Sie sind hier: Startseite Köln-Bonn Aktuell News
Weitere Artikel
DuMont

Der zähe Streit um mehr Geld im Zeitungswesen

Im Rahmen des groß angelegten Streiks bei Tageszeitungen im Rheinland fand heute eine Kundgebung vor dem DuMont Haus in Köln statt. Nach bereits neun gescheiterten Verhandlungsrunden kamen heute ungefähr 150 Gewerkschafter aus dem Verlagswesen zusammen und protestieren. Sie forderten für den Mehraufwand, den sie nach vielen Entlassungen und Redaktionsschließungen leisten müssen, auch gerecht bezahlt zu werden. Zuletzt gab es erste Zugeständnisse für eine leichte Tariferhöhung. Die Gewerkschaften fordern 5,5% (Ver.di) und 6,0%(DJV) mehr Geld.

Kein Ort des Zufalls

Der Ort für die Kundgebung war kein Zufall. Das DuMont Haus beherbergt die Kölner Tageszeitungen. Dazu muss man wissen: Helmut Heinen, Herausgeber der Kölnischen Rundschau ist gleichzeitig Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Damit ist er derjenige, mit dem der Deutsche Journalistenverband (DJV) verhandeln muss. Alfred Neven DuMont, Ehrenpräsident des Bundesverbands der Deutschen Zeitungsverleger und Namensgeber des Schauplatzes der Kundgebung, ist gleichzeitig mit dem Kölner Stadtanzeiger verbunden. Daher ist es für die Streikenden ein logischer Schritt gewesen, direkt vor den Ort zu ziehen, wo beide ihre Arbeit ausführen.

Vorwürfe gegen Zeitungsverleger

Dort zogen immer wieder dunkle Wolken auf, die sinnbildlich für die prekäre Lage beider Streitparteien waren. Heftige Windböen peitschten gegen die Streikenden und das DuMont Haus. Während die Fahnenmasten des Hauses wankten, blieben die 150 Gewerkschafter gebannt stehen und pfiffen regelmäßig durch ihre Trillerpfeifen. Auch vorbeifahrende Autos hupten regelmäßig mit. Die Redner erhoben schwere Vorwürfe gegen die Verhandlungsführer der Deutschen Zeitungsverleger. Denn selbst nach mittlerweile nun neun Verhandlungsrunden und mehreren Warnstreiks auf regionaler Ebene, wurde bislang keine Einigung erzielt und sich nur bedingt angenähert.

Eine Abwehrschlacht um 5,5% und 6,0%

Es ist eine Abwehrschlacht, in der sich die Gewerkschafter befinden. Die Forderung nach 5,5% bzw. 6,0% wirkt auf den ersten Blick hoch, doch sehen sich die Redakteure und weiteren Mitarbeiter im Zeitungswesen in der Position, dass sie eine weitere Senkung des Einkommensniveaus verhindern und eine Schlechterstellung für die Nachwuchs-Journalisten verhindern möchten. Genau dieses Einkommensniveau ist in den letzten Jahren stark gesunken. Dieses Niveau soll sich nicht mehr länger zum Negativen hin entwickeln. Denn gerade Jungredakteure können trotz Studiums zu Beginn ihrer Karriere kaum von ihrem Beruf leben.

Flucht aus Tarifverträgen

Die Streikenden und ihre Anführer beklagten, dass immer mehr Zeitungen Lokalredaktionen schließen und Flucht vor den Tarifverträgen begehen. Auch die Kölnische Rundschau und der Kölner Stadtanzeiger, die im DuMont Haus sitzen, hatten zuletzt angekündigt vier Lokalredaktionen zu schließen und in einer neuen Gesellschaft zusammen zu legen. Die Zeitungen reagieren mit diesen Maßnahmen auf die sinkenden Auflagen und die daraus resultierenden Verluste. Auch die Rheinische Post plant solche Schritte. Durch die Flucht aus Tarifverträgen können die Zeitungen die Löhne frei festsetzen. Dies geschieht häufig zu Lasten der Arbeitnehmer. Viele, die nach Schließungen von Redaktionen ihren Job behalten durften und in eine neue Gesellschaft eingegliedert wurden, verdienen für oft mehr Arbeitsaufwand weniger Geld.

„Das hat mit Anstand nichts mehr zu tun“

Zur Flucht aus den Tarifverträgen äußerte sich auch einer der Redner, Frank Überall, der Mitglied im Bundesvorstands des Deutschen Journalisten Verbands ist. „Ehrlich gesagt kann ich es immer noch nicht fassen, dass Kölns Verleger auf der Flucht sind. Auf Tarifflucht. Und das mitten in
Tarifverhandlungen. Das ist so, als ob man eine Sicherheitsfirma zu sich nach Hause bestellt, um gemeinsam dafür zu sorgen, die Wohnung einbruchsicher auszustatten. Und während man da so zusammen sitzt, räumen Verantwortliche dieser Sicherheitsfirma mal eben die Wertsachen aus dem Wohnzimmer. Wie soll man da anders reagieren als mit Entsetzen? Das hat mit Anstand nichts mehr zu tun!“, sagte er in seiner Rede.

Schwierige Lage für Zeitungen

Für die Zeitungen hingegen waren die letzten Jahre schwierig. Die Auflagen gingen zurück, einige Zeitungen wie die Financial Times Deutschland oder die Frankfurter Rundschau, die ebenfalls zur DuMont Gruppe gehört, meldenten Insolvenz an oder wurden sogar eingestellt. Durch die Insolvenz der Frankfurter Rundschau fuhr die DuMont Gruppe im Jahr 2012 einen Verlust von über 110 Millionen Euro ein. Im Jahr 2013 sei die Zeitungsgruppe aber wieder nach internen Berichten in die Gewinnzone gelangt.

Zuletzt hatte bei den Verhandlungen der Bundesverband der Zeitungsverleger den Streikenden eine minimale Erhöhung ihrer Bezüge angeboten. Doch die Journalisten fordern mehr für ihre Arbeit. „Journalistinnen und Journalisten sind die Seele einer Tageszeitung. Und nicht irgendein Beiwerk, das man nach Lust und Laune beschneiden kann! Gute Arbeit kostet gutes Geld!“, sagte Überall in seiner Rede. Und zählte vorangegangene Verhandlungserfolge früherer Verhandlungsrunden auf.

Kaum Annäherung

Mit viel Beifall für die Redner, lautstarken Buhrufen für das anliegende DuMont Haus und Pfeifkonzerten, begleiteten die Streikenden die Kundgebung. Ihnen sah man an, dass sie sich ungerecht behandelt fühlen und sehen teilweise ihre Existenzgrundlage in Gefahr. Beispiel dafür sind auch die vorherigen Tarifverhandlungen. Dort boten die Zeitungsverleger zunächst nur zwei „Nullrunden“ an, gefolgt von einer kleinen Gehaltssteigerung von 1,5%. Intensive Verhandlungen hatten bereits damals für die Angestellten im Zeitungswesen bessere Konditionen erwirkt.

Bald wieder bessere Zeiten für die Zeitungsbranche

Doch ist es für die Zeitungsgruppen momentan schwer, qualitativ hochwertige Inhalte auch gut zu bezahlen. Die Einnahmen durch E-Paper und Onlineartikel wachsen nur langsam an. Die letzten Jahre waren für viele Verlage verlustreich und existenzbedrohend. So wurden viele Arbeitsplätze abgebaut und teilweise ganze „Redaktion rausgeschmissen“, wie es einer der Redner ausdrückte. Dennoch sieht sich die Zeitungsbranche tendenziell wieder auf einem guten Weg, wie die „Stuttgarter Zeitung“ am Samstag berichtete. Insbesondere die großen Reichweiten wurden dabei hervorgehoben. „Die Tageszeitungen haben so viel Reichweite wie noch nie“, sagte Valdo Lehari, Vorsitzender des Verbands Südwestdeutscher Zeitungsverleger (VSZV), der Zeitung.

Existenzangst bei Zustellern

Ein weiterer Streitpunkt ist die vorgesehene Ausnahme vom flächendeckenden Mindestlohn für die Zeitungszusteller. Sie beklagten, sie würden im Vergleich zu vielen anderen Branchen nicht gleich behandelt und hätten durch ihre nächtlichen Arbeitszeiten und die dabei teilweise schlechten Wetterverhältnisse bei der Arbeit bereits genug Sorgen. Auch sie plagen Existenzängste. Somit war nicht nur der DJV, sondern auch Ver.di bei dem Streik anwesend.

Das vorliegende Angebot der Zeitungsverleger wurde von den Rednern als nicht akzeptabel dargestellt. Die Inflation und Abzüge, beispielsweise beim Urlaubsgeld würden die geringe Gehaltserhöhung, die angeboten wird, in kurzer Zeit „auffressen“. Je nach Region, würden die Arbeitnehmer sogar umgehend keine reale Lohnerhöhung erfahren.

Auf in die 10. Verhandlungsrunde

Noch in dieser Woche soll die nächste Verhandlungsrunde zwischen den Gewerkschaften und den Verlegern stattfinden. Eine Einigung gilt aber als unwahrscheinlich, da beide Angebote noch zu weit auseinander liegen. Die Streikenden des Zeitungswesens und der Zusteller bekamen auch durch Andreas Kossiski, Abgeordneter der SPD im NRW-Landtag und Vorsitzender der DGB für das Rheinland Unterstützung. Er kritisierte sogar seine eigene Partei und forderte für die Zeitungszusteller ebenfalls den Mindestlohn von 8,50€. „Wir brauchen den Mindestlohn auch für Zusteller, ohne Ausnahme!“, sagt er. Weitere Unterstützung gab es auch von Christian Büttner, Landesmediensekretär von NRW. Er bestärkte dabei die Streikenden. „Ohne diesen Warnstreik und die vorherigen hätte es schon letztes Mal keine Verbesserungen gegeben.“, sagte er.

Nun bleibt abzuwarten, wie sich die beiden Verhandlungsparteien im Tarifstreit annähern. Die Journalisten werden wohl auch weiterhin für eine bessere Bezahlung kämpfen, auch weil sie ihre Position in der Gewaltenteilung im Staats gestärkt sehen möchten. Die Politik ist bislang nicht wirklich daran interessiert gewesen. Aber auch die Zusteller werden um die Einführung des Mindestlohns auch für ihre Branche kämpfen.

(Redaktion)


 


 

Zeitungen
Streikenden
Verhandlungserfolge
DuMont Haus
Gewerkschaften
Journalisten
Redner
Kundgebung
Flucht
Bundesverband
Zeitungsverleger
Verlage
Lokalredaktionen
Geld
Tarifverträgen
Zusteller
Tageszeitungen

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Zeitungen" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: