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Lale Akgün

Standhaft, sympathisch und klug

Dr. Lale Akgün zählt zu der immer rarer werdenden Spezies von Politikern, die ihre Meinung standhaft vertreten. Nicht nur das macht sie unwahrscheinlich sympathisch. Die zierliche Frau ist seit 2002 SPD-Bundestagsabgeordnete. Ihr Thema, für das die bekennende Kosmopolitin sich seit vielen Jahren einsetzt, ist Integration und Migration.

Lale Akgün, promovierte Diplom-Psychologin, lebt seit ihrem neunten Lebensjahr in Deutschland. Nach dem Studium nimmt sie, 27-jährig, die deutsche Staatsbürgerschaft an und tritt ein Jahr später in die SPD ein. 2001 wird sie in den Vorstand des Unterbezirks Köln gewählt. Bei der Bundestagswahl 2002 gewinnt sie ein Direktmandat und ist seitdem Bundestagsabgeordnete. Zuvor arbeitete sie viele Jahre als Psychologin und Therapeutin in der Familienberatung der Stadt Köln. In dieser Zeit hat sie die sozialen Brennpunkte Kölns hautnah kennengelernt. Für das Sozialministerium NRW baute sie parallel dazu das Landeszentrum für Zuwanderung auf und leitete das Büro fünf Jahre. Ihrem Schwerpunkt Migration und Integration ist sie auch als MdB treu geblieben. Hinzugekommen ist ihr Engagement in der Europapolitik, in der sie sich für ein sozial gerechtes Europa stark macht.

business-on.de: Frau Akgün, wieviel Zeit verbringen Sie als Bundestagsabgeordnete in Berlin?

Lale Akgün: Wenn ich alle Sitzungswochen und Veranstaltungen addiere, kommt ein gutes halbes Jahr zusammen. Das verteilt sich unterschiedlich. Mal ist es eine ganze Woche und dann wieder nur mal ein oder drei Tage.

business-on.de: Übernachten Sie dann in einer eigenen Wohnung oder im Hotel?

Lale Akgün: Anfangs hatte ich eine Wohnung angemietet. Aber das bringt natürlich Verpflichtungen mit sich - nicht nur, dass sie geputzt werden muss. Deswegen gehe ich inzwischen ins Hotel, das ist viel angenehmer.

business-on.de: Arbeiten Sie lieber in Berlin oder in Köln?

Lale Akgün: In Berlin, das ist die politische Arbeit. Hier in Köln aber ist meine Heimat. Hier kenne ich natürlich viele Leute und spreche mit ihnen, sodass ich so manche Anregung dann nach Berlin mitnehmen kann. Das ist als Scharnieraufgabe ganz wichtig.

business-on.de: Sind unter Ihren WählerInnen viele türkische Mitbürger?

Wenig Türken mit deutschem Pass

Lale Akgün: In meinem Wahlkreis im Kölner Südwesten gibt es wenig Menschen mit Migrationshintergrund. Außerdem können nur Eingebürgerte wählen. Von den Türkischstämmigen in Köln sind das relativ wenige. Im Jahr 2007 wurden zum Beispiel in Köln nur gut 2.300 Personen eingebürgert.

business-on.de: Die Zahl hätte ich höher eingeschätzt. Woher kommt die Zurückhaltung?

Lale Akgün: Es gibt kein Interesse. Wir haben in Deutschland 7,5 Millionen Ausländer. 70 Prozent davon hätten die Voraussetzung, sofort eingebürgert zu werden.

business-on.de: Kommen wir zur Politik. Bei der Abstimmung über die Änderung des Stammzellengesetzes haben Sie für die absolute Freigabe gestimmt. Sind Sie damit auf Unverständnis bei Ihren WählerInnen gestoßen?

Lale Akgün: Nein. Ich kann meine Entscheidung begründen und das wird akzeptiert. Meine Erfahrung ist, dass Menschen kein Problem mit Politikern haben, die eine andere Meinung als die eigene vertreten. Die Leute sind es allerdings leid, Politikern zuzuhören, die keine eigene Meinung haben und die sich drehen und wenden, um jedem nach dem Mund zu reden. Bei bestimmten Themen, beispielsweise beim Kopftuch, habe ich oft erlebt, dass mir Menschen sagen, ich teile diese Meinung nicht, aber ich habe Respekt davor, dass Sie Ihren Standpunkt ohne wenn und aber klarstellen.

business-on.de: Das hört sich so an, als ob Sie das muslimische Kopftuch ablehnen?

Kein Kopftuch an staatlichen Schulen

Lale Akgün: Ich bin der Meinung, dass eine Lehrerin kein Kopftuch im Unterricht tragen soll. Denn das Kopftuch ist ganz klar eine religiöse Meinungsbezeugung.

business-on.de: In diesem Punkt wird vielfach argumentiert, dass Nonnen ebenfalls eine Kopfbedeckung tragen.

Lale Akgün: Ja, aber das passiert an konfessionellen Schulen und ich spreche von staatlichen Bildungseinrichtungen. Wenn ich mein Kind auf eine staatliche Schule schicke, erwarte ich vom Staat, dass eine neutrale und ideologiefreie Erziehung garantiert ist. Mein Mann, Ahmet Akgün, ist Lehrer. Stellen Sie sich vor, er würde im Unterricht mit einem SPD-Button erscheinen und argumentieren, dass die SPD-Mitgliedschaft ein Teil seiner Persönlichkeit sei. Was meinen Sie, wie schnell der Schuldirektor im Klassenzimmer steht und ihn auffordert, den Button sofort abzunehmen. Und das zu Recht!

business-on.de: Die Trennung von Staat und Kirche, die Sie propagieren, entspricht nicht unbedingt Ihren Erfahrungen in der Türkei. Wie kommt man trotzdem zu dieser weltlichen Anschauung? Haben Ihre Eltern Sie beeinflusst oder sind es eigene Erfahrungen?

Lale Akgün: Nein, da irren Sie erst einmal: Die Türkei ist streng laizistisch. Aber entscheidend ist doch: Wie in jedem Land der Welt kommt es drauf an, in welche Familie man hineingeboren wird. Mein Elternhaus war sehr fortschrittlich, auch was den Islam betrifft. Aber es ist lustig, dass Sie das fragen. Denn ich habe gerade ein Buch über meine Kindheit geschrieben, das im Herbst herauskommt.

business-on.de: Sind Sie praktizierende Muslimin?

Lale Akgün: Nein.

business-on.de: Wie beantwortet der Islam die Frage, wann Leben beginnt bzw. wann eine embryonale Stammzelle geschützt werden muss?


 


 

Lale Akgün
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