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Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

Zweifel am gewollten Rollenwandel

Die Kölner Uni investiert in Kindergartenplätze und Krabbelgruppen, damit Familie mit Kind und Promotion bzw. Habilitation unter einen Hut gebracht werden kann. Ein Fortschritt, so Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt. Ob der soziale Wandel allerdings von allen gewollt ist, das bezweifelt er. Die Diskussion sei immer noch von ambivalenten Widersprüchen getragen.

"Tief im Westen...du Blume im Revier" mit dieser Hommage machte schon Herbert Grönemeyer seine Stadt über das Ruhrgebiet hinaus bekannt. Ebenso bekannt und anerkannt unter Studierenden und Wissenschaftlern ist die "Erste im Revier", die Ruhr-Universität Bochum (RUB). Professor Dr. Frank Schulz-Nieswandt, 51, gebürtiger Bochumer, hat an der RUB nicht nur Sozialwissenschaften studiert und sein Diplom gemacht, sondern auch promoviert und sich habilitiert. Sein Habilitationsthema lautete ´Bedarfsorientierte Gesundheitspolitik´. "Dabei ging es um die Frage, inwieweit das Gesundheitswesen über Märkte organisiert werden kann oder ob es, vereinfacht gesagt, stärker öffentlich gesteuert werden muss, um für alle Schichten bedarfsgerechte Gesundheits-Dienstleistungen zu gewährleisten", erklärt der Sozialwissenschaftler. Nach Stationen in Köln, Konstanz, Regensburg, Göttingen, Kassel, Bielefeld und Bochum wird er 1998 an das Seminar für Sozialpolitik der Kölner Universität berufen. Seit 2007 steht Schulz-Nieswandt der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (WiSo) als Dekan vor. Bevor er nach Köln kam, war er Direktor am Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), ein Forschungsinstitut des Bundesfamilienministeriums.

Unser Kontakt zu Professor Schulz-Nieswandt kam über die Dekanin der Philosophischen Fakultät, Professor Dr. Christiane Bongartz, zustande. Gesucht wurde ein Teilnehmer für die Podiumsdiskussion im Wirtschaftsclub Köln zum Thema "Wie viel Testosteron braucht Frau zur Macht?". Die Kollegin leitete die Anfrage an den WiSo-Dekan weiter. Er war zwar terminlich verhindert, aber interessiert hätte es ihn schon, denn auf seiner Agenda steht auch Gender-Forschung. "Wir beschäftigen uns mit Geschlechterverhältnissen innerhalb sozialer Dienstleistungsorganisationen. In diesem Bereich gibt es sehr viele frauenspezifische Berufsfelder", so der Professor. Ein Thema seien beispielsweise Hierarchien zwischen Berufsständen im Krankenhaus. "Diese Berufsstände sind geschlechterspezifisch. Medizinerinnen agieren beispielsweise von der Handlungslogik in einem sehr maskulinem, technisch zentriertem Bereich.

Dagegen haben Pflegeberufe alle Eigenschaften, die Frauen in der Brutpflege lernen. So die Ideologie oder sachlicher ausgedrückt: Die kulturelle Konstruktion. In dieser dualen Geschlechtermerkmalsordnung, wie es die Historikerin Karin Hausen nannte, gibt es typisch männliche und typisch weibliche Charaktereigenschaften und danach wird auch die Welt oder der öffentliche und private Raum geordnet", erläutert Schulz-Nieswandt. Seine Lehre am Seminar für Sozialpolitik ist interdisziplinär ausgerichtet. Das heißt, dass soziologische aber auch ökonomische, psychologische und ethische Erkenntnisse mit einfließen. Diese multidisziplinäre Betrachtungsweise basiert auf der Kölner Schule der Sozialpolitik unter Gerhard Weisser, einem bedeutenden Begründer der deutschen Sozialpolitikwissenschaften nach 1945.

business-on.de: Herr Schulz-Nieswandt, schon zu meiner Studienzeit, Ende der Siebziger, war die Hälfte der Kölner BWL-Studenten weiblich. Hat sich an diesem Verhältnis etwas geändert?

Frank Schulz-Nieswandt: Nein. Der Anteil der Studentinnen liegt im Gesamtdurchschnitt leicht über 50 Prozent. Es gibt natürlich Fakultätsunterschiede. Fächer wie Physik und Mathematik sind sehr geschlechtsspezifisch besetzt.

business-on.de: Und wie sieht der Anteil der Frauen in Hochschullaufbahnen aus?

Frank Schulz-Nieswandt: Assistentenstellen haben wir inzwischen zu 30 bis 40 Prozent mit Frauen besetzt. Das ist ein großer Fortschritt. Der Bruch kommt bei den Professuren. Ein Grund ist, dass die Laufbahn in Richtung Professur eine sehr unsichere ist. Hinzu kommen Vereinbarkeitsfragen, weil die Habilitation normalerweise in eine Zeit fällt, in der sich die Frauen in Bezug auf die Work-Life-Balance entscheiden müssen. In meiner Fakultät sind nur neun Prozent der Professuren weiblich. Im humanwissenschaftlichen Bereich, in den ein Teil der ehemaligen erziehungswissenschaftlichen und heilpädagogischen Fakultät integriert wurde, gibt es dagegen einen von mir geschätzten Frauenanteil von 70 bis 80 Prozent. Tatsache ist, dass Frauen in Hochschullaufbahnen überwiegend in frauenspezifischen Fächern zu finden sind.

business-on.de: Und warum gibt es so wenige Professorinnen beispielsweise an der WiSo-Fakultät?

Konkurrenzorientiertes Wissenschaftssystem

Frank Schulz-Nieswandt: Wir haben an unserer Fakultät das Problem, dass es zu wenige weibliche Bewerberinnen für Professuren gibt. Sie ziehen es eher vor, nach erfolgreicher Promotion in die Praxis zu gehen als sich auf eine unsichere Laufbahn einzulassen. Hinzu kommt, dass unser Wissenschaftssystem sehr agonal, d.h. konkurrenzorientiert ist. Darauf wollen sich Frauen, das ist eine Hypothese von mir, nicht einlassen.

business-on.de: Es heißt, dass Frauen bessere Abschlüsse machen. Können Sie dem zustimmen?

Frank Schulz-Nieswandt: Ja. Seit Jahren ist der Anteil der Frauen bei den besten Diplom-Abschlüssen überproportional hoch. 30 bis 40 Prozent fängt danach an zu promovieren. Ich denke, da haben wir einiges geschafft. Wie gesagt, danach kommt der große Bruch.

business-on.de: Sind Kinder letztlich Schuld am Laufbahn-Knick?

Frank Schulz-Nieswandt: Bekannt ist, dass der Anteil der dauerhaft kinderlosen Frauen bei Akademikerinnen am höchsten ist. Wenn sie als promovierte Physikerin zwei Jahre ausfallen, sind sie weg vom Fenster. Auch die zeitliche Arbeitsbelastung, unter einer 60-Stunden-Woche läuft an meiner Fakultät nichts, trägt nicht zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei. So langsam erkennt man das. Die Kölner Uni unternimmt inzwischen viel in Sachen familienfreundlicher Nachwuchsförderung. Wir investieren beispielsweise in Kindergartenplätze und Krabbelgruppen. Eigentlich kommt das viel zu spät.

business-on.de: Und was ist mit Elternzeit in Verbindung mit Teilzeitbeschäftigung?


 


 

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