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Natürlich Hamburg: Geruchssinn

Riechen – der unterschätzte Sinn

Eine Maus spielt mit einer Katze. Angst hat sie dabei augenscheinlich keine, denn der Maus wurden von Forschern Riechzellen in der Nase entfernt, die sie normalerweise beim kleinsten Katzengeruch Reißaus nehmen lassen. Auch wir lassen uns in weit mehr Lebenslagen von unserem Geruchssinn leiten, als nur bei der Wahl unseres Lieblingsparfüms – auch wenn wir es oft gar nicht bemerken.

Der Geruchssinn ist entwicklungsgeschichtlich der älteste unserer fünf Sinne. Wertschätzung erfährt er jedoch am wenigsten. Den meisten Menschen ist Sehen am wichtigsten, danach Hören und Tasten. Riechen und Schmecken bilden die Schlusslichter der Sinne-Hitliste. Zwar schätzen wir Wohlgerüche, aber um uns zurechtzufinden, müssen wir sie nicht unbedingt riechen können – meinen wir jedenfalls. Und auf Mief in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gestank randvoller Mülltonnen können wir ohnehin bestens verzichten.

„Erst beim Verlust ihres Riechsinns merken viele Menschen, was für eine nachhaltige Wirkung Gerüche auf sie haben“, sagt Prof. Thomas Hummel vom Interdisziplinären Zentrum „Riechen und Schmecken“ der HNO-Uniklinik in Dresden. So schmeckt plötzlich das köstlichste Essen fade, denn Geschmack- und Geruchssinn hängen eng miteinander zusammen. Diese Erfahrung hat jeder schon einmal mit verstopfter Schnupfennase gemacht, wenn sich Käsestulle, Joghurt und Spaghetti nur noch in der Konsistenz unterscheiden. Auch vermissen Menschen, die ihren Geruchssinn verloren haben, ihren Partner und ihre Kinder nicht länger riechen zu können. Genauso wie sie ihren Körpergeruch nicht mehr wahrnehmen und daher fürchten, unangenehm zu müffeln.

Ohne körpereigenen Geruchsmelder lebt es sich zudem gefährlich

Man bemerkt nicht, dass der Adventskranz im Nebenzimmer Feuer gefangen hat, der Auflauf im Ofen verbrennt oder der stechend riechende Heringssalat verdorben ist. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung riechen nichts. Längst nicht alle stört der Verlust so, dass sie einen Arzt aufsuchen. „Vielen Leuten geht der Geruchssinn im Laufe ihres Lebens verloren“, schildert Hummel. „Besonders im Alter wird er oft schlechter.“ Andere Auslöser von Riechstörungen können Virusinfekte, Nasenpolypen, Nasennebenhöhlenerkrankungen, Hormonstörungen oder die Einnahme bestimmter Medikamente sein. Fehlender Geruchssinn kann auch auf eine Erkrankung mit Diabetes, Bluthochdruck, Parkinson, Alzheimer oder Mangelernährung hindeuten. Eine Behandlung der Grunderkrankung kann die Riechblockade aufheben. Für hartnäckige Problemnasen haben Hummel und seine Kollegen ein spezielles Riechtraining entwickelt: „Die Patienten müssen mehrere Monate lang zweimal täglich an vier verschiedenen Düften schnuppern. Danach können sie meist nicht nur die vier Trainingsdüfte besser erkennen, sondern generell besser riechen.“

Wie wir riechen

Welche Gerüche wir wahrnehmen, ob sie uns gefallen oder abstoßen, ist individuell verschieden. „Wahrscheinlich hängen Vorlieben und Abneigungen eng mit Gerüchen zusammen, denen wir in der Kindheit ausgesetzt waren“, erläutert der Pharmakologe Hummel. Menschen können Tausende von Aromen erschnuppern, allerdings nur die wenigsten davon exakt zuordnen. Hochsensible Hundenasen wittern dagegen rund eine Million verschiedene Duftnuancen.

Wichtige Grundlagen des Riechvorgangs wurden erst 1991 von den amerikanischen Wissenschaftlern Linda Buck und Richard Axel aufgedeckt, die hierfür 2004 den Nobelpreis für Medizin erhielten. Sie entdeckten Rezeptoren auf den Riechzellen in der Schleimhaut der oberen Nasenhöhle, an die flüchtige Duftstoffe andocken und so die Geruchswahrnehmung auslösen. Die aktivierten Sinneszellen leiten den Reiz an den Riechkolben oberhalb der Nasenhöhle weiter, von wo er zur Verarbeitung an höhere Hirnregionen geschickt wird. Menschliche Riechzellen besitzen jeweils nur einen von rund 400 verschiedenen Riechrezeptor-Typen. Da Gerüche meist Gemische sind, reagieren mehrere Riechzell-Arten gleichzeitig. Das Muster der Riechzell-Aktivierung speichert das Gehirn als bestimmten Duft.

Gerüche haben einen kurzen Draht zum Großhirn, denn sie umgehen den zentralen Kontrollposten im Gehirn, den Thalamus, der alle anderen eingehenden Sinneseindrücke zensiert. Daher nehmen wir viele Düfte nur unterbewusst wahr. Riechen ist zudem eng an Hirnstrukturen gekoppelt, die für Gedächtnis und Emotionen verantwortlich sind, den Hippocampus und das limbische System. So versetzen uns Duftschwaden aus Chlor und Sonnencreme im Freibad schlagartig in unsere Kindheit, während typischer Arztpraxis- und Krankenhausgeruch vielen die Knie weich werden lässt.


 


 

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1 Kommentar

von Mum
09.07.09 21:23 Uhr
Mein Kind kann mich nicht mehr riechen

Bin völlig verzweifelt. Vor ca.4 Wochen fing es an. ich war nach dem Hausputz vor dem Mittagessen duschen und cremte mich danach ein.
Als ich meinen 3-jährigen ins Bett bringen wollte,fing er plötzlich an zu würgen. Mein Mann brachte ihn dann,weil es auch beim 2.Versuch nicht möglich war und ich nicht wollte,daß er bricht. Dann lachten wir über diesen Vorfall.
Leider wird seine Reaktion auf Gerüche jeden Tag schlimmer.Er würgt wenn er auf dem Clo sitzt und "Gross" macht. Und er schickt mich weg oder geht selber und sagt des öfteren "Du stinkst mir"und fängt an zu würgenvor allem morgens. Er richt an meinem Handgelenk... Ich weiss nicht was ich tun soll!!!

 

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