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Wie viel Zukunft haben die Berufe des Dolmetschers und des Übersetzers in Zeiten des digitalen Wandels?

Es ist eine Frage, die sich seit Jahren immer wieder stellt und mit der sich Dolmetscher und Übersetzer fortlaufend auseinandersetzen müssen: Wie viel Zukunft hat mein Beruf im rasanten digitalen Wandel?

Das ist keine Frage, die erst mit der massenweisen Verbreitung von Computern aufgekommen ist, sondern eine Frage, die sich schon seit gut sechs Jahrzehnten immer wieder stellt und so diesen Berufsständen immer wieder das jähe Ende prophezeit.

Der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) hat eine Aussage des SPD-Generalsekretärs Lars Klingbeil aus der ARD-Talkshow Anne Will als Anlass für eine umfassende Darstellung der Relevanz dieser Berufsstände, gerade im Bereich technische Übersetzungen, in den folgenden Jahren genommen.

Digitalisierung und Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz als Bedrohung für ganze Branchen?

Lars Klingbeil hat bei Anne Will eine Aussage getätigt, die den Wegfall ganzer Branchen durch die wachsende Digitalisierung vorhersagt:

„Es werden bald ganze Branchen verschwinden. Wir haben heute noch Arbeitsbereiche, die noch da sind, die gebraucht werden, aber die in den nächsten Jahren verschwinden werden, durch künstliche Intelligenz, durch technologische Entwicklung. Und da ist die Frage, wie stellt der Staat sich eigentlich gegenüber den Menschen auf, die da arbeiten. Ich nehme mal nur das Beispiel der Übersetzer, der Dolmetscher. Kann ich gern länger ausführen, aber die wird es in ein paar Jahren als Dienstleister nicht mehr geben, weil technologische Entwicklung das überflüssig macht. Und diesen Menschen muss der Staat keine Garantie geben, dass wir uns um sie kümmern, dass sie nicht innerhalb von kürzester Zeit ins Arbeitslosengeld II abrutschen, dass sie nicht Hartz IV beziehen und da brauchen wir ‘ne große Reform.

Laut BDÜ ist gerade in den Berufsständen der Dolmetscher und Übersetzer der digitale Wandel ein stetiger Begleiter, der seit Jahren nicht von der Seite weicht. Natürlich verändert die fortschreitende Digitalisierung nicht nur diese Berufsstände, aber ihnen wird in dieser Verbindung immer ein baldiges Ende vorausgesagt. Der BDÜ sieht die Digitalisierung jedoch nicht als Gegner, sondern viel mehr als gewinnbringend und förderlich für die Branchen, da sie als ergänzende Hilfestellung genutzt werden können und die menschlichen Komponenten nicht ersetzbar seien.

Technische Übersetzungen sind nicht maschinell zu bewältigen

Der Fortschritt, den maschinelle Übersetzungen in den letzten Jahren gemacht haben, ist ohne Frage erstaunlich. Oftmals wird der fortgeschrittene Qualitätsstandard von Übersetzungen durch neuartige Übersetzungsprogramme als gleichwertig mit von Menschenhand übersetzten Texten beworben. Laut BDÜ könne der Unterschied von Laien, die beide Sprachen beherrschen, im privaten Gebrauch mittlerweile häufig nicht mehr zu erkennen sein. Bei technischen Übersetzungen müsse man den Sachverhalt jedoch deutlich differenzierter sehen.

Im Bereich der technischen Übersetzungen geht es häufig um Dokumente, bei denen in der Übersetzung nicht ein einziger Fehler unterlaufen darf, da es sich meist um technische Betriebsanleitungen für komplizierte Gerätschaften oder rechtliche und geschäftskritische Dokumente handelt. Im schlimmsten Fall könne sogar Gefahr für Leib und Leben bestehen, wenn es an die technischen Übersetzungen von medizinisch relevante Produkten und Geräten geht.

Durch riesige digitale Datenbestände, sprachregelbasierte Systeme und sogenannte neuronale Netzwerke klingen maschinelle Übersetzungen heutzutage für Laien zwar grammatikalisch richtig, doch terminologische Fehler, falsche Bezüge und fehlerhafte kontextuelle Zuordnungen seien auch in Zukunft nur durch Übersetzungen von Profis zu vermeiden, die sich die Feinheiten von Übersetzungsprozessen in mehrjährigen Ausbildungen angeeignet haben.

Bedarf an (technischen) Übersetzungen seit Jahren steigend

Eine zusätzliche Dringlichkeit in der Nutzung von zusätzlichen technischen Hilfsmitteln in der Übersetzungsbranche besteht durch den stetig wachsenden Bedarf an Übersetzungen. Das US-Marktforschungsunternehmen Common Sense Advisory (CSU) schätzt, das sich das Wachstum des weltweiten Marktvolumens für Sprachdienstlistungen bis zum Jahr 2021 auf 56 Milliarden US-Dollar steigen wird. Der Bedarf an zu übersetzenden Texten wird also schon bald das mögliche Volumen von menschlichen Übersetzern übersteigen. Man ist in der Branche also auf die Zuhilfenahme von technischen Mitteln angewiesen.

Der BDÜ meint, dass sich die Berufsbilder dann hin zu einer beratenden Funktion entwickeln und vor allem Übersetzer mit der nötigen Expertise bei Übersetzungen in Projekten zur Seite stehen werden. Dabei wird es dann hauptsächlich darum gehen, welche Texte sich in welchen Rahmen zur maschinellen Übersetzung eignen und welche nach individuellen Abwägungen weiterhin händisch übersetzt werden sollten. Das werde gerade im Bereich der technischen Übersetzungen auch künftig häufig der Fall sein.

Ethische Fragen spielen bei der Digitalisierung eine ebenso große Rolle

Die Frage nach der Ethik von automatisierten Algorithmen spielt nicht nur beim autonomen Fahren eine wichtige Rolle, sondern auch bei technischen Übersetzungen. Mit dem Einsatz von künstlichen Intelligenzen werde laut BDÜ eine neue Dimension von automatisierten Übersetzungen erreicht, in denen auch ethische Fragen zum Tragen kommen. Algorithmen unterliegen immer einer eigenen Logik. Zudem seien sie manipulierbar und unterliegen bis dato keiner ethischen Kontrolle.

Die Qualität von menschlichen Übersetzern und Dolmetschern werde vor allem in sensiblen Bereichen, wie Gesundheit, Justiz oder etwa Migration unabdingbar bleiben, um für nachhaltige Sicherheit und Ethik in Übersetzungen zu sorgen. Gerade in diesen Bereichen sollten die Gefahren von Cyberattacken und Manipulationsverfahren auch in Zukunft durch menschliche Übersetzungen minimiert werden.

Zukunft der Branche entwickelt sich zu einem noch höheren Anspruch auf Expertise

Wer sich seine Zukunft in diesen Berufsfeldern sicher möchte, sollte also auf eine möglichst hohe Spezialisierung in bestimmten Fachgebieten bauen und die Expertise für Übersetzungsprozesse stetig ausbauen. Auch Zusatzqualifikationen für tätigkeitsnahe Dienstleistungen, wie beispielsweise Lektorat oder Kommunikationsberatung sollten sich angeeignet werden.

Der BDÜ plädiert angesichts der Herausforderungen der Branche in Zukunft für Unterstützung von der Politik, anstatt von ihr wieder und wieder als aussterbende Branche ohne Chance auf Zukunft abgestempelt zu werden. Aus Sicht des Branchenverbandes werden die Berufsfelder in Zeiten der stetigen Digitalisierung alles andere als aussterben.

So wird auch auf dem nächsten großen BDÜ-Kongress im November 2019 das Thema „Dolmetschen und Übersetzen 4.0 – Neue Wege im digitalen Zeitalter“ umfassend behandelt.

(Redaktion)


 


 

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