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Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen stärker in die Öffentlichkeit bringen

Die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll hatte zur zehnten Veranstaltung „reden! statt schweigen“ in die Kulturfabrik Kampnagel geladen. Der diesjährige Themenschwerpunkt lag auf psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Das Grußwort sprach Hamburgs Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank.

Mit der seit 2010 bestehenden Veranstaltungsreihe „reden! statt schweigen“ möchte die Stiftung einen Beitrag leisten, Vorurteile über psychisch kranke Menschen abzubauen und die breite Öffentlichkeit über psychischen Erkrankungen zu informieren.

300 Gäste waren der Einladung der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll am 11. November 2019 gefolgt. Die Veranstaltung bot eine gelungene Mischung aus informativen, nachdenklich stimmenden wie auch leichten Programmpunkten. Dr. Stephanie Wuensch, Vorstandsvorsitzende der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll und Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, moderierte den Abend.

Grußworte und thematische Betrachtungen

Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin und Wissenschaftssenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg sowie seit sechs Jahren Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll, berichtete in ihrem Grußwort von kürzlich geführten Gesprächen mit psychisch beeinträchtigten Kindern und deren Eltern. Diese Einzelfallbetrachtungen hätten im Nachhinein bei ihr die Frage aufgeworfen, ob die aktuell bestehenden Versorgungsangebote wirklich so gut seien, wie es die Zahlen vermuten ließen.

Amelie Deuflhard, Intendantin von Kampnagel und Unterstützerin der Veranstaltung, begrüßte die Gäste als Hausherrin und gratulierte der Stiftung zum Jubiläum ihrer Veranstaltungsreihe.

Dr. Wolfgang Seeler, Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, warf einen Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit psychisch kranken Menschen und das Veranstaltungsformat „reden! statt schweigen“: „Man muss den psychisch Kranken angstfrei wahrnehmen und darf ihn nicht dämonisieren. Die Veranstaltung unserer Stiftung soll einen Beitrag dazu leisten.“ Und weiter zu Selbsttötungsgedanken und -handlungen: „Suizidalität kann nur im Kontext gesellschaftlicher Phänomene erklärt werden. Beispielsweise erleben wir, dass unsere Gesellschaft dazu tendiert, empathieärmer zu werden und wir einsamer.“ Einsamkeit wiederum könne bei Suizidgedanken wie ein Motor wirken, so Seeler. „Wir haben Anlass, in der Gesellschaft unsere Wertevorstellung zu reflektieren.“

Gedanken von psychisch kranken Jugendlichen

Die Sichtweise von Betroffenen erhält im Programm des Stiftungsabends stets auch einen festen Platz. Dagmar Berghoff unterstützt dies seit mehreren Jahren, indem sie eingesendete Textbeiträge von psychisch kranken Menschen auf der Bühne liest. So rezitierte die ehemalige Tagesschausprecherin in diesem Jahr zwei gedankenvolle Texte.

Eine Autorin schildert darin ihre Suizidgedanken und stellt die Frage „Ist es grausamer von den Menschen um mich herum, mich zu zwingen hierzubleiben und zu leiden oder wäre es grausamer von mir, sie zu verlassen, indem ich mich umbringe? Weil es sich wirklich grausam anfühlt mich zu zwingen hierzubleiben …“

Viele junge Menschen mit psychischen Auffälligkeiten

Wie brisant gerade auch das diesjährige Thema der psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ist und wichtig eine Aufklärung darüber belegen Zahlen: Deutschen und internationalen Studien zufolge werden bei circa 20 Prozent aller Jugendlichen psychische Auffälligkeiten festgestellt und bei etwa 5 Prozent entwickelt sich im weiteren Verlauf eine psychische Erkrankung. Vor dem Hintergrund, dass eine psychische Erkrankung bei Jugendlichen und Jungerwachsenen der Hauptrisikofaktor für einen Suizid ist, die zweithäufigste Todesursache bei unter 25-Jährigen, kann dem Thema nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt werden – auch seitens der Schullandschaft.

„Eine nicht sichere, frühkindliche primäre Bindung ist ebenso wie von Eltern gegenüber ihren Kindern nicht zugelassene frustrierende Erfahrungen, ein Risikofaktor für spätere psychische Auffälligkeiten“, so Stephanie Wuensch über Bedingungsfaktoren für psychische Instabilitäten bei Kindern und Jugendlichen. Und weiter: „Im Rahmen von guten ambulanten und stationären Therapieangeboten, beziehungsorientierter Schulsysteme und einer starken und diversifizierten pädagogischen Familienhilfe können sehr oft eine erhebliche Nachreifung und psychische Stabilität erreicht werden.“

Psychische Erkrankung erhöht Suizidrisiko erheblich

90 Prozent der Suizide bei Jugendlichen und jungen Heranwachsenden stünden in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen, berichtete Dr. Angela Plaß-Christl, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Evangelischen Krankenhaus Alsterdorf, in ihrem Fachvortrag. So seien psychische Störungen, insbesondere Depressionen, Angststörungen und Abhängigkeitserkrankungen, der Hauptrisikofaktor für Suizidalität bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Betroffene hätten ein 3- bis 12-fach erhöhtes Suizidrisiko, so Plaß-Christl, und jeder vierte Patient einer kinder- und jugendpsychiatrischen Behandlung berichte von einem Suizidversuch in der Vorgeschichte. Suizidalität komme jedoch auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ohne psychische Erkrankung vor, erläuterte die Psychiaterin. Weitere Risikofaktoren für einen Suizid seien bspielsweise suizidales Verhalten in der Familie und im Freundeskreis, verminderte schulische Leistungen, sexueller Missbrauch und auch Kinder psychisch kranker Eltern weisen ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche auf.

Was tun?

Suizidalität tritt in den meisten Fällen in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen auf. Die wichtigste Prävention für einen Suizid sei daher „die frühzeitige Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen. Hierfür bilden Aufklärung und der Abbau von Tabuisierung und Stigmatisierung hinsichtlich psychischer Erkrankungen eine notwendige Voraussetzung. Veranstaltungen wie die heutige leisten dazu einen wichtigen Beitrag“, so Plaß-Christl.

Warnsignale ernst nehmen

  • Suiziddrohungen und -ankündigungen: Das Vorurteil, dass ein Mensch, der von Selbsttötung spricht, sich nichts antut, ist falsch.
  • Große Hoffnungslosigkeit und Äußerungen wie „Es hat ja doch alles gar keinen Sinn mehr ...“, „Irgendwann muss auch mal Schluss sein ...“, „Es muss jetzt was passieren ...“
  • Personen ordnen Angelegenheiten, nehmen Abschied von Freunden und Verwandten, verschenken Lieblingsgegenstände.
  • Wer fest zum Suizid entschlossen ist, wirkt oft ruhiger, gefestigter und weniger verzweifelt. Es kann der Eindruck entstehen, es gehe mit der Person endlich wieder aufwärts.

Welche Reaktionen sind sinnvoll?

  • Das Thema ansprechen! Und zwar in ruhiger und sachlicher Weise, ohne wertend zu sein. Die Befürchtung, man könne dadurch den Suizid erst provozieren, ist falsch. In aller Regel stellt es für einen suizidgefährdeten Menschen eine Entlastung dar, mit einer anderen Person über die quälenden Gedanken sprechen zu können.
  • Professionelle Hilfe hinzuziehen! Sich nicht selbst als Therapeut versuchen, sondern den Betroffenen dabei unterstützen, professionelle Hilfe zu suchen, etwa bei einem niedergelassenen Arzt oder Psychotherapeuten oder in einer Klinik.
  • Dem Betroffenen zeigen, dass man für ihn da ist. In der akuten Situation Verantwortung übernehmen und zum Arzt oder in die Klinik begleiten.

Optimierungsdruck in Medien und Schule abbauen

Zum Abschluss des Abends ging es in einer Diskussionsrunde mit Dr. Anna Schleitzer, Schulleiterin am ahfs – Christliches Gymnasium Hamburg-Uhlenhorst, und Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, um die Rolle von Schule und Medien. Man müsse nicht jedem gefallen, so Haider auf die Frage, wie man dem durch soziale Medien ausgelösten Optimierungsdruck kontern könne. Ihm sei aber auch bewusst, dass es sehr schwierig ist, diese Haltung gerade gegenüber Kindern zu vermitteln, sei sie doch eher Kern des Erwachsenenlebens.

Anna Schleitzer sprach über ihre Erfahrung aus dem Schulalltag hinsichtlich des Umgangs mit psychisch belasteten und erkrankten Schülern:

Wie kann Schule handeln, wenn bekannt wird, dass ein Schüler psychisch erkrankt ist?

Ein wertschätzender Umgang mit dem Jugendlichen sei enorm wichtig sowie auch dem Schüler das Gefühl zu vermitteln, dass er genauso angenommen wird, wie er ist, erklärte Schleitzer. Zudem sei es äußerst wichtig, den Betroffenen, sofern es die Erkrankung zulässt, im System Schule zu halten. Um dies zu erreichen, müsse bzw. könne man als Lehrer mitunter kreativ und mutig sein, zum Beispiel indem man dem psychisch beeinträchtigten Schüler phasenweise einen verkürzten Stundenplan zugesteht.

Barrieren im Umgang mit psychisch kranken Schülern

Die Pädagogin Schleitzer wies in Richtung Schulbehörde daraufhin, dass die Lehreraus- und fortbildung dringend um das Themenfeld psychische Erkrankung erweitert werden müsse. Dies werde aktuell nicht oder viel zu wenig inhaltlich eingebettet, so die Berichte von Referendaren ihrer Schule. Die anwesende Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank, antworte, sie könne die Anregung nachvollziehen und wolle sich beim zuständigen Bildungssenator Ties Rabe erkundigen, ob psychische Erkrankungen bei der geplanten Reform der Lehrerausbildung mitgedacht werden.

Weiterhin nimmt die Schulleiterin eine unzureichende Einbeziehung der Schule am Therapiegeschehen wahr. Wünschenswert wäre es etwa, dass Lehrer regelmäßig vom behandelnden Therapeuten oder der Klinik über den Therapiestand des Schülers informiert werden, natürlich nach Einwilligung der Eltern. Für diese Einbindung fehle es aktuell jedoch an Strukturen, so Schleitzer.

Veranstaltung für den guten Zweck

Seit der ersten Veranstaltung „reden! statt schweigen“ ist die Tombola eine feste Größe im Programm. Die Erlöse aus der Tombola sowie Spenden auf und im Vorfeld der Veranstaltung erbrachten nach Angaben der Stiftung in diesem Jahr insgesamt 13.000 Euro. Das Geld soll den spenden-finanzierten Stiftungsprojekten zugute kommen. Neben „reden! statt schweigen“ sind das „Kinderfreizeit“ (Freizeitaktivitäten für Kinder aus Familien, die auf Transferleistungen angewiesen sind) und „Federleicht“ (Geburtstagsfeiern für Kinder und Jugendliche, bei denen ein Elternteil psychisch erkrankt und die Familie auf Transferleistungen angewiesen ist).

Weitere Informationen über die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll: www.sfo.hamburg

(Redaktion)


 


 

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