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Kolumne: Kann passieren

Die Wanderung

Die Erzählung „Die Wanderung“ unseres Autors Andreas Ballnus basiert auf einer wahren Begebenheit. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass auch kleine Erlebnisse Stoff für eine Geschichte liefern können. Es reicht schon aus, wenn eine Unternehmung nur ein wenig anders verläuft, als wie es erwartet wurde.

Christine rief an. Wir hatten uns lange nicht mehr gesprochen und daher freute ich mich über ihren Anruf. Gleichzeitig stieg aber auch der Hauch eines schlechten Gewissens in mir auf, schließlich hätte ich mich schon längst mal wieder bei ihr melden sollen.

„Hi, ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, zusammen mit Frank und mir an einer geführten Wanderung teilzunehmen.“
Wanderung – dies war nun ein Wort, das meine Freude über Christines Anruf sofort wieder deutlich trübte. Für Spaziergänge war ich durchaus zu haben. Aber Wanderungen? Den ganzen Tag über Laufen, von ein paar Pausen mal abgesehen? Und dabei möglicherweise auch noch die Tagesverpflegung mitschleppen? Nein, das war dann eher nicht so mein Fall.

„Wie lang ist denn die Tour?“, fragte ich daher vorsichtig, auch um Zeit für die Formulierung einer diplomatischen Absage zu gewinnen.
„Etwa eineinhalb Stunden“, antwortete Christine.
Diese Aussage ließ die Eintrübung meiner Freude sofort verschwinden. Eineinhalb Stunden – das war nichts, das war ein etwas ausgedehnter Spaziergang. Solch eine Wanderung war machbar, auch für mich.

An einem Samstag war es dann so weit. Wir hatten uns bei Christine und Frank getroffen, um gemeinsam zum Ausgangspunkt der Wanderung zu fahren. Diese fand gut 90 Autominuten von Hamburg entfernt statt. Zu der reinen Fahrzeit kam noch ein kurzes Picknick – die beiden zelebrierten gerne ihre Ausflüge, und da durfte eine kleine Stärkungspause mit etwas Rohkost, Brot, hartgekochten Eiern und Tee natürlich nicht fehlen.

Pünktlich auf die letzte Minute erreichten wir dann den Treffpunkt. Der Rest der Gruppe war schon da. Auch, wenn es sich eher um einen Spaziergang als um eine Wanderung handelte, hatte ich mich in wandergerechtes Outfit geworfen: Wanderhose, Wanderschuhe, kleiner Rucksack, ein bisschen Proviant, Wasserflasche, Pullover und Regenzeug. Natürlich hatte ich auch meine Spiegelreflexkamera eingepackt. So ausstaffiert gehörte ich eher zur Minderheit unter den Teilnehmern. Die meisten anderen hatten normale Alltagsklamotten und Straßenschuhe an.

Frau Bender, die Leiterin der Wanderung, hielt eine kurze Ansprache. So erzählte sie, dass sie unter anderem auch Pädagogin und engagierte Walking-Trainerin sei. Außerdem teilte sie uns mit, dass die Tour vermutlich doch eher zwei Stunden dauern würde, weil sie uns unterwegs einiges zu erzählen habe.

„Engagierte Walking-Trainerin“ – bei diesem Stichwort verabschiedete ich mich von der „Wanderung auf Spaziergangniveau“. Das hörte sich auf jeden Fall nach deutlich mehr Anstrengung an, als ich erwartet hatte. Als sie uns dann auch noch ihren Mann vorstellte und mitteilte, dass dieser am Ende der Gruppe gehen würde, um die Nachzügler einzusammeln, schwante mir endgültig Böses.

Dann gingen wir auch schon los. Und wie es los ging … Frau Bender legte ein Tempo vor, das ihren Mann und mich schon nach wenigen Metern zusammenführte. Und recht bald begannen wir beide, ausführlich über das Fotografieren zu fachsimpeln – was uns nicht unbedingt schneller machte, sondern vielmehr den Abstand zum Rest der Gruppe weiter vergrößerte.

Einige Marschminuten später erreichten wir die erste angekündigte Steigung. Diese hatte es in sich – zumindest für einen leicht übergewichtigen, asthmatischen Couchpotato wie mich. Aufgrund des Schnaufens einiger anderer Teilnehmer, die sich von Herrn Bender und mir hatten einholen lassen, fühlte ich mich aber nicht mehr ganz so alleine. Mit aller Kraft gelang es uns allen, diesen Berg zu bezwingen – ein Berg, der für jeden Süddeutschen gerade mal das Ausmaß einer etwas verlängerten Kellertreppe hatte.

Nach etwa zwei Drittel der Strecke wünschte ich mir das Ende der Tour oder eine längere Pause herbei. Kurze Zeit später fragte ich dann Frau Bender, wie viele Kilometer diese Tour umfassen würde.
„Etwa sechs Kilometer“, sagte sie und fügte hinzu, „ohne mein Gerede kann man die locker in etwa einer Stunde schaffen.“
„Wenn man die richtigen Abkürzungen kennt“, nörgelte ich in mich hinein. „Somit ist das eine Tagestour, für die man ordentliche Pausen einplanen und genügend Verpflegung mitnehmen muss“, dachte ich weiter.

Erst später, als ich mich in einem Gasthaus von den Strapazen dieser Unternehmung erholte, fiel mir ein, dass ich früher Touren von fünf bis sechs Kilometern als „etwas ausgedehnte Spaziergänge“ bezeichnet habe. Damals war ich aber eine deutlich jüngere und schlankere Couchpotato als heute.

(Andreas Ballnus)


 


 

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