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  • 08.06.2020, 18:50 Uhr
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  • Deutschland
Interview

Einblicke in die aktuelle Lage der Bauwirtschaft – Interview mit Sven Hohmann

Branchen wie Tourismus und Gastronomie werden durch die Corona-Pandemie mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert. Doch auch die Bauwirtschaft bleibt von negativen Folgen nicht verschont. Branchenexperte Sven Hohmann erläutert im folgenden Interview, mit welchen Auswirkungen Unternehmen zu kämpfen haben und welche Entwicklung denkbar ist. Hohmann ist Geschäftsführer des branchenspezifischen Informationsdienstes ibau GmbH und verantwortlich für Geschäftseinheiten der Infopro Digital Gruppe im deutschsprachigen Raum.

Seit Monaten befindet sich die Wirtschaft des Landes unter dem starken Einfluss der Corona-Krise. Herr Hohmann, welche Auswirkungen beobachten Sie in der Baubranche?

Die Bauindustrie setzt sich aus verschiedenen Beteiligten zusammen. Das macht die pauschale Beantwortung dieser Frage schwierig. Eine grobe Unterscheidung erlauben der Handels- und Industriebereich, Planer und Architekten sowie Auftraggeber und ausführende Betriebe. Hinzu kommt, dass sich die Folgen der Krise in verschiedenen Bauphasen individuell zeigen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Baubranche im Vergleich zu extrem beeinflussten Branchen wie dem Tourismus laut aktuellem Stand mit einem blauen Auge aus der Krise hervorgehen könnte. Nicht zu vernachlässigen ist allerdings die Tatsache, dass wirtschaftliche Auswirkungen in der Regel zeitlich verzögert deutlich werden. Eine Entwarnung kann es deshalb nicht geben. Spürbare Einschnitte sind nach wie vor denkbar.

Wie lautet Ihre Einschätzung zur Stimmungslage und möglichen Entwicklungen?

Die Auftraggeber sind am stärksten betroffen, wie unsere tagesaktuellen Daten des Ausschreibungsgeschäfts und Entwicklungstendenzen aus unseren Kontakten zu Bauträgern, Generalunternehmern, Vergabestellen, Architekten und Investoren bestätigen. Hinsichtlich neuer Projekte zeigt die Branche aufgrund der hohen Planungsunsicherheit bereits Zurückhaltung, obwohl mit 61 Prozent bisher die meisten Bauvorhaben planungsgemäß verlaufen sind. Bei neu geplanten Bauvorhaben stellen wir eine kontinuierlich sinkende Anzahl fest.

Erfreulich ist, dass zumindest ausführende Unternehmen ausgelastet sind, was unter anderem daran liegt, dass Bauarbeiten auf den Baustellen in Deutschland unter Einhaltung der Hygienevorschriften fortgesetzt werden durften. Derzeit zeigt die Branche deshalb zurückhaltenden Optimismus hinsichtlich der nächsten Monate. Unbeschadet, wird aber auch die Baubranche nicht davonkommen. Verzögerte Projektabschlüsse, ein Mangel an Baumaterial und Ausfälle von Gewerken sind jetzt erste Anzeichen krisenbedingter Folgen. Bleibt abzuwarten, inwieweit das angekündigte Konjunkturprogramm der Bundesregierung in Milliardenhöhe helfen kann.

Zur Unterstützung der Branche machen wir unsere Informationen kostenlos verfügbar, um Auswirkungen der Pandemie transparent darzulegen. Unter www.ibau.de präsentieren wir die aktuelle Sentiment Analyse April, eine Stimmungsanalyse basierend auf zahlreichen Schwerpunktinterviews und mehr als 1.000 Gesprächen innerhalb unseres Partnernetzwerks.

Wie wirkt sich die Pandemie in den individuellen Bauphasen aus?

Bei laufenden Bauvorhaben und Projekten, die kurz vor Baubeginn stehen, können wir kaum Verzögerungen erkennen. Allerdings gibt es erste Probleme bei der Baumaterialbereitstellung, wovon in erster Linie der Ausbau und technische Gewerke betroffen sind. Die Globalisierung spielt hierbei eine entscheidende Rolle, weil starke Abhängigkeiten vom ausländischen Markt bestehen. Bei Keramik und Elektronikbauteilen wird dies besonders klar.

Stagnierende Zahlen beobachten wir bei Projekten, die innerhalb von ein bis zwei Jahren fertiggestellt werden sollen. Private Bauherren zögern momentan mit dem Anstoß weiterer Bauvorhaben, weil sie die wirtschaftliche Entwicklung schlecht einschätzen können. Wie sich diese Haltung langfristig auswirkt, lässt sich kaum vorhersehen.

Wie beurteilen Sie die Situation in den verschiedenen bauwirtschaftlichen Sektoren?

Der Anteil an Aufträgen im privaten Wohnungsbau ist extrem eingebrochen. Stabilität bei der Auftragslage herrscht hingegen bei öffentlichen Projekten und beim gewerblichen Wohnungsbau. Der Bedarf an gewerblichen Immobilien, kommunalen Einrichtungen und Wohnraum im Allgemeinen hat nach wie vor Bestand. Deutliche Rückgänge durch die Pandemie sind erwartungsgemäß in den Bereichen Hotellerie, Gastronomie, Industrie und Produktion nachvollziehbar. Die finanziellen Folgen dürften weitere Rückgänge verursachen.

Kann die Baubranche aus der Lage lernen?

Die Krise hat von den Unternehmen eine schnelle Anpassungsfähigkeit abverlangt. Nie zuvor mussten sie mehr Flexibilität beweisen. Ich denke, dass die Krise eine wertvolle Chance darstellt, um an der Digitalisierung zu arbeiten und über Tools informiert zu bleiben.

Was bedeutet für Sie Digitalisierung in der Baubranche?

Die Baubranche ist vorsichtig formuliert, eine eher traditionelle Branche, die großen Wert auf den persönlichen Kontakt legt. Angesichts der millionenschweren Investitionen ist dieser Fokus auch völlig nachvollziehbar. Eine vertrauensvolle und kompetente Zusammenarbeit ist für Auftraggeber wichtig. In Zeiten von Corona mussten Abstimmungen und Meetings allerdings über Videotelefonie durchgeführt werden, was vielen unserer Ansprechpartner zu unpersönlich ist. Obwohl die digitalen Medien eine große Hilfe waren, fehlt den Beteiligten die Nähe zu Geschäftspartnern. Im Bereich Auftragsakquise hat sich die Digitalisierung hingegen als eine attraktive Lösung entpuppt.

Welche Empfehlung sprechen Sie gegenüber Unternehmen aus, welche negative Folgen der Pandemie verhindern möchten?

Im Ausschreibungsverhalten öffentlicher Auftraggeber beobachten wir besondere Veränderungen. Unter anderem haben erhöhte Schwellenwerte und verkürzte Fristen bei Bewerbung und Vergabe die Prozesse beschleunigt. Für Betriebe ist es inzwischen noch wichtiger, dass sie informiert bleiben und schnell auf neue Bauprojekte reagieren, um mit den Verantwortlichen Kontakt aufzunehmen. Nur so können Unternehmen ihr Angebot wettbewerbsfähig präsentieren. Es gibt eine Vielzahl Anbieter, um auf dem Laufenden zu bleiben. Mit dem ibau Xplorer bieten auch wir ein System, das einen Überblick über das aktuelle Marktgeschehen verschafft. Unser browserbasiertes System beinhaltet sämtliche Aufträge, die öffentlich ausgeschrieben sind sowie alle relevanten Bauprojekte in Deutschland. Zusätzlich stellen wir die Kontaktdaten zuständiger Ansprechpartner zur Verfügung, damit Unternehmen umgehend mit ihnen in den Dialog treten können. Dieser Service ist ein Grund für die erhöhte Nachfrage nach unserem Angebot.

Wie beschaffen Sie Ihre Daten für ibau?

Wir sind für die Baubranche bereits seit 1957 als Informationslieferant tätig. Unser Wissen über geplante Bauvorhaben und öffentliche Aufträge recherchieren wir deutschlandweit. Neben künstlicher Intelligenz und anderen modernen Technologien dient uns unser exklusives Partnernetzwerk als Datenquelle. Anhand dieser Expertise und der Daten können wir frühzeitig Stimmungsbilder und Prognosen wagen.

(Redaktion)


 


 

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