mensch freu dich“?

Die Kuratoren haben für die Ausstellung unabhängig voneinander jeweils 25 typische Alltagsobjekte aus beiden Ländern zusammengetragen. Daraus sind mehrere vergleichende Gruppen entstanden: So verwenden Menschen in China wie in Deutschland manche Dinge, die durch die Globalsierung in beiden Kulturen bekannt sind, für die gleichen Zwecke. Dazu zählen Essstäbchen und Wischmob. Es finden sich auch Dinge, die ähnlich oder gleich aussehen, aber eine völlig andere Bedeutung haben – etwa der heimischen Gartenzwerg im Vergleich zum chinesischen Hausgott Guan Yu. Nahezu jeder Haushalt in China habe eine Figur des Hausgotts. Guan Yu bewache das Haus, schütze die Gesundheit und helfe auf Reisen und im Berufsleben, erklärte Wu. Auch ähnlich und doch mit gänzlich anderer Bedeutung: rote Unterwäsche. In unserem Kulturkreis steht diese Kombination für aufreizend und verführerisch. Für Menschen in China bedeutet die Farbe Rot Glück, Gesundheit und Reichtum. Im Jahr ihres Tierkreiszeichens (das Jahr der Geburt kehrt im 12-Jahres-Turnus wieder) tragen Chinesen täglich rote Unterwäsche, um sich vor Gefahren, die dieses Jahr mit sich bringen kann, bestmöglich zu schützen.

Wiederum können Dinge unterschiedlich aussehen, aber die gleiche Bedeutung haben. Hier stellt die Ausstellung das in China sehr populäre Mah-Jongg-Spiel unserem Brettspiel „Mensch ärgere dich nicht“ gegenüber. Spitz erzählte dazu die kleine Anekdote: Chinesen, denen das deutsche Brettspiel bei der vorangegangenen Ausstellung in Peking vorgestellt wurde, hätten gleich den Sinn des fremden Gegenstands erkannt. Allerdings hätten sie sich gewundert, dass das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ heiße, anstelle des zum Anlass des gemeinsamen Spielens viel passendere „Mensch freu dich“. Und nicht zuletzt verwenden Chinesen und Deutsche natürlich auch Alltagsgegenstände, die im jeweils anderen Land fremd sind wie die Gugelhupfform oder der Luffa-Schwamm.

Entstehung der Ausstellung –
Forschungsprojekt über die Ästhetik des Alltags in zwei Ländern

„Ich denke, mit der Ausstellung ist uns etwas Wunderbares gelungen: Eine sich ständig wandelnde Ausstellung über zwei Kontinente und mehrere Jahre hinweg. Ein sehr schönes und besonderes Ausstellungsprojekt“, freute sich Prof. Köpke über dieses einmalige Projekt. Ausgangspunkt der Ausstellung sei die Idee gewesen, zwei Ausstellungen zusammen- und weiterzuführen: die Fotoausstellung „In deutschen Reihenhäusern“ (Museum für Völkerkunde, Hamburg: 2011), die ursprünglich aus der Veröffentlichung der stadtsoziologischen Fotostudie „In deutschen Reihenhäusern“ (Hg. Daniel Arnold, 2008) entstanden war und einen ethnologischen Blick auf die eigene Kultur ermöglichte und die Ausstellung „Chinesische Dinge – eine kulturelle Betrachtung moderner Alltagsgegenstände“ (Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, und cubus Kunsthalle, Duisburg: 2012), ein Projekt Wus, das sich ebenfalls mit chinesischen Alltagsobjekten befasste und sich ursprünglich aus der Veröffentlichung des Buchs „Chinesische Dinge“ (Hg. Wu Xuefy, 2008) entwickelt hatte.

Während der Ausstellung in Frankfurt begegneten sich die Macher der Ausstellungen „Chinesische Dinge“, Prof. Wu, und „In deutschen Reihenhäusern“, Martin Rendel und René Spitz, zum ersten Mal. Zur Weiterentwicklung der vorhandenen Ausstellungen zu einem gemeinsamen chinesisch-deutschen Projekt, das zuerst in Peking, dann in Europa gezeigt werden sollte, machten sich die Teams in Peking und Köln getrennt an die Arbeit. Dabei hätten sie festgestellt, dass dies in Wirklichkeit nicht nur eine Ausstellung sei, sondern vielmehr ein Forschungsprojekt über die Ästhetik des Alltags in zwei Ländern. Darüber hinaus hätten sie im Verlauf der Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung nicht nur ästhetische Aspekte in der kulturellen Wahrnehmung verglichen. Sie seien auch hinsichtlich der Ideen und Anschauungen auf viele Unterschiede und Mischungen gestoßen, berichtete Wu. 2013 führten die Beteiligten beide Ausstellungen erstmals als Gegenüberstellung zusammen und zeigten das Ausstellungsprojekt im Pekinger Today Art Museum unter dem Titel „Invisible Things“. Für das Museum für Völkerkunde Hamburg und das deutsche Publikum erweiterten die Kuratoren die Ausstellung um einen ethnologischen Blick auf die Dinge des Alltags. Im Anschluss an die Hamburger Zeit soll die Ausstellung nach Süddeutschland gehen, wo sie ebenfalls weiter modifiziert wird.

Ausstellung „Unsichtbare Dinge – Typisch chinesisch. Typisch deutsch“
Museum für Völkerkunde Hamburg, Rothenbaumchaussee 64, 20148 Hamburg
bis 23. November 2014, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr
Weitere Informationen: www.voelkerkundemuseum.com

(Tanja Königshagen)


 


 

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