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Natürlich Hamburg: Geruchssinn

Riechen – der unterschätzte Sinn

Duftdepeschen fürs Miteinander

Auch im Sozialleben lassen wir uns von unserer Nase leiten. Neben SMS und E-Mail verschicken und empfangen wir permanent Geruchsbotschaften, die mit darüber entscheiden, ob man sich „riechen kann“ oder gar verliebt. Jeder Mensch verströmt ein einzigartiges Odeur, eine Melange der Absonderungen aus Talg-, Schweiß- und Duftdrüsen sowie Körpersekreten. Viele der Ausdünstungen sind geruchsneutral und verbreiten erst bei der Zersetzung durch Hautbakterien ihr strenges Aroma. Beeinflusst wird der Duft-Cocktail durch Alter, Gesundheitszustand, Hormonlage, Ernährung und psychische Verfassung. Verändern lässt er sich nicht, nur kurzeitig von Deos und Parfüms übertünchen. Schon Neugeborene erkennen die mütterliche Brust am Geruch, Mütter getragene Hemdchen ihres Babys. Unsere Duftnote ist genetisch verankert: Je näher der Verwandtschaftsgrad, desto ähnlicher ist der Geruch. Prägend für den Eigengeruch scheinen vor allem sogenannte MHC-Moleküle zu sein, die an der Abwehr von Krankheitserregern beteiligt sind. „Testpersonen sollten getragene T-Shirts oder Achselschweiß getränkte Wattestückchen gegengeschlechtlicher Versuchsteilnehmer riechen und ihre Sympathie für den Produzenten angeben“, beschreibt Privatdozent Christian Wetzel vom Lehrstuhl für Zellphysiologie der Uni Bochum entsprechende Experimente. „Die Studienteilnehmer schätzten ihr Gegenüber umso attraktiver ein, je stärker sich ihre MHC-Moleküle voneinander unterschieden.“

Diese Art der Partnerwahl gewährleistet, dass potenzielle Nachkommen optimal für den Kampf gegen Mikroben gewappnet sind. Frauen und Männer riechen anders: „Männer nehmen weibliche Sexualhormone und deren Umbauprodukte wahr, Frauen die männlichen Pendants“, legt Wetzel dar. Produziert werden diese geschlechtsspezifischen Duftstoffe vor allem in Duftdrüsen in der Achselhöhle, den apokrinen Schweißdrüsen. „Beobachtet man die Gehirnaktivität bei Gabe dieser Düfte im Kernspintomograph, erkennt man, dass Hirnregionen aktiv sind, die für die Ausschüttung von Hormonen zuständig sind“, berichtet Wetzel.

Umworben von Düften

Auch im Marketing wird mit Düften gelockt. „Beim Betreten eines Hotels oder Geschäfts sollen angenehme Gerüche eine Atmosphäre erzeugen, in der sich der Kunde wohlfuühlt“, illustriert Jens Reißmann, Geschäftsführer der Firma REIMA AirConcept GmbH, die Duft-Marketing anbietet. Auch einzelne Duftinseln können Kunden auf ausgestellte Waren aufmerksam machen, etwa Orangenduft auf orangenhaltige Produkte. Reißmann sieht in Düften nur eine von vielen Möglichkeiten, Kunden-Sinne anzusprechen. „Der Dufteinsatz funktioniert nur in einem stimmigen Gesamtkonzept“, betont er. „Auch Raumgestaltung, Farbgebung und Beleuchtung müssen passen.“

„Es lassen sich auch Düfte für Marken kreieren, der Corporate Scent, an dem die Marke wie an einem Logo erkannt wird“, teilt Anja Stöhr mit, Professorin für strategisches Marketing der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden. Um mit Düften zu punkten, müssen diese sorgfältig dosiert werden, denn zu hohe Konzentrationen sowie künstlich wirkende Mixturen werden laut Stöhr als unangenehm empfunden. Verbraucherschutzverbände kritisieren Duft-Werbung, da sich eingesetzte Stoffmengen oft nur knapp an der Wahrnehmungsschwelle bewegten und unterbewusst gerochen würden. „Das Senden von Signalen an das Unterbewusstsein ist jedoch auch häufiger Bestandteil herkömmlicher Werbung“, meint Stöhr dazu.

Auch in öffentlichen Einrichtungen sowie im Privaten ist der Einsatz künstlicher Düfte weit verbreitet. Meist sollen Raumluftsprays oder Duftspender unangenehmen Mief überdecken, besonders im Sanitärbereich. Duftöle oder Duftkerzen sollen darüber hinaus in der Wohlfühloase „Daheim“ beleben oder Entspannung bringen. Welche körperlichen Reaktionen einzelne Geruche tatsächlich auslösen, ist wissenschaftlich oft noch nicht hieb- und stichfest nachgewiesen. „Zwar gibt es Studien, in denen Körperfunktionen unter Beduftung gemessen wurden“, äußert Riechexperte Hummel, „aber ob sich die Reaktionen tatsächlich auf den Duft zurückführen lassen, ist nicht immer eindeutig.“

Der Deutsche Allergie und Asthmabund (DAAB) warnt vor Risiken der Beduftungtung. „Personen mit empfindlichen Atemwegen können Beschwerden bekommen, Asthmatiker setzten sich dem Risiko eines Asthmaanfalls aus“, sagt Silvia Pleschka, Chemikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin des DAAB. „Sensible Personen klagen über Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme oder Hustenreiz“, so Pleschka weiter. Der DAAB fordert daher Verzicht der Beduftung öffentlicher Räume sowie mehr Transparenz beim Duftstoffeinsatz, der bisher kaum angezeigt wird. Im Zweifelsfall sollten Asthmatiker und sensible Personen nachfragen, ob Duftstoffe eingesetzt werden, empfiehlt Pleschka. Zur Verbesserung der Qualität der Raumluft taugen Düfte aus Dosen und Co. ohnehin nicht: Das beste Mittel hierfür ist regelmäßiges Lüften.

(Melanie Estrella / Natürlich Hamburg)


 


 

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1 Kommentar

von Mum
09.07.09 21:23 Uhr
Mein Kind kann mich nicht mehr riechen

Bin völlig verzweifelt. Vor ca.4 Wochen fing es an. ich war nach dem Hausputz vor dem Mittagessen duschen und cremte mich danach ein.
Als ich meinen 3-jährigen ins Bett bringen wollte,fing er plötzlich an zu würgen. Mein Mann brachte ihn dann,weil es auch beim 2.Versuch nicht möglich war und ich nicht wollte,daß er bricht. Dann lachten wir über diesen Vorfall.
Leider wird seine Reaktion auf Gerüche jeden Tag schlimmer.Er würgt wenn er auf dem Clo sitzt und "Gross" macht. Und er schickt mich weg oder geht selber und sagt des öfteren "Du stinkst mir"und fängt an zu würgenvor allem morgens. Er richt an meinem Handgelenk... Ich weiss nicht was ich tun soll!!!

 

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