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Work in Progress 2015

Vom Wert der Arbeit in der digitalen Gesellschaft

Auf Kampnagel fand vom 12. bis 14. März 2015 der Kongress „Work in Progress“ statt. Knapp 90 Rednerinnen und Redner aus Politik, Kultur, Wirtschaft, Start-ups, Medien und Wissenschaft – darunter auch der Bestsellerautor Jeremy Rifkin – sprachen über die künftige Arbeitswelt sowie den Wert und die Verwertung von kreativer Arbeit in der digitalen Gesellschaft.

Die Hamburg Kreativ Gesellschaft und Kampnagel waren mit den diesjährigen Partnern Xing AG und Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt (KDA) die Veranstalter des „Work in Progress“-Kongresses mit etwa 750 Teilnehmern. „Durch die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft erleben wir zurzeit den größten Wandel der Arbeitswelt seit der industriellen Revolution. Auch bei dieser Transformation sind die Akteure der Kreativwirtschaft oft die Pioniere, die neue Arbeitsformen entwickeln und erproben. Anlass genug, uns intensiv mit diesem Zukunftsthema zu befassen“, sagte Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. Als „den Ort für aktuellen Diskurs“ bezeichnete Amelie Deuflhard, Intendantin Kampnagel, Deutschlands größte freie Spiel- und Produktionsstätte. Bereits zum vierten Mal kamen dort Experten im Rahmen des „Work in Progress“-Kongresses zusammen.

Die Einstimmung auf den Kongress stand unter dem Titel „Werte.schaffen“. Dafür trafen Gerhard Ulrich von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland und Hamburgs Kultursenatorin Prof. Barbara Kissler auf Kulturschaffende, um über faire Löhne, gerechte Arbeitsbedingungen und nachhaltiges Wirtschaften zu diskutieren.

Der Wert von kreativer Arbeit

Welche geringe Wertschätzung kreative Leistung heute erfährt, zeigen schon am Eröffnungstag des Kongresses Beispiele aus dem Teilnehmerkreis. So berichtete eine studierte Kultur- und Bildungsmanagerin von der harschen Reaktion einer Geschäftsfrau auf den genannten Stundensatz: „Als ich ihre Frage nach meinem Honorar für die Konzeption und Umsetzung einer breit angelegten Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für ein großes Bildungsprojekt beantwortete, antwortete sie blitzschnell: Das ist Ihre Arbeit nicht wert!“ Es ging um einen Stundensatz, der klar unter dem einer Automechanikerstunde lag … Kurze Zeit später habe sie einen erfolgreichen Finanzdienstleister getroffen, der für ein eigenes gemeinnütziges Projekt professionelle Unterstützung an der Schnittstelle für Öffentlichkeitsarbeit und Spendenmarketing suchte. Gerade einmal 20 Euro Stundenhonorar habe er für angemessen gehalten. Als Selbstständige mit festen Bürokosten, Krankenversicherung usw. könne sie davon kaum leben. Auch würde eine solche Honorierung nicht einmal einem Vergleich zum gesetzlichen Mindestlohn standhalten. „Ich habe mich nach diesen Erlebnissen gefragt, ob das unglückliche Zufälle oder die deutlichen Zeichen für einen kompletten Verfall des Wertes kreativer Arbeit waren“.

Materielle und ideelle Vergütung

Tatsächlich ist die Kulturmanagerin kein Einzelfall. Viele Kreative und Künstler tun sich schwer, mit den Erlösen aus ihrer Arbeit finanziell über die Runden zu kommen. Auch die Unterstützung aus Fördertöpfen, die manche Kulturschaffende und -projekte erhalten, sichert häufig nur ein befristetes Fortbestehen. Und doch versuchen viele Kulturschaffende und Kreative bei ihrem Arbeits- und Schaffensumfeld zu bleiben.

„Hanseatische Nüchternheit“ versus „kalifornische Versprechungen“

Was treibt sie an? Und was macht den Wert von Arbeit aus – ist es die monetäre Umrechnung in ein Einkommen, von dem sich leben lässt, oder ist es darüber hinaus viel mehr in Form von ideeller Vergütung?

Die Intendantin von Kampnagel, Amelie Deuflhard, erinnerte in ihrem Grußwort zum „New Work Day“ am 13. März an den französischen Soziologen Pierre Bordieu, der aufgezeigt hat, dass es in einer Gesellschaft neben ökonomischem Kapital auch soziales und kulturelles Kapital gibt. Und Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz sprach sich dafür aus, dass die Gesellschaft Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer immer komplexeren Welt weiter entwickeln müsse. Und dass dabei „eine Portion Hanseatische Nüchternheit“ von Wert sein könne, wenn es darum gehe, die Versprechungen mancher kalifonischer Unternehmen einzuschätzen. Veränderungen machten erst Sinn, wenn es gelänge, den Einzelnen in den Mittelpunkt zu rücken anstelle der rein ökonomischen Interessen.

Es bleibt festzuhalten: Es sind zum einen Kreative und Kulturschaffende, ihre sinnstiftende Arbeit nicht missen möchten. Gerade die Kultur- und Kreativwirtschaft trägt nicht nur zum wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes bei, sondern regt Diskussionen an und schafft Werte auf gesellschaftlicher Ebene. Viele neue Trends kommen aus dieser Mitte, etwa der Open-Source-Gedanke, Coworking Spaces und schwarmbasierte Herangehens- und Arbeitsweisen. Zum anderen gibt es auch in anderen Branchen immer mehr Menschen, die Arbeit und Leben neu definieren.

Aus Work-Life-Balance wird Life-Balance

Der beginnende Fachkräftemangel und die erheblichen demografischen Veränderungen zahlen darauf ein, dass es in manchen Bereichen bereits möglich ist, Karriere anders zu definieren: Statt Status, Geld und Macht steht heute oftmals Leben und Arbeiten in flexiblen und gemeinschaftlichen Strukturen sowie die Selbstverwirklichung des Einzelnen im Vordergrund. Aus der vor Jahren angestrebten Work-Life-Balance wird eine Life-Balance. „Ich bin, was ich tue“, fasste Marc-Sven Kopka, Vice President External Affairs Xing AG, die Haltung vieler junger Menschen zusammen, die Beruf und Leben nicht mehr voneinander abgrenzen und dies als Form von Unabhängigkeit verstehen. Auch als Freiheit, attraktive Jobangebote abzulehnen, wenn diese nicht ins eigene Bild passen. Darauf müssten sich Arbeitgeber bereits heute einstellen, so Kopka.

Durch die fortschreitende Digitalisierung durchläuft unsere Gesellschaft derzeit einen Wandel mit „disruptiver Kraft“, wie es derzeit in den Medien gern formuliert wird. Ein Umbruch, der auch in der Arbeitswelt erhebliche Auswirkungen hat. Die Musik- und die Medienbranche haben es als eine der ersten zu spüren bekommen, was es bedeutet, dass Werke im Internet vervielfältigt werden, immer mehr kostenfreie Online-Inhalte zu finden sind und es zunehmend schwieriger wird, mit ehemals erfolgreichen Geschäftsmodellen am Markt weiter bestehen zu können. Erst nach und nach schaffen es etwa Medienhäuser durch ihre Digitalisierungsstrategien von der Im-Internet-gibt-es-alles-umsonst-Mentalität wegzukommen und rentable Angebote zu schaffen. Gleichzeitig bietet aber gerade die Digitalisierung neue Möglichkeiten und Chancen für junge Unternehmen, die innovative Wege gehen.

Strategien für die Arbeitswelt von morgen

In einer Podiumsdiskussion sprachen Experten über die Facetten der neuen Arbeitswelt. Prof. Dr. Gesche Joost, Designforscherin an der Universität der Künste Berlin und Internetbotschafterin der Bundesregierung, machte deutlich, dass digitale Arbeit nicht nur einen Teil der arbeitenden Bevölkerung betreffe, sondern das neue Normalmodell werde. Digitale Kenntnisse und Fähigkeiten würden in allen Bereichen verlangt. Auch in der Forschung und Entwicklung seien bereits erhebliche Veränderungen sichtbar. Peer-to-peer-learning, also der Wissensaustausch und das gemeinsame Lernen und Erarbeiten von Lösungen, etabliere sich. Der Open-Source-Gedanke habe die Wissenschaft erheblich vorangebracht. An ihrer Hochschule arbeiteten beispielsweise junge Frauen aus dem Textil- oder Modedesign bei der Entwicklung intelligenter Gewebe mit neuen Technologien, setzten sich dafür mit Textilgestaltung ebenso auseinander wie mit Software-Entwicklung und den Grundlagen der Elektrotechnik.

Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand Deutsche Telekom, wies darauf hin, dass wir zwar auf dem Weg in eine komplexere Arbeitswelt seien, es aber in großen Unternehmen weniger Arbeits- und Entscheidungsautonomie gebe und Deutschland im Vergleich zu europäischen Nachbarn rückständig sei. Er zitierte eine Studie der Wirtschaftsprofessorin Sonja Bischoff aus Hamburg, nach der kooperativer Führungsstil im mittleren Management seit den 1990er-Jahren von 80 Prozent deutlich gesunken sei. 2008 hätten nur noch 39 Prozent der Männer und 35 Prozent der Frauen in deutschen Unternehmen einen kooperativen Führungsstil gelebt. In den 1980er-Jahren hätte Deutschland humanitärere Arbeitsbedingungen gehabt als heute, einer Zeit, in der der „ Stakeholder value“ im Vordergrund stehe. Deutsche Unternehmen hätten eine hohe Effizienz in der Serienproduktion. Der Mensch gerate dabei jedoch zum Objekt. Künftig kämen viele Betriebe mit tradierten Geschäftsmodellen an ihre Grenzen, sie müssten etwa eine Kannibalisierung des Margengeschäfts verhindern, so Sattelberger. Auf der anderen Seite gebe es nur eine unterentwickelte Gründerszene in den MINT-Bereichen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Für ein neues Unternehmertum sei eine kreative und ökologische Gründerszene nötig. Auch sieht Sattelberger notwendige Veränderungen in den Arbeitskulturen: bei der Rekrutierung, Förderung und Beförderung von Mitarbeitern, der Einführung flacher Hierarchien bis hin zu kollektiven Entscheidungen zu Produktideen.

Als Vertreter eines jungen Unternehmens stellte Christian Beinke, Agentur für Innovationsentwicklung Dark Horse, die These auf, dass Systeme angepasst werden sollten an die Kontexte und Ziele, die zu erreicht sind. In der 30 Köpfe starken Agentur gebe es beispielsweise Gemeinschaftsentscheidungen. Dafür bereiteten kleine Teams die Themen vor, gäben Empfehlungen für die Entscheidung, die in großer Runde getroffen werde. Die „Voreinstellung“ für die Entscheidung sei immer „ja“. Gäbe es Nachbesserungsbedarf würde das Team nacharbeiten und man träfe später eine Entscheidung. So ließen sich Diskussionen vermeiden. Darüber hinaus gebe es auch regelmäßige Treffen, bei denen über strategische Themen oder das Zusammenarbeiten in der Gemeinschaft gesprochen werde. Ursprünglich habe man geplant, dass reihum jeweils ein Mitarbeiter in solchen Runden den „Hut“ aufhat. In der Praxis habe sich herauskristallisiert, dass sich dies die Mitarbeiter teilen, die mit ihrer Persönlichkeit dafür geeignet sind.

Die Arbeitswelt von morgen bedeute weniger Macht für Manager und Betriebsräte, stattdessen mehr Macht für Individuen und die Community, schloss Sattelberger. In der Innovationsagentur wie auch in vielen Start-ups ist dies bereits gelebte Arbeitskultur.

Digital ist anders

In weiteren Diskussionsrunden gaben etablierte Unternehmen Einblicke in ihre Strategien, mit dem digitalen Wandel Schritt zu halten – zum Beispiel das Magazin „Stern“, das Inhalte des Printmagazins mit ergänzenden Geschichten online weiter erzählt. Und Start-ups stellten vor, wie sie die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für neue Geschäftsideen nutzen – etwa das Start-up Sofa Concerts, das über seine Online-Plattform Privatleute und Künstler für Konzerte in den eigenen vier Wänden zusammenbringt. Oder auch das monatliche Fernsehformat TV Noir, das über Youtube große Bekanntheit erlangt hat.

Ein Fazit aus dem Kongresstag: Die größte Herausforderung in unserer Gesellschaft dürfte es sein, den Weg der Digitalisierung erfolgreich weiterzugehen und die Menschen im Land daran teilhaben zu lassen. Dazu gehören beispielsweise ausreichend Bildungsangebote. Vor allem die Politik ist zudem gefragt, auf die sich verändernde Arbeitswelt zu reagieren: Für neue, flexible Arbeitsstrukturen braucht die Gesellschaft auch passende Möglichkeiten für die soziale Absicherung von freischaffenden Kreativen und Künstlern, Solo-Selbstständigen und Freelancern.

(Tanja Königshagen)


 


 

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