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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Wir feiern, feiern, feiern auf der Autobahn

Hochzeitsfotos müssen nicht unbedingt im Grünen gemacht werden. Neuerdings werden Fotos vom schönsten Tag des Lebens zwischen Mittelstreifen und Leitplanke geschossen, begleitet von Salutschüssen und Feuerwerkskörpern.

Feiern und Party machen könnte man durchaus als Akt der freien Persönlichkeitsentfaltung verstehen, die uns im Artikel 2 des Grundgesetzes zugesichert wird.

Nun haben aber die 73 Gründungsväter und vier Gründungsmütter mit Bedacht den Restriktivsatz nachgeschoben, „soweit er (sc. jeder) nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“.

So geschehen, als jüngst türkische und libanesische Hochzeitsgesellschaften wiederholt Straßen und Autobahnen lahmlegten und die Polizei in NRW in Atem hielten. Der Unmut ist groß: Politiker fordern, den Korso-Wahnsinn zu stoppen. Von Gesetzesänderungen ist die Rede, von Beschlagnahmung der Autos sowie von langjährigen Fahrverboten.

Ist das nicht ein bisschen kleinlich im Angesicht unserer offenen, multikulturellen Gesellschaft und transkultureller Hochzeitsriten? Warum nicht die Bedürfnisse anderer Kulturen ernst nehmen und gleichzeitig etwas Gutes fürs Klima tun? Schließlich gehört weitherzige Integrationsbereitschaft und der unbedingte Wille die Klimaerwärmung aufzuhalten zu den vornehmsten Bürgerpflichten.

Mein Vorschlag: Die Einführung von drei oder vier offiziellen Hochzeitssonntagen im Frühjahr und Sommer auf bundesdeutschen Autobahnen. Was im Umkehrschluss heißt, dass alle, die nicht eingeladen sind, ein paar Mal auf Sonntagsausflüge mit dem Auto verzichten.

Bundesdeutsche Hochzeitskorsomaut

Natürlich können wir solche Privilegien nicht wie einige Brillen zum Nulltarif anbieten. Wer an dem autofreien Sonntag mit seiner Hochzeitsgesellschaft die Autobahn nutzen möchte, erwirbt für jedes Auto des Hochzeitskorsos ein Emissionszertifikat. Der Preis für ein solches Zertifikat könnte sich am Mietpreis für die Luxuskarossen orientieren.

Da z. B. bei türkischen Hochzeiten bis zu 1.000 Gästen eher die Regel als die Ausnahme sind, kommt da einiges fürs Staatssäckel zusammen. Die Einnahmen sollten der schnelleren Abarbeitung der Großbaustellen zugutekommen.

Apropos zugutekommen: Ohnehin sollte man darüber nachdenken, das CO2-Kompensationsmodell atmosfair auf Dieselfahrzeuge, Motorboote und Jet-Ski-Fahrer auszuweiten. Damit könnten wir unser Gewissen erleichtern, offenbar ein menschliches Grundbedürfnis.

Nur der Opferstock hat sich verändert. Kauften wir uns im Mittelalter bei der Kirche von unseren Sünden frei, pflanzen wir heute Apfelbäumchen, auch wenn die Welt trotzdem untergeht.

(Susan Tuchel)


 


 

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