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Andrea Niehaus

Dank Zufall zum Traumjob

Italien und Rheinland haben etwas gemeinsam

Andrea Niehaus: Sehr gut, weil ich diese Vorliebe für die italienische Kultur habe. Und der Rheinländer hat etwas davon. Er ist beispielsweise offen und sehr kommunikativ, das passt zu mir.

business-on.de: Wie lange wollen Sie Direktorin am Deutschen Museum Bonn bleiben? Gibt es bereits Pläne für die Zukunft?

Andrea Niehaus: Wenn meine beiden Chefs mit meiner Arbeit zufrieden sind, möchte ich den Job noch sehr lange machen. Ich habe hier alles, was meinen Fähigkeiten und Stärken entspricht.

business-on.de: Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Andrea Niehaus: Vor allem, dass ich hier nicht nur Verwalterin bin und Arbeit delegiere. Die Vielfältigkeit der Aufgaben macht mir Spass. Ich mag die Abwechslung. Ich liebe es, Dinge inhaltlich zu gestalten und zu strukturieren und mich mit Themen zu beschäftigen, die mich schon immer interessiert haben. Das ist eine unwahrscheinliche Bereicherung. Aber ich helfe auch beim Aufbau von Veranstaltungen, schleppe Stühle mit ran oder kümmere mich um technische Fragen wie die der Beleuchtung. Mir ist partnerschaftliche Zusammenarbeit auf jeder Ebene sehr wichtig.

business-on.de: Welche Beziehung haben Sie zur Technik?

Andrea Niehaus: Ich bin ohne Berührungsängste zur Technik aufgewachsen. In meiner Famlie wurde kein Unterschied zwischen Junge und Mädchen gemacht, deswegen kann ich auch mit der Bohrmaschine umgehen. Außerdem haben wir ja täglich mit Technik zu tun. Ohne Computer oder Handy ist das Leben nicht mehr vorstellbar. Auch als Kunsthistorikerin kann man sich für Technik begeistern.

Museumspädagogisches Angebot für Kinder und Schulklassen

business-on.de: Ihr Museum wendet sich speziell an Kinder und Schulklassen mit einem museumspädagogischen Angebot. Wird das Angebot in Anspruch genommen?

Andrea Niehaus: Wir können uns vor Anfragen nicht retten. Vor allem seit bewußt ist, wie wichtig die Naturwissenschaften in unserer Gesellschaft sind. Wir haben vor Jahren begonnen, den Kinder- und Jugendbereich auszubauen. Einmal weil das, was wir ausstellen, nicht immer ganz einfach zu verstehen ist. Hinzu kommt, dass das Aufnahmeempfinden heute sehr medial geprägt ist, speziell bei den Jugendlichen. Deswegen war uns wichtig, einen Weg zu finden, mit dem wir junge Menschen für das Thema Naturwissenschaft begeistern können.

business-on.de: Und wie sieht das aus?

Andrea Niehaus: Wir bieten Workshops mit experimentell geprägten Lernvorgängen an. Das kommt bei den Jugendlichen gut an. Wir haben inzwischen fast 20 Themengruppen, z.B. Fliegen, Wetter, Magnetismus, etc., die entsprechend aufbereitet sind. Es gibt beispielsweise auch eine Experimentierküche, in der man lernt, dass Kochen nichts anderes ist als ein chemischer Vorgang. Hier können die Kinder Gummibärchen herstellen oder Shampoo. Wir wollen aber hier keine kleinen Einsteins produzieren, sondern Hilfen geben, mit denen technologische Entwicklungen richtig beurteilt werden können. Es gibt ja auch viele strittige Themen, wie beispielsweise Gentechnologie.

business-on.de: Kann man sagen, dass Ihr Haus ein Museum mit großem Lerneffekt ist?

Andrea Niehaus: Richtig, wobei das ein sehr informelles Lernen ist. Lernen ist in Deutschland immer noch negativ besetzt nach dem Motto, man wird abgefragt oder schreibt Klausuren. Das heisst, man geht nicht in ein Museum, um zu lernen. Deswegen findet das hier en passant statt. Für uns ist das Museum ein ganz lebendiger Ort, der den Besucher in die eigene Präsentation einbeschließt. Die Art und Weise der Einbeziehung beruht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

business-on.de: Wenn man so eingespannt ist wie Sie, bleibt da noch Zeit für Freizeitaktivitäten übrig?

Andrea Niehaus: Freizeit gibt es schon. Aber die Arbeit steht an erster Stelle. Allerdings, wenn in meiner Familie, beispielsweise mit den Eltern etwas passiert, dann stehe ich natürlich sofort Gewehr bei Fuss. Ansonsten komme ich häufig erst zwischen 9 und 10 nach Hause. Und dann muss man sehen, dass man noch Treffen mit Bekannten und Freunden organisieren kann. Zwei- bis dreimal gehe ich in den Jazz-Keller, in dem mein Freund spielt.

business-on.de: Welche Ziele stehen so auf Ihren Urlaubsplänen?

Andrea Niehaus: Schwieriges Thema, weil ich zu wenig Zeit für Urlaub habe. Es gibt ab und zu mal Notlösungen. Letztes Jahr war ich beispielsweise beruflich in China und dann habe ich zehn Tage drangehängt, um ein bisschen rumzufahren. Ich bleibe auch mal gern hier in Bonn, um das zu tun, wozu ich sonst nicht komme.

business-on.de: Sie boten mir an, eine kleine Führung durch das Museum zu machen. Womit fangen wir an?

Spielerische Erklärung des Immunsystems

Andrea Niehaus: Wir können gleich am Tisch, an dem wir sitzen, anfangen. Hier wird in einer Art Spiel gezeigt, wie das menschliche Immunsystem funktioniert.

business-on.de: Das sieht aus wie ein übergroßes Puzzle.

Andrea Niehaus: Ja, die einzelnen Puzzleteile stellen Blutkörperchen, Antikörper und Viren dar. Dazu gibt es eine Anleitung, in der beschrieben wird, wie das Spiel funktioniert. Die Funktionsweise des Immunsystems wurde vom deutschen Forscher Köhler zusammen mit seinem englischen Kollege Milstein entdeckt. Sie erhielten dafür 1984 den Nobelpreis. In der Ausstellung finden Sie außerdem noch das Laborbuch, in dem Köhler handschriftlich beschreibt, wie er die Produktion von Antikörpern entdeckte. Die Idee zu diesem Spiel stammt übrigens von Köhler. Er war bei uns im wissenschaftlichen Beirat. Mit der Herstellung von Antikörpern werden heute Umsätze in Milliardenhöhe gemacht.

business-on.de: Haben Sie noch ein spannendes Beispiel aus der Forschung?

Andrea Niehaus: Ja, hier handelt es sich um einen Prototyp, der sich Patch-Clamp-Meßplatz nennt. Erwin Neher aus Göttingen und Bert Sakmann aus Heidelberg gelang es an diesem Arbeitstisch zum ersten Mal, die Größe und die Dauer des Ionenstroms durch einzelne Kanäle in einer Zellmembran zu messen. Das heißt, mit diesem Meßsystem konnten sie nachvollziehen, wie Zellen über ganz feine Ionen-Kanäle miteinander kommunizieren . Beide erhielten für diese Erfindung 1991 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Viele Stoffwechselkrankheiten werden im Prinzip dadurch hervorgerufen, dass diese Kanäle verstopft sind. Mukoviszidose ist ein bekanntes Beispiel. Eine Vielzahl von Pharmaka, deren Wirkorte Ionenkanäle sind, kann damit gezielt auf Haupt- und Nebenwirkungen hin untersucht werden.

business-on.de: Sie sprachen eben von einem besonderen Schätzchen in der Ausstellung.

Alfred Hitchcocks Vögel

Andrea Niehaus: Hier gibt es natürlich nur tolle Schätze. Aber ein echtes Schätzchen in unserer Sammlung ist dieses Ausstellungsstück hier. Es nennt sich Mixturtrautonium und ist quasi ein Vorläufer der Synthesizer. Das Trautonium ist eine Mischung zwischen Geige und Klavier. Es wurde erstmals in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts gebaut. Mit dem Instrument komponierte Oskar Sala unter anderem 1961 die Geräusche für Alfred Hitchcocks Film »Die Vögel«. Was viele nicht wissen: das Vogelgekreische im Film ist nicht echt, sondern wurde auf diesem Gerät elektronisch erzeugt.

business-on.de: Jetzt stehen wir hier vor einem Schaukasten mit Fischer-Dübeln. Warum wird so ein Allerweltsprodukt hier im Museum ausgestellt?

Andrea Niehaus: Artur Fischer ist der Mann mit den meisten Patenten in Deutschland. Er ist der erfolgreichste Erfinder. Angefangen hat er mit elektrischen Anzündern, weil es nach dem Krieg keine Streichhölzer gab. Die erste Blitzlampe, die mit dem Kameraverschluss synchronisiert war, wurde von ihm entwickelt. Die Blitzlampen, die dann von Agfa gebaut wurden, gehen auf Artur Fischer zurück. Ich habe ihn kürzlich noch getroffen. Er ist 78 und ein unwahrsheinlich sympathischer, alter Herr. Der Fischer-Dübel war übrigens der erste, der Anfang der Fünfziger aus Kunstsstoff hergestellt wurde und – verglichen mit seinen Vorgängern -tatsächlich auch in der Wand stecken bleibt.

business-on.de: Leider müssen wir an dieser Stelle abbrechen, obwohl noch viele spannende Geschichten zu der Sammlung erzählt werden können. Am besten, liebe LeserInnen, Sie überzeugen sich einmal selbst davon.

(Karin Bäck)


 


 

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1 Kommentar

von medium-berlin
10.04.08 00:56 Uhr
zufall?

actio=reactio. wer an zufall glaubt sollte lotto spielen und vom glück träumen anstatt vom erfolg.

 

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