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Fall Siemens: Sind Aktiengesellschaften moralisch ? Gedanken zum Abschied der Börse

Immer wieder machen Unternehmen in der Presse damit Schlagzeilen, dass die Betriebsergebnisse hinter den Erwartungen zurück geblieben sind und dass daher Kosten reduziert werden müssen. Genauer und auch ehrlicher wäre aber der Hinweis, dass der Personalbestand abgebaut werden soll – weil eben dieser Kostenfaktor in den allermeisten Unternehmen zu den größten zählt. Aktuelles Beispiel: Die Siemens AG

Die Siemensführung hat sich dafür entschieden, den Konzern umzubauen. In diesem Zusammenhang werden – so der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, kürzlich vor Investoren in New York – mindestens 11.600 Stellen „obsolet“ (überflüssig) sein. Konkret würden dabei rund 7.600 Stellen durch die Anfang Mai beschlossene Organisationsreform wegfallen und weitere 4.000 Arbeitsplätze würden überflüssig werden durch die regionale Neuorganisation des Unternehmens. Kaeser verpackt es schön als „Vision 2020“, damit es modern und zukunftsorientiert klingt – aber eine richtige Zukunft bei Siemens haben wohl nur die Beschäftigten, die von den Entlassungsplänen der Siemens-Manager nicht betroffen sein werden…  Aber immerhin – so der Konzernchef am Christi-Himmelfahrt-Tag weiter – kündigte er auch an, dass einige der Beschäftigten neue Arbeitsplätze erhalten würden. 

Anmerkung: Eine solche Ankündigung, die direkt die wirtschaftliche Existenz Tausender Beschäftigter betrifft – darunter sicher viele Familienväter und Alleinerziehende -, an einem sehr hohen christlichen Feiertag öffentlich zu tätigen, zeugt für mich zusätzlich von einem ganz besonderen Zynismus. Aber zurück zum Grundsätzlichen: Geht es Ihnen da nicht auch so, dass Sie bei solchen Medienmeldungen ein flaues Gefühl in der Magengrube bekommen? Denken Sie sich nicht auch „irgendwie ist das nicht richtig, was da passiert“? Wir können als Außenstehende zwar nicht die Notwendigkeit einer solchen Maßnahme beurteilen, jedoch dass Siemens kurz vor der Pleite steht und es damit um die bloße Existenz des Gesamtunternehmens geht, davon kann nun wirklich keine Rede sein… 

Noch heute wird an den Hochschulen vermittelt, das vorrangigste Ziel der Betriebswirtschaft sei es, Instrumente zur Schaffung maximaler Gewinne zu erklären. Der Umweltaspekt und soziale Komponenten spielen zwar auch eine Rolle, aber offensichtlich immer noch eine nur untergeordnete…  Sicher ist eines: ohne Gewinn ist ein Unternehmen auf Dauer nicht überlebensfähig. Dass die Einnahmen die Ausgaben übersteigen müssen, ist ein Grundgesetz des Wirtschaftens. Daran schließt sich aber auch gleich die Frage an, ob dieses „Grundgesetz“ die Übernahme anderer Prinzipien oder Visionen wie z.B. die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, der Schutz der Umwelt oder der sorgfältige Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen ausschließt - oder ob sie nicht doch miteinander vereinbar und auch „lebbar“ sind.

In der Wirtschaftsgeschichte gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, denen das Wohl ihrer Mitarbeiter über das normale Maß hinaus sehr am Herzen gelegen ist – z.B. die Augsburger Fugger als Begründer der ältesten heute noch bestehenden Sozialsiedlung, Hermann Schulze-Delitzsch als führender Gründervater des Genossenschaftswesens, oder die werteorientierte Unternehmenskultur der Robert Bosch GmbH. Es sind außerdem die unzähligen Klein- und Mittelstandsbetriebe, in denen die Mitarbeiter nicht selten „zur Familie“ gehören. Man staunt, wie viele auch bekannte Firmen sogenannte Familienunternehmen sind, die oft seit langer Zeit erfolgreich am Markt agieren. Wer hierüber mehr wissen möchte: Das Düsseldorfer „Wirtschaftsblatt“ bringt von Zeit zu Zeit eine umfassende Zusammenstellung der größten und/oder erfolgreichsten Familienunternehmen heraus. Viele dieser Unternehmen zählen zum sogenannten Mittelstand. Gerade dort findet man besonders viele Firmen, in denen die Unternehmensleitung eine besondere Mitverantwortung für die beschäftigten Mitarbeiter übernommen hat. Noch mehr: Die Mitarbeiter werden oft zusätzlich gefördert und somit an das Unternehmen gebunden. Die oft unbewusst strategisch angelegte Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen soll den Bestand „der Firma“ sichern, die Qualität der Produkte gewährleisten oder sogar on und damit eben auch eine wichtige Grundlage für ein anhaltend gesunden Unternehmen bilden.

Heute leben wir in einer Zeit, die geprägt ist durch die Globalisierung der Märkte. Produkte sind weltweit vergleichbar und kaufbar. Das in China produzierte Polohemd steht in direkter Konkurrenz zum Polohemd, das auf der Schwäbischen Alb hergestellt wird. Alles ist überall und zu jeder Zeit kaufbar. Das Internet macht’s möglich. Und die Tatsache, dass der Preis ist beim Gros der Käufer nach wie vor das entscheidende Kaufkriterium ist –Qualität, Umweltschonung, Beratungsleistung und Regionalbezug dagegen immer noch Kriterien, die keine prioritäre Rolle spielen. 

Diese „preisorientierte“ Haltung einer Mehrheit an Konsumenten und Investoren zwingt zwar die Lieferanten (Hersteller, Großhändler, Einzelhändler) zu einem „preisbewussten“ Angebot der eigenen Güter und Dienstleistungen – jedoch hat sich diese Grundeinstellung offenkundig bei einer gewissen Gattung von Unternehmen verselbstständigt: Gewinnerwirtschaftung dient dort nicht mehr dazu, dem Unternehmen am Markt einen sicheren Platz zu garantieren, sondern in vielen Fällen dazu, Gelder zu erwirtschaften, die an eine „dritte Kraft“ abgetreten werden müssen. 

Diese sogenannte „dritte Kraft“ ist der Aktionär („shareholder“/Anteilseigner). Sein Betätigungsfeld ist die börsennotierte Aktiengesellschaft, sein Interesse ist aber weniger das entsprechende Unternehmen als vielmehr der Gewinn, der durch den An- und Verkauf von Aktien (des jeweilig betreffenden Unternehmens) erzielt werden kann – und vielleicht noch die Rendite seiner Anteilsscheine. Oftmals losgelöst von den eigentlichen Unternehmenszielen zählt für den Shareholder der Grundsatz „möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit“. Wird dieses Ziel nur unzureichend verfolgt, wird man unruhig, die ersten verkaufen die Papiere - und der Kurs der Aktie sinkt. Aktiengesellschaften sind dem Wohl und Wehe der Shareholder ausgeliefert. Wird seitens der Unternehmensleitung nicht alles dafür getan, möglichst große schwarze Zahlen zu schreiben, kommt es schnell mal zum Verkauf größerer Aktienpakete und das Unternehmen verliert mithin drastisch an Wert. Und wenn das nicht genügen sollte, so werden durch Großaktionäre über deren Einfluss auch mal Vorstände abberufen, bei Bedarf sogar Aufsichtsräte ausgewechselt.  Die Unternehmensführung befindet sich somit in einer besonderen Abhängigkeit von den Aktionären. Zum Barometer für die Stimmung der Aktionäre sind übrigens die Quartalsberichte geworden – sie werden gefürchtet oder aber hoffnungsvoll erwartet, da sie als Bremse oder als Turbo für die anstehende Kursentwicklung  gelten.

Die Lenker der Unternehmen, also die Vorstände und andere leitende Manager, haben nicht selten Angst um ihre persönliche berufliche Zukunft in diesem Unternehmen – die „dritte Kraft“ entscheidet letztlich darüber, ob sie in ihrem Sinne erfolgreich sind und somit bleiben dürfen oder ob sie gehen müssen. Bleiben und „geliebt“ werden Manager dann, wenn sie im Sinne der Shareholder entscheiden und handeln – und das ist eben nicht unbedingt im Interesse der Kunden und/oder der Mitarbeiter/innen.  Steigende Aktienkurse dienen zunächst und hauptsächlich dem Anteilseigner. Somit wird die Unternehmensleitung – die Manager in Vorstand und Aufsichtsrat - gezwungenermaßen zu einem Komplizen der Anteilseigner, mithin zu ihren Handlangern. Denn wer sich nicht dem Ziel der Aktionäre unterordnet, der geht. Wer aber „funktioniert“ und dem Wollen der Aktionäre folgt, bleibt – und wird zumeist mit formidablen Gehältern und großzügigsten Boni (zur Boni Definition) verwöhnt.

Bei den börsenorientierten Aktiengesellschaften ist das Auseinanderklaffen des ureigenen Unternehmensinteresses – ein nachhaltig erfolgreicher Bestand des Unternehmens und seiner Erzeugnisse am Markt – und das Interesses der Aktionäre (im Verein mit den Managern der Unternehmensleitung) mitunter eklatant. Bei keiner anderen Unternehmensform wird das kapitalistische Credo der „Eigentümer“ (Aktionäre)  - jede Sekunde manifestiert durch den Aktienwert an der Böse – so zum Selbstzweck wie bei dieser Unternehmensform. Im Gegensatz dazu ist das Ziel vor allem – aber nicht nur – der inhabergeführten Unternehmen, am Markt erfolgreich zu bestehen. Die Unternehmenspolitik dieser Firmen ist zumeist strategisch definiert und langfristig ausgerichtet. Oetker, Bosch, Bertelsmann, Würth und andere familiengeführte Unternehmen belegen den Erfolg dieser Konzeption nachweisbar.

Was nun aber tun, um diesem „Echtzeit-Monopoly“ ein Ende zu bereiten? Wie kann es geschafft werden, dass Mitarbeiter/innen und Kunden, aber auch Lieferanten, nicht mehr aufgrund kurzfristiger Entscheidungen zum „Spielball“ der Shareholder werden? Ich meine, das System insgesamt sollte grundsätzlich in Frage und überdacht werden: Braucht unser Wirtschaftssystem überhaupt Aktiengesellschaften, deren Papiere an einer Börse gehandelt werden? Gibt es nicht genügend andere Möglichkeiten, sich als Unternehmen Kapital zu besorgen? Börsennotierte AGs sind ein Relikt aus dem „Mittelalter“ des Kapitalismus. Diese Form der Kapitalbeschaffung und –vermehrung lässt sich nicht wirksam vom Spekulationsgedanken lösen – Spekulation und Börsenhandel sind zwei Seiten derselben Medaille. Das darf nicht länger zulasten von Unternehmen und deren Mitarbeitern gehen, erst recht nicht an deren Existenz! Denn das ist moralisch verwerflich und sollte daher abgeschafft werden! Die Welt verliert nichts, wenn es keinen Aktienhandel mehr gibt. Doch die Welt gewinnt viel, wenn sich Firmen ihr Gesellschafts- oder Investitionskapital  bei anderen Unternehmen oder bei Banken organisieren. Unternehmensstrategien werden wieder nachhaltiger und eine erfolgreiche Geldbeschaffung ist durchaus möglicherfolgt  - nach Vorlage ordentlicher Jahresbilanzen und nicht aufgrund kurzfristig geschönter bzw. gepushter Quartalsberichte …  

(Hasso Kraus)


 


 

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