Weitere Artikel
Kasino Reeperbahn: Kiezkrise?

Sechs Fragen zum Einfluss der Wirtschaftskrise auf der Reeperbahn an ... Thomas Fecht, Leiter des Kasino Reeperbahn

0
0

Thomas Fecht ist seit 2001 Leiter des Kasino Reeperbahn. Nach einer Ausbildung zum Croupier, die er ab 1984 in der Spielbank Hannover absolvierte, wechselte er in den Automatenbereich und übernahm 1995 die Leitung des Automatenspieles der Spielbank Stuttgart, damals größtes Automatenspiel Deutschlands. Acht Jahre zuvor, am 7. August 1987, hatte das Kasino auf dem Kiez eröffnet, kurz nach der Premiere von Cats im Operettenhaus. hamburg.business-on.de sprach mit Thomas Fecht über die wirtschaftliche Lage auf der Reeperbahn, über Veränderungen und Entwicklungen im Zeichen der Kiezkrise.

hamburg.business-on.de: Die Reeperbahn ist die bekannteste deutsche Vergnügungsmeile. Wie wirkt sich die wirtschaftliche Situation bei Ihnen aus?

Thomas Fecht: Die wirtschaftliche Situation geht auch am Kasino Reeperbahn nicht vorbei. Dazu kommt ein Trend, der den Kiez generell trifft: Es kommen weniger Besucher auf die Reeperbahn. Die Verweildauer ist kürzer. Das Budget für Freizeit und Entertainment ist merklich geschrumpft, und dazu gehört auch unser Glücksspiel. Doch es gibt auch Besonderheiten für das Kasino Reeperbahn. So wirken sich zusätzlich die neuen, seit 1. Januar 2008 geltenden gesetzlichen Regelungen im Bereich Glücksspiel aus. Danach muss jeder, der ein konzessioniertes Kasino wie das auf der Reeperbahn besucht, seinen Ausweis vorzeigen. Gerade auf dem Kiez sitzt der allerdings – salopp gesagt – nicht immer locker, viele Touristen haben ihn nicht dabei. Da das Gesetz für Spielhallen nicht gilt, weichen viele auf diese aus. Und auch ein weiteres Gesetz trifft Kiez und Kasino: Das Gesetz zum Schutze der Nichtraucher. Die Besucherzahlen sind dadurch seit Januar 2008 rückläufig. Der Trend setzt sich in diesem Jahr durch die allgemeine wirtschaftliche Situation fort.

hamburg.business-on.de: Gibt es spezielle Angebote, mit denen Sie die Kundschaft in diesen Zeiten anlocken?

Thomas Fecht: Durch den neuen Glücksspielstaatsvertrag sind wir in der Werbung eingeschränkt. Daher wird es schwieriger, unseren öffentlichen Auftrag so umzusetzen, dass Gäste zu uns kommen und nicht woanders spielen. Wir bieten dazu einen neuen Jackpot. Hier kann zusätzlich gewonnen werden - und zwar eine Harley-Davidson. Allein der Zufall entscheidet, wer ihn knackt und den Klassiker nach Hause fährt. Vor kurzem holte sich ein 47-Jähriger die Harley FXSTC Softail Custom im Wert von 18.200 Euro. Der Jahrgang passte zum Altrocker-Image: Der Gewinner wurde 1962 geboren – im Jahr, als Mick Jagger die Rolling Stones gründete. Er bekam nicht nur das Bike, sondern auch 1.500 Euro Spritgeld. Damit würde er 8.500 Kilometer schaffen, von Hamburg bis zur Partnerstadt Shanghai. Jetzt steht die böse Schwester der Chrome-Harleys neben einarmigen Banditen: Die Night Rod Special. Wer sie bändigen will, braucht Mut, mit 125 PS gerade einmal 64 cm über dem Reeperbahn-Asphalt daherzubrummen. Doch wir sind nicht nur durch die Harleys anders als die Spielhalle an der Ecke. Zusätzlich haben wir unser gastronomisches Angebot erweitert. Bis Ende Mai 2009 hat unser Kasino zudem ein neues Outfit. Es wird klassischer auf dem Kiez, dank Roulette und Black Jack gibt´s direkt nach dem Entrée Casino-Ambiente. Zudem haben wir nach dem Umbau endlich Platz für Veranstaltungen. Dann lohnt sich ein Besuch auch für den, der nicht spielen möchte. Motto: Relaxen auf der Reeperbahn, eine sichere Sache im Kasino auf dem Kiez.

hamburg.business-on.de: Hat sich das Verhalten Ihrer Kunden durch die Krise verändert?

Thomas Fecht: Wie angesprochen ist die Verweildauer der Gäste im Allgemeinen kürzer. Stammgäste, gerade aus dem Bereich der Gastronomie, besuchen unser Haus seltener. Auch bei den Touristen ist ein deutlicher Rückgang bemerkbar. Dieses Publikum flaniert mehr über die Reeperbahn und kehrt seltener ein. Eine ganz andere „Verhaltensänderung" fällt ebenfalls auf: Die jüngeren Reeperbahn-Besucher um die 20 sind mit Internet und Gameboy aufgewachsen. Für sie gehören Entertainment und Elektronik zusammen. Wir haben darauf reagiert und Hamburgs ersten volldigitalisierten Computer-Pokertisch aufgestellt.

hamburg.business-on.de: Die Krise betrifft die verschiedensten Wirtschaftszweige. Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede sehen Sie zwischen Ihrer und anderen Branchen in Bezug auf die aktuelle wirtschaftliche Situation?

Thomas Fecht: Alle Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen Freizeit und Unterhaltung haben eines gemeinsam. Sie sind ein klassisches nice to have – kein must have. Das heißt: dass auf diese am ehesten verzichtet werden kann. Ob in der Gastronomie, im Kino oder in der Spielbank: Hier kann eher gespart werden als im Supermarkt, wenn es um die zum Lebensunterhalt notwendigen Kosten geht. Auf der Reeperbahn gibt es daher einen Trend zur Individual-Versorgung mit Alkohol am Kiosk oder im Discount. Das Flair von St. Pauli nehmen diese Besucher obendrauf umsonst mit. Leider vergessen sie dabei, dass das Flair nicht ewig Bestand hat, wenn sich dieser Trend fortsetzt.

Der größte Unterschied zu anderen Branchen ist, dass der Glücksspielstaatsvertrag unsere Basis bedroht. Doch um die grundgesetzlich festgeschriebenen Funktionen zu erfüllen, müssen auch wir Erträge erzielen. Durch die neuen Gesetze haben wir jedoch nur noch ordnungspolitische Aufgaben. Es geht nur noch darum, den Spieltrieb in geregelte Bahnen zu lenken und zu kanalisieren. Dass dafür wirtschaftliche Erfolge notwendig sind, darüber wurde zu kurz nachgedacht. So gilt für uns keine Chancengleichheit im Wettbewerb mehr; uns gibt es halt nur noch. Wer sich an uns erinnert oder zufällig an unserem Haus vorbeikommt, besucht uns dann halt mal.

Die Regelung hat nichts an unseren Kosten für Personal, Unterhalt und Investitionen geändert. Auch die Spielbank-Abgabe wurde nur minimal gesenkt. Daher befinden wir uns bereits seit Januar 2008 in der Krise, die allgemeine wirtschaftliche Lage kommt in diesem Jahr noch oben drauf.

hamburg.business-on.de: Wie stark sind in solchen Zeiten Austausch und Zusammenhalt der Unternehmen auf dem Kiez untereinander?

Thomas Fecht: Wir sind seit Jahren Mitglied bei der IG St. Pauli. Über diese Plattform findet ein reger Austausch statt. Hier ziehen auch alle Unternehmen an einem Strang, um den Standort St. Pauli immer wieder aufs Neue attraktiv zu halten.

hamburg.business-on.de: Sehen Sie die wirtschaftliche Lage als momentane Durststrecke oder ist die Spitze des Eisberges noch nicht erreicht? Wo, meinen Sie, werden Sie mit Ihrem Unternehmen in 12 Monaten stehen?

Thomas Fecht: Die Spitze des Eisberges ist noch nicht erreicht, die schlechte wirtschaftliche Lage hat sich in Deutschland noch nicht richtig im Arbeitsbereich bemerkbar gemacht. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit wird sich erst in den nächsten Monaten bemerkbar machen - und zu weiteren finanziellen Einschränkungen im Freizeitbereich führen. Eine Prognose für die nächsten 12 Monate kann und möchte ich nicht geben. Wir werden durch Investitionen und ein neues Konzept das Kasino Reeperbahn neu aufstellen und damit für die Zukunft gerüstet sein.

hamburg.business-on.de: Herr Fecht, vielen Dank für das Gespräch.

Das Kasino war das erste deutsche Casino, in dem nur Frauen die Welt des Glücksspiels regierten. 24 weibliche Croupiers waren rechte Hand von Fortuna, heute haben 44 Männer und Frauen dort ihren Arbeitsplatz.

(Redaktion / J. C. Maag)



Empfehlen Sie diesen Artikel weiter!

0
0

 

Fotokennzeichnung:
Bild Nr. 1, 2, 3 © Kasino Reeperbahn

 

Kasino Reeperbahn
Thomas Fecht
Hamburg
Casino
Glücksspiel
Reeperbahn
Wirtschaftskrise
Finanzkrise

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Kasino Reeperbahn" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden