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Energievorbild Bayer AG

Interview mit Dipl. Ing. Wilfried Köplin, Leiter der Bayer-Konzernenergiepolitik

Die Bayer AG mit Sitz in Leverkusen: Das weltweit tätige Unternehmen mit 350 Gesellschaften auf fünf Kontinenten glänzt Jahr für Jahr mit herausragenden Wachstumszahlen. Das Firmen-Motto: „Sciene for a better life – Wissenschaft für ein besseres Leben“ steht für die Grundpfeiler Ökologie, Ökonomie und gesellschaftliche Verantwortung. business-on.de sprach mit Dipl. Ing. Wilfried Köplin, Leiter der Bayer-Konzernenergiepolitik, über die Herausforderung Energiebedarf, Umweltschutz und Wirtschaftskrise in Einklang zu bringen.

business-on.de: Herr Köplin, die Bayer AG (AG = Aktiengesellschaft) erwirtschaftete 2007 einen Umsatzerlös von 32.387 Mrd. Euro und konnte sich damit im Vergleich zum Vorjahr um stolze 11,8 Prozent verbessern. Trotz der wirtschaftlichen Turbulenzen in 2008, gelang es dem Konzern, Umsatz – und Ertragskraft nochmals um 1,6 Prozent auf 32.9 Mrd. Euro zu steigern. Das sind wirklich beeindruckende Zahlen! Hat sie die viel zitierte Krise etwa verschont?

Wilfried Köplin: Wir sind stolz auf das operativ erfolgreichste Jahr in der langen Geschichte von Bayer. Trotz der schweren globalen Wirtschaftskrise blicken wir relativ zuversichtlich in die Zukunft. Unsere Konzernstrategie bewährt sich auch in einem schwierigen Umfeld. So profitieren wir von der Ausrichtung des Konzerns auf die weniger von der weltwirtschaftlichen Entwicklung abhängigen Life-Science-Bereiche, also Gesundheit und Ernährung. Im Teilkonzern Bayer MaterialScience spüren wir die Wirtschaftskrise aber durchaus deutlich.

business-on.de: Das Konjunkturtief wurde weit im Vorfeld angekündigt. Konnte sich die Bayer AG bereits frühzeitig auf schwierigere Zeiten vorbereiten? Wenn ja, welche Maßnahmen verschafften ihnen eine Art Sicherungs-Polster?

Wilfried Köplin: Der Bayer-Teilkonzern MaterialScience steuerte den Auswirkungen der Wirtschaftskrise frühzeitig entgegen, verzichtet aber bis auf weiteres auf Kurzarbeit.

Bereits Ende vergangenen Jahres wurden weltweit betriebliche Wartungsarbeiten vorgezogen, Produktionen gedrosselt und auch zeitweise stillgelegt. Die Beschäftigten nutzten zudem flexible Arbeitszeiten und bauten restliche Urlaubstage ab. Derzeit wendet Bayer MaterialScience eine tarifvertraglich vereinbarte Öffnungsklausel an. Danach wurde die Arbeitszeit um 6.7 Prozent – also von 37.5 auf 35 Wochenstunden – reduziert und die Tarifentgelte entsprechend abgesenkt. Diese Maßnahme wurde mit den Arbeitnehmervertretern im Februar dieses Jahres für die Dauer von 9 Monaten vereinbart. Dies ist eine solidarische Lösung, da nicht 
nur die Mitarbeiter in der Produktion, sondern alle Beschäftigten von Bayer MaterialScience betroffen sind.

"Bayer ist hinsichtlich der Personalplanung sehr gut aufgestellt"

business-on.de: Hat die wirtschaftliche Entwicklung Auswirkungen auf die Personalplanung?

Wilfried Köplin: Bayer ist hinsichtlich der Personalplanung sehr gut aufgestellt und kann auf unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklungen – positive wie negative – entsprechend reagieren. Unsere laufende Standortsicherungsvereinbarung, die beispielsweise betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahresende ausschließt, schafft für die Beschäftigten der Bayer AG zudem Sicherheit. Gespräche über eine mögliche Verlängerung werden aufgenommen, dabei setzen wir auf die Bereitschaft zur zeitlichen und örtlichen Flexibilität unserer Beschäftigten. 

business-on.de: Laut Geschäftsbericht zählt der Bayer Konzern international 108.600 Mitarbeiter. Die in Deutschland 37.400 Beschäftigten machen einen Anteil von 35 Prozent am Gesamtkonzern aus. Wird die Verteilung der Arbeitskräfte in etwa in diesem Rahmen bleiben oder sind in der Bayer AG in naher Zukunft personelle Umstrukturierungen geplant?

Wilfried Köplin: Wir hatten früh damit begonnen, unsere Wettbewerbsfähigkeit in allen Gesellschaften mit Struktur- und Effizienzprogrammen zu verbessern. Eventuell erforderliche Anpassungen werden wir so gestalten, dass die Nachhaltigkeit unseres Geschäfts nicht beeinträchtigt wird. Insofern sind zurzeit keine größeren Personalmaßnahmen oder Umstrukturierungen geplant. 

business-on.de: Herr Köplin, Sie sind verantwortlich für die Energiepolitik des Bayer Konzerns und sitzen dem Energieausschuss im Verband der chemischen Industrie Deutschlands vor. Was genau sind dort Ihre Aufgaben?

Wilfried Köplin: Die chemische Industrie ist sehr energieintensiv und deshalb von Gesetzgebungen, die die Energiekosten der Unternehmen beeinflussen, besonders betroffen. Als Beispiele nenne ich die Förderung erneuerbarer Energien und den europäischen Emissionshandel. Beides führt zu immensen Erhöhungen der Stromkosten. Im Verband erarbeiten wir Vorschläge, die einerseits den politisch angestrebten Zielen weitgehend entsprechen, auf der anderen Seite aber auch die Wettbewerbsfähigkeit der chemischen Industrie auf den globalen Märkten erhalten. Von diesen Positionen versuchen wir dann, die Entscheidungsträger in den Ministerien und den Parlamenten in Berlin und Brüssel zu überzeugen.

business-on.de: Die chemische Industrie gilt als sehr energieintensiv - jede zehnte Kilowatt-Stunde geht in Anlagen der chemischen Industrie. Gleichzeitig demonstriert die Bayer AG ihre Verbundenheit zu Nachhaltigkeit und Umwelt-Engagement. Großkonzern und Klimaschutz – wie passt das zusammen?

Wilfried Köplin: Stimmt, die chemische Industrie ist energieintensiv. Aber die chemische Industrie – und vorneweg Bayer – ist auch Teil der Lösung des Klimaproblems. Die Bayer MaterialScience AG stellt hochwertige Materialien für den Klimaschutz her. Das sind Kunststoffe für den Fahrzeugbau, die anstelle von Glas und Metallen Gewicht reduzieren und damit den Treibstoffverbrauch senken und das sind innovative Dämmstoffe für den Wärmeschutz von Gebäuden und Kühlgeräten. Über den Lebenszyklus dieser Produkte werden vier Mal soviel Treibhausgase vermieden als die Produktion dieser Produkte verursacht hat. Außerdem arbeiten wir mit Erfolg kontinuierlich daran, die Energieeffizienz unserer Produktionen zu verbessern.

business-on.de: Wie genau wird Nachhaltigkeit in der Bayer AG realisiert? Und positioniert sich der deutsche Standort in diesem Belang eher als Vorreiter, im Mittelfeld oder als Schlusslicht?

Wilfried Köplin: Nachhaltig erfolgreich wirtschaften im Einklang mit ökologischen und sozialen Bedürfnissen und Zielen ist das übergreifende Ziel unseres Nachhaltigkeitskonzepts. Seine Umsetzung wird vom „Community Board Sustainable Development“ gesteuert, das von dem für Innovation, Technologie und Umwelt verantwortlichen Vorstandsmitglied der Bayer AG geleitet wird und in dem alle Bayer-Teilkonzerne vertreten sind.

Dieses Top-Management-Gremium definiert Ziele, beschließt Konzernrichtlinien und überwacht die Umsetzung der Maßnahmen. Unterstützt und beraten wird das Board durch den „Community Council Sustainable Development". Die Ziele und Ansprüche unseres Nachhaltigkeitesmanagements gelten bei uns weltweit.

 "Das Klimaproblem ist eine globale Herausforderung"

business-on.de: Was können wir uns von anderen Ländern (dennoch) abschauen? Bzw. welche unterstützenden Maßnahmen würden Sie sich von Seiten der Politiker wünschen?

Wilfried Köplin: Das Klimaproblem ist eine globale Herausforderung und kann deshalb auch nur nachhaltig mit global wirkenden Ansätzen gelöst werden. Wenn wir nur in Europa die Produktion von Waren über umweltpolitische Instrumente immer teuerer machen und damit der Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit nehmen, wäre eine Abwanderung dieser Industrie zwangsläufig die Folge. Doch das würde das Klimaproblem nicht lösen, denn die Produkte würden dann eben woanders produziert werden. Außerdem sollten wir die Hebel dort ansetzen, wo mit dem geringsten Mitteleinsatz die meisten Treibhausgase vermieden werden. Diese naheliegenden Erkenntnisse beachtet die Politik zu wenig. Statt den Wärmeschutz von Altbauten zu fördern, fördern wir im relativ sonnenarmen Deutschland den Einbau von Solarzellen zur Stromerzeugung, die mit Abstand teuerste Technologie zur Vermeidung des Treibhausgases Kohlendioxid.   

business-on.de: Sehen Sie zwischen den Themen, Umwelt, Energie und Wirtschaftlichkeit einen Zusammenhang oder gar ein Abhängigkeitsverhältnis?

Wilfried Köplin: Unsere technische und wirtschaftliche Kompetenz ist für uns mit der Verantwortung verbunden, zum Nutzen der Menschen zu arbeiten, uns sozial zu engagieren und einen nachhaltigen Beitrag für eine dauerhafte
und umweltgerechte Entwicklung zu leisten. Denn Ökonomie,
Ökologie und soziales Engagement sind für uns gleichrangige Ziele innerhalb unserer Unternehmenspolitik. Die Dinge greifen ineinander - und wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz.

business-on.de: Was schätzen Sie am Standort Leverkusen und wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten?

Wilfried Köplin: Der Chempark in Leverkusen ist ein moderner Standort, der längst nicht nur Heimat für verschiedene Unternehmen der chemischen Industrie ist. Sowohl hinsichtlich der technischen als auch der infrastrukturellen und logistischen Voraussetzungen bietet er ganz unterschiedlichen Firmen – vom Transportunternehmen über Vertriebsfirmen bis hin zum Hersteller von Dentalprodukten - beste Möglichkeiten. Da die stetige Weiterentwicklung der Infrastruktur sozusagen zum „Kerngeschäft“ des Chempark-Betreibers CURRENTA – einer Tochter von Bayer und Lanxess – gehört, ist die stetige Verbesserung sozusagen Tagesgeschäft.  

business-on.de: Erlauben Sie uns zum Schluss noch einen kleinen Ausblick: Was soll demnächst realisiert / umgesetzt werden?

Wilfried Köplin: Es gibt am Standort Leverkusen eine Reihe von größeren und kleineren Investitionsprojekten, die gerade in der Realisationsphase sind. Ich persönlich freue mich besonders auf die weltweite größte Anlage für sogenannte Kohlenstoff-Nanoröhrchen, die noch in diesem Jahr fertig gestellt wird.  
Schon heute werden durch den Einsatz von Baytubes – dem Markennamen für Kohlenstoff-Nanoröhrchen von Bayer – extrem stabile und belastbare Werkstoffe mit deutlich reduziertem Gewicht hergestellt. Damit werden beispielsweise Rotorblätter von Windkraftanlagen energieeffizienter, Transportbehälter leichter oder Sportgeräte stabiler.

(Redaktion)


 


 

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