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In der Zeitschmelze

Unternehmen unterschätzen künftige Leistungssprünge digitaler Technologien

Karl-Heinz Land, digitaler Pionier und Gründer der Kölner Strategie- und Transformationsberatung neuland, appelliert an die produktionsverliebte deutsche Wirtschaft: Setzt stärker auf Daten, Software und Services.

Fast im Wochentakt erscheinen neue Studien zur Digitalisierung in Deutschland, und sie erzählen unisono die gleiche Geschichte: In der digitalen Welt sind das Land und seine Wirtschaft noch nicht so recht angekommen. Jüngste Beispiele: Die OECD sieht Deutschland im Nationenvergleich nur im Mittelfeld. Deutsche Bank und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) halten 60 Prozent der Familienunternehmen nicht für die digitale Zeit gerüstet. Laut einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) haben nur 42 Prozent der Mittelständler für die kommenden zwei Jahre Digitalisierungsprojekte fest eingeplant.

All diese Untersuchungen klingen wie ein fernes Echo aus dem Jahr 2013. Barack Obama, zu der Zeit US-Präsident, war zu Gast in Deutschland, auch um die Wogen um die Abhörpraxis der NSA zu glätten. In einer Pressekonferenz sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) damals den – laut „Die Zeit“ – „haarsträubenden“ Satz: „Das Internet ist für uns Neuland.“ Wirtschaftspolitiker und Digitalexperten mochten angesichts dieses Anti-Marketings für den Standort Deutschland vor Scham im Boden versinken. Für den Unternehmer und Investor Karl-Heinz Land hingegen lieferte das Zitat den letzten Anstoß, seine Strategie- und Transformationsberatung, die 2014 im Media-Park ihre Arbeit aufnahm, „neuland“ zu nennen. Als Lotsen und Navigatoren haben die neuland-Consultants seither weit mehr als 100 Unternehmen aufs digitale Terrain geführt, seit Anfang 2017 im Gesellschafterverbund mit der Unternehmensberatung Horn & Company.

Für Land war die Gründung von „neuland“ ein logischer, konsequenter Schritt. Zwar wollte er in den 1980er-Jahren ursprünglich bei der Dombauhütte in die Lehre gehen und Steinmetz werden, letztlich entschied er sich aber für eine Karriere in der noch jungen IT-Branche. So erlebte er hautnah den Siegeszug der Digitalisierung mit und bekleidete führende Managementpositionen bei Microstrategy und Oracle. Als er in San Francisco und Washington arbeitete, beobachtete er, wie die Amerikaner mit ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein eine enorme Energie freisetzten: Kaum aus der Taufe gehoben, kündigte Oracle vollmundig an, Weltmarktführer werden zu wollen – und verdoppelte fortan ein ums andere Mal die Mitarbeiterzahlen. „Das war eine prägende Erfahrung. Es war faszinierend, wie sich eine Vision in eine selbsterfüllende Prophezeiung verwandelte“, erklärt Land zurückblickend. Mit dieser Energie etablierte sich Land in den 2000er-Jahren als Serienunternehmer und gründete unter anderem Voiceobjects. Gleichzeitig begann er, die Mechanismen, die Energieströme und die Folgen der Digitalisierung zu hinterfragen, ein Prozess, der in mehrere Buchveröffentlichungen über „digitalen Darwinismus“ und „Dematerialisierung“ mündete.

Digitaler Darwinismus

Beide Themen gehören für Land zum Kanon grundlegender Phänomene der Digitalisierung, die in deutschen Führungsetagen noch nicht ausreichend durchdacht werden. In seinen Keynotes, aber auch in seinen Gesprächen auf CEO- und Geschäftsführungsebene lenkt er den Fokus auf die evolutionäre Auslese, der die Unternehmen in der Digitalisierung unterworfen seien. Sie werden immer dann Opfer des digitalen Darwinismus, wenn sie neue Technologien nicht schnell genug adaptieren oder auf verändertes Kundenverhalten zu träge reagieren. Nokia, Blackberry und der einstige Weltkonzern Kodak sind prominente Opfer.

Gleichzeitig schärft Land das Bewusstsein für den „sträflich vernachlässigten Megatrend“ der Dematerialisierung: „Jeder Nutzer eines Smartphones erlebt täglich, was sich hinter diesem Begriff verbirgt: Physische Produkte, die Lieblingskinder der deutschen Wirtschaft, verwandeln sich in Apps, in Software. Massenhaft. Die logische Konsequenz daraus ist, dass ganze Wertschöpfungsketten zerbröseln, weil Fabriken, Maschinen und Arbeitskräfte nicht mehr für die Herstellung gebraucht werden“, erklärt Land, den es deshalb nicht im Geringsten wundert, wenn Oxford-Forscher fast die Hälfte aller Jobs bedroht sehen.

Exponentielles Wachstum

„In den Märkten passiert gerade Unglaubliches. Es ist ja kein Zufall, dass zeitgleich neue Technologien wie künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge, der 3-D-Druck oder die Robotik riesige Schritte nach vorne machen. Der Grund ist die exponentielle Entwicklung der IT-Leistung. Sie verdoppelt sich seit den 1960er-Jahren alle ein bis zwei Jahre. In den nächsten Jahren werden wir immer wieder Technologiesprünge erleben, wie wir sie uns heute noch gar nicht ausmalen können“, versucht Land die Unternehmer und Führungskräfte vom linearen Denken wegzubewegen. Von Jahr zu Jahr ein paar Prozent mehr oder weniger einzuplanen, das ist für Land nicht mehr der richtige Ansatz. Exponentialität schließt immer die Möglichkeit ein, dass die Marktumgebung der Unternehmen morgen schon eine ganz andere sein kann. „Wir leben in einer Zeitschmelze. Das Entwicklungstempo nimmt rasant zu, während die Reaktionszeiten sinken.“ Mit der Blockchain etabliere sich zudem ein „Protokoll des Vertrauens“ in der digitalen Sphäre, das Transaktionen jeder Art vereinfacht, sichert und weiter beschleunigt.

Karl-Heinz Land wird deshalb nicht müde, die Unternehmen davon zu überzeugen, in neuen Kategorien zu denken. Dass er dabei einen gewissen missionarischen Eifer an den Tag legt, würde er nie abstreiten. Doch wie es sich für einen „digitalen Evangelisten“ gehört, hat er eine frohe Botschaft im Gepäck: „Es gibt Hoffnung.“ Für Land ist es wichtig, dass die Unternehmen diesen Chancenraum sehen, der sich durch die Exponentialität auftut: „Ich mache oft die Erfahrung, dass Unternehmen erst dann ernsthaft digitalisieren, wenn der Druck aus dem Markt zu groß wird. Dann kommt auch Angst ins Spiel. Sie ist ein schlechter Ratgeber. Es gilt, die Digitalisierung proaktiv anzugehen, als Entwicklungspotenzial zu begreifen. Im Leben, in der Politik und in der Wirtschaft. Wir müssen die Digitalisierung beherrschen und nicht sie uns. Aktion statt Reaktion, das ist das Gebot des Augenblicks.“

Daten sind das neue Gold

Eines der Unternehmen, die laut Land diese Dynamik beispielhaft erfasst und in ihr Geschäft übertragen haben, ist Fastems, ein finnischer Hersteller von Systemen für die Fabrikautomation. Unter dem Motto „Daten sind das neue Gold“ setzt Fastems konsequent auf datengetriebene Geschäftsmodelle. Das Unternehmen, dessen deutsche Niederlassung sich im niederrheinischen Issum befindet, überwacht bereits heute für seine Kunden die Produktion präventiv und in Echtzeit, simuliert und optimiert deren Produktionsleistung für 96 Stunden im Voraus. Fastems ist permanent dabei, die neuen Technologien, etwa künstliche Intelligenz, auf ihre Tauglichkeit fürs eigene Geschäft zu überprüfen. Entscheidend für den Erfolg, so CEO Tomas Hedenborg, sei jedoch nicht die Technologie. Es gehe vielmehr um „Kultur, Führung und Performance-Management“. Es ist dieser souveräne, durchdachte Umgang mit der Transformation, in dem nach Lands Ansicht der Erfolg von Fastems begründet liegt: „Das ist keine operative Hektik, sondern Strategie gepaart mit Kreativität. Das Unternehmen hat eine mit technischen Innovationen ausgestattete ,Doping Kitchen‘ eingerichtet, in der Fastems- Teams und Start-ups an neuen Ideen tüfteln können. An solchen Feinheiten erkennt man, ob ein Unternehmen bloß digitalisiert, weil es vom Markt gehetzt wird, oder ob es die Transformation angeht, weil es überzeugt und begeistert ist.“ Damit Unternehmen wie Fastems auf einen zukunftssicheren digitalen Kurs kommen, empfiehlt Karl-Heinz Land folgende Schritte:

1. Das Ausmaß antizipieren

  • Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert.
  • Was vernetzt werden kann, wird vernetzt.
  • Was automatisiert werden kann, wird automatisiert.

Das ist, wenn man so will, Lands Mantra. Unternehmen müssen die ökonomische Wucht dieses Dreisprungs der Digitalisierung antizipieren, denn er vollzieht sich weltweit, in allen Branchen und mit bemerkenswerter Zwangsläufigkeit. Das Auto ist dafür ein gutes Beispiel. Erst bekamen die Fahrzeuge Bordcomputer, jetzt sind sie bereits „connected cars“ und bald werden sie autonom durch die Städte oder über die Autobahnen rollen.

2. Ganzheitlich agieren

Studien zeigen immer wieder, dass viele Unternehmen versuchen, eine digitale neben einer klassischen Struktur zu etablieren. Sie übersehen, dass die Digitalisierung als Matrixfunktion alle Bereiche der Wirtschaft und des Lebens durchdringt. Das gesamte Unternehmen muss digital ausgerichtet werden. Eine neue Software hier oder ein Digitalteam dort ergeben keine solide Basis für eine digitale Transformation. Die, so Land, gelinge ohnehin nur, wenn sie von der Unternehmensspitze vorgelebt und vorangetrieben wird.

3. Den Kunden verstehen

Der Kunde ist nicht nur König; er will mittlerweile auch als solcher behandelt werden. Seine Ansprüche sind ambitioniert: Er fordert alles zu jeder Zeit, von jedem Ort, möglichst personalisiert und mit individuellem Mehrwert. Dieser „Instant Consumer“, der sich mit dem Siegeszug des Smartphones herausgebildet hat, steht am Ende jeder Wertschöpfungskette und treibt die Transformation an.

4. Software und Services planen

Nach wie vor denken einige Unternehmen viel zu stark an „Produkte“ und „Hardware“. Die Wertschöpfung von morgen funktioniert mittels Software und Services. Sie bringen künftig den Umsatz und den Deckungsbeitrag. Physische Produkte, so sie nicht ohnehin zu Apps dematerialisieren, benötigen einen digitalen Zwilling.

5. Über Industrie 4.0 hinausdenken

Nicht zielführend ist der Reflex, einfach nur das bestehende Geschäft zu digitalisieren. Wo nur die altbekannten Produktionsprozesse optimiert werden, zeigen sich die Schwächen des Konzepts „Industrie 4.0“: Im Internet der Dinge wird jeder mit jedem Geschäfte machen können, ohne Mittler und Wiederverkäufer. Eine supervernetzte Wirtschaft 4.0 entsteht. Damit müssen sich die Unternehmen auf völlig neue, radikal kundenorientierte Geschäftsbeziehungen einstellen.

6. Nutzen gegen Daten tauschen

Im Internet der Dinge, der neuen Infrastruktur des Wohlstands, geht es nur vordergründig um vernetzte Sensoren und Devices. Der wahre Schatz sind die Daten als Grundlage neuer Geschäftsmodelle. Wie auf einem Möbiusband läuft im Internet der Dinge ein endloser Tauschhandel: Daten gegen Nutzen. Dabei gilt das Motto: keine Angst vorm Datenschutz. Erstens lassen sich auch auf Basis von aggregierten, entpersonalisierten Daten neue Services aufbauen. Zweitens erhalten vertrauenswürdige Unternehmen von ihren Kunden durchaus persönliche Daten.

7. Vergessen Sie die IT

Digitale Transformation braucht Infrastruktur. Und zwar eine Plattformlösung, die ins Unternehmen eingezogen ist wie ein Rückgrat, an das alle Programme angebunden sind. Doch schon in Kürze wird IT zu einer Commodity werden. Unternehmen, die in der digitalen Transformation bereits erfolgreich sind, nennen nur in den seltensten Fällen Technologie als entscheidenden Faktor. Vielmehr erzählen sie vom kulturellen Wandel, um den Menschen die Angst vor der Veränderung zu nehmen. Sie berichten davon, wie sie ihre Prozesse neu gedacht statt nur digitalisiert haben.

8. Tempo machen

Hast ist kein Rezept für die digitale Transformation, aber Tempo ist durchaus notwendig. Nahm man sich früher mehrere Quartale Zeit, um strategische Entscheidungen zu treffen, bleiben heute oft nur wenige Wochen. Die Erfahrung mit dem „neuland business accelerator“ zeigt: Zwölf intensive und produktive Wochen reichen mitunter aus, um ein Unternehmen digital auf Kurs zu bringen. „Es gibt keine Ausreden mehr“, redet Land Zögerern und Zauderern ins Gewissen. „Der richtige Zeitpunkt zur Digitalisierung ist immer jetzt.“

Eines der Lieblingszitate Karl-Heinz Lands stammt von dem französischen Künstler und Querdenker Francis Picabia. Es heißt: „Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Land will es aber nicht nur auf die Wirtschaft bezogen wissen, sondern auch auf die Gesellschaft, die Politik. Ihn interessiert brennend, was aus den Menschen in der digitalen Transformation wird. Als Mitarbeiter, aber auch als Bürger. Auch deshalb hat er 2016 die Initiative Deutschland Digital (IDD) ins Leben gerufen, als Plattform des Austauschs zwischen digitalen Pionieren und Mittelstand, zunehmend aber auch als Thinktank für die Zukunft der Gesellschaft. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Kölner Galeristin Priska Pasquer, hat er zudem den C_Room_1 gegründet, ein Ort für interdisziplinäre Grenzgänge zwischen Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft. Im Sommer 2017 war beispielsweise Professor Götz W. Werner, dm-Gründer und entschiedener Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens, zu Gast. Für Land sind solche Zukunftsdebatten essenziell: „Wir dürfen uns nicht von der Digitalisierung treiben lassen. Vielmehr müssen wir für uns grundsätzlich die Frage klären, wie wir künftig in einer durchdigitalisierten und vernetzten Welt zusammenleben wollen.“

Karl-Heinz Land ist Internetökonom und Vordenker der digitalen Transformation. Er gründete 2014 die Strategie- und Transformationsberatung neuland sowie 2016 die Initiative Deutschland Digital (IDD). Im Senat der Wirtschaft leitet Land die Kommission für digitale Zukunft. In seiner Karriere bekleidete Land internationale Managementpositionen bei den US-Unternehmen Oracle und Microstrategy. In den 2000er-Jahren rief er Voiceobjects, ein führendes Unternehmen für Sprachsteuerung, ins Leben. Seither engagiert er sich als Investor und Aufsichtsrat in diversen Start-ups, etwa bei dem Kölner IoT-Unternehmen grandcentrix. Bereits 2006 haben das „Time Magazine“ und das World Economic Forum (WEF) Land mit dem „Technology Pioneer Award“ ausgezeichnet. Als digitaler Pionier ist Karl-Heinz Land ein gefragter Keynote-Speaker auf Kongressen, Foren und Inhouse-Veranstaltungen. Jahr für Jahr inspiriert er mit seinen ebenso verständlichen wie lebendig- provokanten Vorträgen die digitale Agenda Tausender Führungskräfte in Deutschland und hat sich den Ruf eines „Digital Evangelist“ erarbeitet. Sein Credo: Schlüsseltechnologien wie die Blockchain, das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, Robotik oder 3-D-Druck beinhalten immense Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft, sofern sie die Digitalisierung rasch und konsequent gestalten. Für Land geht es um nichts Geringeres als die „Neuverteilung der Welt“ in Zeiten der Dematerialisierung und des digitalen Darwinismus. Gemeinsam mit Professor Dr. Ralf T. Kreuzer hat er zu diesem Themenkreis bereits drei Standardwerke verfasst:
• „Digitaler Darwinismus – der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke“ (2013)
• „Dematerialisierung – die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ (2015)
• „Digitale Markenführung – Digital Branding im Zeitalter des digitalen Darwinismus“ (2017)

Aktuell arbeitet Karl-Heinz Land an mehreren Projekten zur Zukunft der Arbeit und zu den Folgen der Digitalisierung für Wirtschaft und Gesellschaft.

Das Interview erschien in der Ausgabe 06.17 von DIE WIRTSCHAFT.

(Redaktion)


 


 

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