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Interview mit Dr. Herbert Ferger

Kammerbezirk Köln im Aufschwung

Als Sensation bezeichnete Dr. Herbert Ferger, Hauptgeschäftsführer der IHK Köln, die Tatsache, dass die Industrie im letzten Jahr mehr Stellen aufgebaut als abgebaut hat. Der Konjunkturbericht zum Jahresbeginn 2007 verspricht einen anhaltenden Aufschwung, zumindest für das erste Halbjahr, so der IHK-Chef anläßlich einer Pressekonferenz. Die Wirtschaft in der Region sei optimistisch wie lange nicht mehr, die Investitions- und Beschäftigungspläne entwickelten sich weiter positiv.

Dr. Herbert Ferger, 1949 in Hessen geboren, ist von Haus aus Jurist. Er studierte an der Uni Köln, u.a. als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Staatsrecht. Nach Stationen beim DIHT, bei der IHK Frankfurt/Main und beim Bundesverband Spedition und Logistik wurde er 2000 als Hauptgeschäftsführer an die IHK Köln berufen.

business-on.de: Herr Dr. Ferger, der konjunkturelle Aufschwung in Deutschland hält an, die Arbeitslosenzahlen sind rückläufig, die Stimmung in der Wirtschaft ist überwiegend positiv. Auch für den IHK-Bezirk Köln konnten Sie einen „Traumstart ins neue Jahr“ konstatieren. Ein Wermutstropfen bleibt. Beim Wachstum bleibt die Region hinter dem bundesweiten Durchschnitt zurück. Hat der „rheinische Kapitalismus“ seine Blütezeit hinter sich? Oder haben wir zu wenig innovative, wachstumsorientierte Unternehmen in unserer Region?

Dr. Ferger: Das Rheinland wurde über den Regierungsumzug zur Baustelle: die wichtigsten Ministerien zogen nach Berlin und mit ihnen die wichtigsten Wirtschaftsverbände. Diese Veränderung musste erst "verdaut" werden. Auf diesem Weg ist der Wirtschaftsraum Köln-Bonn, der sich - und das ist ein wesentliches Ergebnis - langsam als gemeinsame Region begreift und entsprechende regionalpolitische Instrumente zu entwickeln beginnt. Die durch den Umzug eingetretene Wachstumsdelle wird also, da bin ich sicher, im Laufe des nächsten Jahrzehnts wieder ausgebügelt.

Verstärkte Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft

Die Voraussetzungen dafür sind gut, die Wirtschaftsregion ist gut aufgestellt: Die Exportquoten steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Wissenschaftseinrichtungen in der Region beginnen sich - auch dank des Hochschulfreiheitsgesetzes von NRW Innovationsminister Prof. Pinkwart - der Wirtschaft zu öffnen. Mit der Ende vergangenen Jahres gegründeten InnoBroker GmbH verfügt die Region nun auch über ein effektives Instrument zur Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaften, so dass der dichte Hochschulbesatz über diese Transfergesellschaft auch für innovative Entwicklungsprozesse in der Wirtschaft erschlossen werden kann.

Der seit drei Jahren bestehende Zusammenschluss der Kölner Wissenschaftseinrichtungen zur "Kölner Wissenschaftsrunde" bietet durch die Mitwirkung von Stadt und IHK Köln eine gute Grundlage für die Stärkung der Innovationskraft der Region.

Region mit zukunftsweisenden Technologien

Fazit: Die Region ist nicht abgehängt, sondern besinnt sich ihrer Stärken. Der einschneidende, speziell das rechtsrheinische Köln betreffende Strukturwandel von der Industrie hin zum Dienstleistungssektor ist zu großen Teilen bewältigt. Auf den alten Industriearealen haben sich Medien- und Biotechnologieunternehmen niedergelassen. Sie sind Vorboten einer Entwicklung, die Köln in den nächsten Jahren weiter nach vorne bringen wird: junge hochschulnahe Firmen mit hohem Technologiepotenzial, die etwa im Bereich der "life science"-Branche künftig Wachstum generieren und den Gesundheitssektor in Köln zu einer führenden Branche machen werden.

So verbinden sich die alten Stärken (hoher Industriebesatz mit besonderen Stärken und beachtlichen Zukunftspotenzialen bei Automotive und Chemie, starker Handel, wichtiger Versicherungsplatz und profilierter Standort der Medien/IT-Branche, zentrale Logistikdrehscheibe) mit neuen, zukunftsweisenden Technologien und Branchen: Biotechnologie, Wasserstofftechnologie und Medizintechnik. Diese Vielfalt der Branchen und die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft sind die Stärken des Wirtschaftsstandortes Region Köln.

business-on.de: Die Arbeitslosenquote im IHK-Bezirk ist ebenfalls höher als der Bundesdurchschnitt. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen ist in Köln mit 30 Prozent – Tendenz steigend - erschreckend hoch. Für den Arbeitsmarkt sind sie aufgrund mangelnder Qualifikation keine Alternative. Wie könnte aus Ihrer Sicht das Problem gestoppt werden?

Dr. Ferger: Die überdurchschnittliche hohe Arbeitslosigkeit besonders in der Stadt Köln hat viele Gründe. Zu nennen sind hier - neben den Folgen des Strukturwandels - auch die größere Akzeptanz, die eigenen Kinder ohne Berufsausbildung ins Leben zu entlassen. Dies hat auch kulturelle Gründe. Der erhebliche Anteil junger Menschen mit Migrationshintergrund, denen der Einstieg in die deutsche Berufs- und Lebenswelt besonders schwer fällt, verschlimmert die Lage. Hier braucht es ein Gegensteuern an vielen Stellen: so müssen die Eltern bewegt werden, mehr für die Qualifizierung ihrer Kinder zu tun. Das gilt insbesondere für Familien aus anderen Kulturkreisen, deren Kinder deshalb besonders viele kulturelle Hürden nehmen müssen, um in der deutschen Erwerbsgesellschaft erfolgreich Fuß zu fassen.


 


 

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