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Prof. Dr. Frank Schulz-Nieswandt

Zweifel am gewollten Rollenwandel

Zu wenig Ganztags-Betreuungseinrichtungen

Frank Schulz-Nieswandt: Das ist ein Fortschritt in der Familienpolitik. Früher gab es die Betreuungspauschale, die wir Herd-Prämie nannten. Sie schaffte keinen Anreiz für Frauen, wieder arbeiten zu gehen. In Ländern wie Skandinavien oder auch Frankreich sind mehr Frauen berufstätig als in Deutschland und trotzdem werden mehr Kinder geboren als bei uns. Ausschlaggebend dafür sind flächendeckende Ganztagsbetreuungs-Einrichtungen. Für Frauen in Deutschland, die Familie und Beruf vereinbaren wollen, gibt es diese Strukturen immer noch nicht.

business-on.de: Und wer soll aus Ihrer Sicht die Strukturen schaffen?

Frank Schulz-Nieswandt: Das ist nicht nur eine Staatsaufgabe sondern auch eine Arbeitgeberaufgabe. Wir als Universität sind gefordert und müssen etwas tun. Insofern sind wir mittlerweile im Kopf weiter. Aber wir brauchen noch einige Jahre. Auch weil nicht genügend Geld da ist, um die Strukturen aufzubauen.

business-on.de: Sehen das Ihre männlichen Kollegen genau so?

Frank Schulz-Nieswandt: In meiner Fakultät, und das kann ich mit gutem Gewissen sagen, gibt es keine Männer mehr, die sagen, Frauen wollen wir nicht. Nicht alle halten etwas von Gender-Mainstreaming als bürokratische Regulierung. Aber wenn wir gute Bewerberinnen haben, dann unterstützen sie die Berufung.

business-on.de: Das sieht offensichtlich in der Wirtschaft noch anders aus.

Tief sitzende Strickmuster bei Männern

Frank Schulz-Nieswandt: Ich schließe nicht aus, dass in vielen Wirtschaftskreisen die Strukturen immer noch sehr patriarchalisch und geschlechterdiskriminierend kodiert sind. Psychoanalytisch betrachtet gibt es bei uns Männern ganz tief sitzende Strickmuster. Dazu kommen Kastrations-Ängste, narzisstische Kränkungen und viele andere Faktoren.

business-on.de: Eine Studie des Soziologen Carsten Wippermann bestätigt ihre Vermutung. Bleibt es also bei der Geschlechterdiskriminierung?

Frank Schulz-Nieswandt: Man muss zwischen Oberflächenstruktur und Tiefengrammatik unterscheiden. An der Oberfläche hat sich viel geändert, aber im psychischen Apparat bzw. im Habitus stecken noch ganz alte Muster drin. Andererseits sind die Karriereleitbilder in der Wirtschaft auch männerfeindlich. Stellen Sie sich vor, ein Mann sagt in einer Spitzenposition, er möchte für drei Jahre auf eine halbe Stelle. Dann ist die Karriere beendet. Das heißt, man zwingt sie, das Spiel mitzumachen. Im öffentlichen Dienst hat man wahrscheinlich mehr Freiräume. Bei Frauen, das zeigen Studien, steckt noch dieses Rabenmutter-Gefühl und das schlechte Gewissen tief drin. Insofern ist die Frage der Diskriminierung viel schwieriger zu beantworten. Wir befinden uns in einem sozialen Wandel, der von ambivalenten Widersprüchen getragen wird. Ich glaube, wir sind kulturell noch nicht so weit, um das Thema wirklich freiheitlich und demokratisch zu bewältigen.

business-on.de: Nach außen entsteht der Eindruck, dass dieser soziale Wandel von Frauen gewollt ist. Speziell in den Medien nimmt Frau als Führungskraft einen breiten Raum ein. Täuscht dieser Eindruck?

Frank Schulz-Nieswandt: Die Frage ist, ob dieser Wandel ehrlich gemeint ist oder ob uns der demografische Wandel dazu zwingt. Unsere Gesellschaft altert nicht nur sondern schrumpft gleichzeitig. Und damit entsteht die Gefahr, dass wir in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr ausreichend Arbeitskräfte haben. Deswegen werden jetzt alle entdeckt, die man bisher ausgegrenzt hat: ältere Arbeitnehmer, Behinderte und Frauen. Im europäischen Vergleich nehmen wir den unteren Bereich der Ausschöpfung des weiblichen Erwerbspersonen-Potentials ein, bei den über 55-Jährigen arbeiten nur noch 35 Prozent. Das können wir uns dauerhaft nicht mehr leisten. Ich habe das Gefühl, man entdeckt jetzt aus strategischen Gründen die Frauen. Ob wir das tatsächlich wollen, das ist eine andere Frage.

business-on.de: In der ehemaligen DDR gingen fast alle Frauen arbeiten, für die Ganztages-Betreuung der Kinder war gesorgt. Ist die Diskussion ein typisches Phänomen der alten Bundesländer?

Frank Schulz-Nieswandt: Schöne Arbeitswelten waren das trotzdem nicht. Es gibt Studien, die besagen, dass trotz Gleichberechtigung der Patriarchismus in den staatssozialistischen Ländern genau so ausgeprägt war wie in unserer demokratischen Welt. Die Frauen hatten die Doppellast allein zu tragen. Für uns im Westen war das ein sozialistisches System, das unseren Wertvorstellungen von Familie nicht entsprach. Bei uns gilt die Familie als heilig und die öffentliche Hand hat sich herauszuhalten. Deswegen muss man auch immer wieder betonen, dass Kitas und Krabbelplätze Angebote sind, die eine Familie in Anspruch nehmen kann aber nicht muss. Die entwicklungspsychologische Forschung zeigt, dass das Betreuungsangebot für Kinder im Vorschulalter nicht nachteilig ist. Im Gegenteil. Wir wissen heute, dass die soziale Intelligenz der Kinder steigt. Voraussetzung sind natürlich intensive Bindungen zum Kind. Entscheidend ist nicht die Quantität der Zeit, die mit dem Kind verbracht wird, sondern die Qualität.

business-on.de: Offensichtlich kommt Bewegung in die Diskussion um Krabbelplätze etc..

Frank Schulz-Nieswandt: Rita Süssmuth hat vor Jahren im Parlament darauf hingewiesen, dass in der Forschung erwiesen ist, dass Erziehung auch stärker vergesellschaftet werden kann. Da hätte man sie fast gelyncht. Heute entdeckt auch die christdemokratische Partei flächendeckende Ganztagsschulen. Wahrscheinlich, weil man Angst hat - da bin ich ein bisschen zynisch -, dass die weiblichen Wähler davonlaufen. Vieles bricht jetzt nach der deutschen Einheit auf.

(Karin Bäck)


 


 

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