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BHF-BANK Aktiengesellschaft

Auf demografischen Wandel nicht vorbereitet

Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber und Feuilletonchef der FAZ, warnt vor den dramatischen Folgen der Überalterung auch im Hinblick auf die Wirtschaftskrise. Ort: Villa Marienburg, dem Stammsitz der Gerling-Familie. Gastgeber: BHF-Bank. Unter den Gästen waren viele bekannte Gesichter wie Kunstmäzenin Gabriele Henkel, Bestseller-Autor Frank Schätzing, Kölner FC-Trainer Christoph Daum oder Galerist Knut Osper.

Die BHF-Bank, Tochter der größten europäischen Privatbank, Sal. Oppenheim, hatte handverlesene Kunden der Region Köln-Düsseldorf in die prunkvolle und majestätische Villa Marienburg eingeladen. Ulrich Lingenthal, Mitglied der Geschäftsbereichsleitung, berichtete, dass die Geschäfte der BHF-Bank weiterhin auf Wachstumskurs seien. Wann die Krise beendet sein wird und welche Auswirkungen auf die Marktwirtschaft noch zu erwarten sind, sei allerdings noch nicht absehbar. Sicher sei, dass der demografische Wandel nicht nur bei der Krisenbewältigung neue Denkansätze herausfordert.  

Damit war die Überleitung zum Gastreferenten Frank Schirrmacher perfekt. Der Feuilletonist, ein Meister der verbalen Dramaturgie, verstand es hervorragend, die Gäste eine Stunde in Atem zu halten mit einem Thema, das den meisten von der Tragweite bisher so nicht bewusst war.

"Was ist das für eine Gesellschaft, in die wir hineinwachsen?"

Schirrmacher beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Überalterung der Menschheit und den sich daraus ergebenden Folgen. In seinem Bestseller "Das Methusalem-Komplott" prophezeite er die Mobilmachung seitens der Baby-Boomer-Generation der Sechziger. Die Revoluzzer von damals, so seine These, werden den "Altersrassismus", dem sie heute ausgesetzt sind, nicht untätig hinnehmen. Eine Revolution der "68er" steht kurz bevor, so seine damalige Warnung.

Mit der jetzigen Krise bekommt die demografische Entwicklung für Schirrmacher eine ganz neue Dimension. "Bei allen bisherigen Krisen, unabhängig von Krieg, Inflation oder Börsencrash, waren mehrheitlich Menschen betroffen, die den Großteil ihres Lebens noch vor sich hatten. Das wird jetzt erstmals ganz anders sein. Und wir sind das erste Land, wo das so ist."

Die Altersstruktur werde die Psychologie unserer Gesellschaft verändern. Unklar bleibt in welche Richtung. Stattdessen warnt "Panik"-Schirrmacher, wie ihn böse Zungen auch nennen, davor, dieses Gefahrenpotential als journalistische Übertreibung abzutun und auf Abwartemodus zu schalten. "Das ist keine Übertreibung". Fatal sei, dass "wir nicht darauf vorbereitet sind ".

Jeder dritte Deutsche über sechzig

Und dann kommen die knallharten Fakten bzw. der "düstere Teil" seines Vortrags, mit dem er die Brisanz der demografischen Entwicklung bedingungslos unter die Lupe nimmt. Ein gewaltiges Zahlenwerk, das u.a. von Prof. Dr. James Vaupel, Max-Planck-Institut für demografische Forschung valuiert wurde, prasselt auf die Zuhörer nieder. Hier nur einige der angesprochenen Fakten. Bezogen auf Deutschland liegt das heutige Durchschnittsalter bei 49 und 30 Prozent der Bevölkerung ist bereits über 60. 2050 werden es 40 Prozent sein. Die am schnellsten wachsende Gruppe in den nächsten 40 Jahren ist die der 80-Jährigen.

Unsere Industrie, so Schirrmacher, sehe trotzdem keinen Handlungsbedarf, weil sie der Meinung ist, sie könne in die Märkte gehen, in der die Jungen sind. Ob sie sich da nicht irrt? Oder wollen sie alle in den Nahen Osten gehen, wo die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe durchschnittlich 16-18 Jahre alt ist. In absoluten Zahlen sprechen wir von 250 Millionen jungen Arabern. Deutschland sei zwar noch einsame Spitze, was die Überalterung betrifft. Aber in absehbar kurzer Zeit werden Österreich, Italien, Spanien, USA, der Ostblock, Russland, Südkorea, etc. und Schlag 2020 China folgen. 

Demografische Anekdote: In Florida wird seit Jahrzehnten eine Statistik der Raser mit namentlicher Nennung veröffentlicht. Das Blatt hat sich gewendet. Heute führen die so genannten "Snails" die Statistik der Verkehrssünder an. "Snails" sind Autofahrer, die sich mit weniger als 19 Miles per Hour auf den Highways fortbewegen. Und das ist genau so strafbar wie zu schnelles Fahren.

Geburtensteigerung und Zuwanderung keine Lösung

Die deutschen Politiker glauben immer noch, so Schirrmacher, dass der demografische Wandel mit Geburtensteigerung und Zuwanderung bewältigt werden kann. Auch das sei ein Irrtum. Ein Beispiel. Der Bürgermeister von Cottbus – die Stadt leidet ganz besonders unter dem Schwund an jungen Menschen – ging in seiner Verzweiflung einen unglaublichen Weg. Auf einer Abendveranstaltung forderte er die Bürger der Stadt inbrünstig auf, nach Hause zu gehen und das zu machen, was Kindersegen verspricht. Als er den Projektor aus und das Licht im Saal wieder anmachte, war klar, dass das ein frommer Wunsch bleiben würde. Denn im Saal saß eine nicht mehr fortpflanzungsfähige Generation! Anderes Beispiel. Um die Bevölkerungszahl bis 2050 einigermaßen stabil zu halten, brauche man nach Berechnungen von Experten 190 Millionen Zuwanderer. 

Bismarcks Sozialgesetze noch in den Köpfen

Was kann man tun, fragt Schirrmacher. Die Anhebung des Rentenalters auf 67 sei ein Weg in die richtige Richtung. Aus seiner Sicht steckt aber immer noch dieses Bismarck-Konstrukt in unseren Köpfen und verhindert realistische Ansätze. Vergessen wird, dass zu Reichskanzlerzeiten und noch lange Zeit danach die meisten Menschen kurz nach Renteneintritt starben. Inzwischen habe sich die Biologie des Alters stark verändert. Medizinisch nachgewiesen sei, dass ein heute 75-jähriger Mensch über die gleiche geistige Fitness verfügt wie 1960 ein 49-Jähriger. Ein Umdenken ist dringend erforderlich, so der FAZ-Herausgeber. "Je eher um so besser."

Im Silikon Valley seien beispielsweise schon heute ein Drittel der Neugründer über 60. In Deutschland würden diese noch nicht einmal einen Kredit bekommen. Auch die Industrie hat sich noch nicht auf die Entwicklung intelligenter Produkte für alte, fitte Menschen eingerichtet, abgesehen von Liftern oder Ginseng. Sieht man die Premium-Anzeigen für Treppenlifter in Deutschlands auflagenstärkstem Magazin ADAC Motorwelt, dann wird einem der gigantische Markt für Seniorenprodukte klar. Verschläft unsere Industrie einen Wachstumsmarkt? In Amerika setzt eine Supermarktkette beispielsweise Einkaufswagen (shopping carts) ein, die mit Motorsteuerung, Touch-Screen, Lupe, Sitzplatz, etc. ausgestattet sind. Die Wagen machen den Senioren so viel Spaß, dass so manche nur zum carten in den Laden gehen. 

(Karin Bäck)


 


 

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