Sie sind hier: Startseite Köln-Bonn Aktuell News
Weitere Artikel
Schrumpfen für den Erfolg

Wie die Autobranche aus der Krise steuern will

(ddp.djn). Spötter nennen die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA), die am kommenden Donnerstag in Frankfurt am Main beginnt, gern den «Feldgottesdienst der PS-Branche». Man rückt zusammen, beschwört weitere Erfolge, schmiedet Strategien.

Letzteres ist auch bitter nötig, denn «die Autoindustrie ist im Wandel und unter Druck», urteilt Nick Margetts vom Branchendienst Jato Dynamics. Funkelnden Spotlights und schnittigen Premierenmodellen zum Trotz - es ist die schlimmste Krise seit mehr als 50 Jahren. Zwar orakelt Matthias Wissmann, «die IAA 2009 wird zeigen, wie die Firmen aus der Talsohle herausfahren», doch das muss er wohl sagen, schließlich ist er Präsident des Branchenverbandes VDA. Tatsächlich aber fordern Finanzkrise samt Kreditklemme, eine beispiellose Rabattschlacht und wachsendes Umweltbewusstsein ihren Tribut, und so meint Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft: «Die Neuordnung der Branche hat gerade erst begonnen.» 

Drei aktuelle Trends zeichnen nach Ansicht Margetts' die diesjährige IAA aus. Erstens: die weitere Belegung der Nischen. Hier träfen sich der Drang zur Individualisierung mit der Notwendigkeit, die Lücken zu den Mitbewerbern zu schließen, und dem Ziel, möglichst mindestens ein Auto in jedem Segment vorzuweisen. 

Zweitens: Sogenanntes Downsizing. «Der Schrumpfungsprozess betrifft sowohl die Außenmaße», sagt Margetts, «als auch die Motoren.» Im Idealfall sollen kleine, leistungsfähige Motoren attraktiven Fahrspaß ermöglichen. 

Drittens: Elektrofahrzeuge. Start-Stopp-Generatoren, Energierückgewinnung, Hybridtechniken - viele Modelle sind bereits auf dem Markt, weitere werden folgen. Zu voll alltagstauglichen Elektrofahrzeugen ist es indes noch ein langer Weg, auf dem es nicht nur das Batterieproblem oder die nötige Infrastruktur zum Strom-Tanken zu lösen gilt. «Die grüne Revolution findet auf dieser IAA nicht statt», befindet Diez: «Das Elektroauto wird erst nach 2020 alltagstauglich und wettbewerbsfähig sein.» 

Der derzeit erfolgversprechendste Weg aus der Krise ist Downsizing, und die Kunden spielen da offensichtlich mit. Das Auto ist in Deutschland zwar seit Jahrzehnten Gradmesser für sozialen Status. Doch allmählich zeichnet sich wohl ein Umdenken ab. Das ist die Quintessenz einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). «Immer mehr Menschen betrachten das Auto in erster Linie als Fortbewegungsmittel. Drehzahl, Beschleunigung und Geschwindigkeit haben als Kaufkriterien zwar noch nicht ausgedient, aber ihre Bedeutung schwindet», sagt Harald Kayser, Leiter des Bereichs Automotive bei PwC. «Als Auswirkungen der Krise rechnen wir mit einem größeren Bewusstsein der Verbraucher, was die Gesamtkosten der Pkw-Haltung angeht», skizziert Ulrich Winzen vom Branchendienst Polk seine Erwartungen. 

Also: Polo statt Golf, E-Klasse statt S-Klasse - und das nicht nur bei Privatkäufern. «Mit der Luxuslimousine beim Kunden vorfahren - das hat heute keinen wesentlichen Einfluss mehr auf die Geschäftsbeziehungen», beobachtet Roland Vogt, Geschäftsführer der FleetCompany. Im Gegenteil: Es sei «von zunehmender Bedeutung, dass Unternehmen bei der Auswahl ihrer Geschäftsflotte Verantwortung und Kostenbewusstsein» zeigten. Mithin fielen künftig Kaufentscheidungen rationaler aus. Besonders in jüngeren Bevölkerungsgruppen stellt Stefan Bratzel, Leiter des FHDW Center of Automotive, «einen Trend zur Ent-Emotionalsierung des Autos» fest. 

Den möchte man sich auch bei Auto-Managern wünschen, denn lange haben sie in einem Wolkenkuckucksheim geschwebt. Schier um jeden Preis wurde auf Zuwachs geschielt, wurden Kapazitäten ausgeweitet, Werke - teils mit Steuergeldern - am Leben erhalten. «Weltweit dürfte die Auslastung der Autowerke 2009 auf den Wert von 63 Prozent fallen. Für eine rentable Produktion gilt ein Auslastungsgrad zwischen 75 und 80 Prozent als notwendig», erläutert PwC-Autoexperte Felix Kuhnert. 

Zwar hat die Abwrackprämie vornehmlich Herstellern kleinerer Fahrzeuge einen Boom beschert. Doch viele fürchten die nächsten Jahre. «Die Autoindustrie ist nur bedingt auf die Herausforderungen vorbereitet», urteilt Wolfgang Meinig von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft der Universität Bamberg. Die großen Unternehmen hätten die Szenarien für die Zukunft nicht ausreichend durchgespielt. 

Doch um neue Ideen umzusetzen, braucht es Geld, und das kann die Branche derzeit nur schwer aufbringen. Die deutsche Autoindustrie müsse allein auf dem europäischen Markt bis 2020 Mehrkosten von 29 Milliarden Euro in der Entwicklung und weitere 85 Milliarden Euro in der Produktion einkalkulieren, um die CO2-Grenzwerte der EU zu erfüllen, rechnet eine McKinsey-Marktstudie vor. 

Gleichzeitig belasteten die Folgen der Finanzkrise die deutschen Hersteller bis 2014 mit 77 Milliarden Euro zusätzlich. «In der Summe kommen auf die deutsche Autoindustrie bis 2020 Mehrkosten von rund 190 Milliarden Euro zu», sagte Christian Malorny, der bei McKinsey das Beratungsgeschäft für deutsche Klienten aus der Automobil- und Zulieferindustrie leitet. «Geht man davon aus, dass alle deutschen Autoproduzenten in einem wirtschaftlichen Spitzenjahr zusammen etwa 10 Milliarden Euro Gewinn vor Steuern erreichen, zeigt das die Dramatik der Situation.» 

Keine Frage: Die Autoindustrie muss sich auf eine lange Durststrecke einstellen. Der Abbau des Nachfrageüberhangs und ein verändertes Kundenverhalten werden dazu führen, dass der Fahrzeugabsatz in Europa selbst unter günstigen Bedingungen erst 2014 wieder das Niveau vor der Krise erreicht. Das jedenfalls befürchtet die Unternehmensberatung AlixPartners. Zwar entlasteten sinkende Rohstoffpreise die Autobranche, dennoch werde sie weltweit pro verkauftem Auto im Schnitt rund 1800 Euro Verlust verbuchen müssen. 

Für deutsche Hersteller sieht es etwas besser aus. Nach Schätzung des Branchenkenners Ferdinand Dudenhöffer liegt hier der Verlust bei durchschnittlich 500 Euro pro Auto. «Die globale Wirtschaftskrise hat einige Unternehmen der Autoindustrie nur schneller ans Ende der Sackgasse geführt», merkt Vinzenz Schwegmann von AlixPartners an: «Falsch abgebogen sind sie schon vorher.» 

ddp.djn/nom/rab

Von ddp.djn-Korrespondent Norbert Michulsky


(ddp)


 


 

Auto
Autobranche
Autoindustrie
Milliarden Euro
Krise
Unternehmen
Hersteller
IAA
Bedeutung

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Auto" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: