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„Managerkrankheit“

Warum Work-Life-Balance das Burnout-Risiko verschärft

Nachdem der 1974 vom New Yorker Psychotherapeuten Herbert Freudenberger eingeführte „Burnout“-Begriff in den 80er Jahren als „Managerkrankheit“ einen ersten Popularitätshöhepunkt erreicht hatte, wurde man auf der Suche nach einer Lösung relativ bald fündig. Sie wurde wieder mit einem Schlagwort verbunden: „Work-Life-Balance“.

Ein Begriff mit Geburtsfehler

Viele Menschen verbinden damit zunächst „nur“ einen Ausgleich von Privat- und Berufsleben. Doch der Begriff sagt weit mehr aus und ist damit Teil der Problematik, die er zu bekämpfen vorgibt.
Eine „Balance“ ist bekanntlich eine Waage und wenn bei einer solchen die zwei Waagschalen ins Gleichgewicht gebracht werden sollen, dann ist eine Grundvoraussetzung dazu, dass der Inhalt der einen Waagschale mit dem Inhalt der anderen Waagschale… nichts zu tun hat.

Im Klartext: die Arbeit hat gemäß dem Work-Life-Balance-Konzept nichts mit dem Leben zu tun. Und damit es nicht gleich wieder ein Missverständnis gibt: dass die Arbeit mit dem Leben nichts zu tun hat, ist beim Work-Life-Balance-Begriff nicht die Diagnose eines (als schlecht bewerteten) Zustandes, den man in der Folge wieder verbessern will, zu sehen. Im Work-Life-Balance-Konzept geht man ganz grundsätzlich(!) davon aus, dass –ich zitiere aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel- (Berufs-)Arbeit ("work") etwas anderes sei und abseits passiere vom Leben ("life").

Jeder will „mehr Leben“

Wir alle wollen Leben in der Bude haben, lebendig sein, das wirkliche Leben leben. Sich lebendig zu fühlen verbinden wir mit Elan, Freude, Glück. Wenn wir nun in einem Begriff einen Gegensatz zu diesem von uns gewünschten Leben formulieren, dann ist eines klar. Wir wollen von diesem Gegensatz möglichst wenig haben, denn er stört unser Bedürfnis, so viel wie möglich von diesem positiven, uns begeisternden Leben zu bekommen.

Die Arbeit als negativer Gegenpol des Lebens?

Verstehen Sie, was das bedeutet? Wenn die Arbeit ein negativer Gegensatz zum „wirklichen“ Leben ist, dann kann doch die Schlussfolgerung nur lauten: ich will möglichst wenig damit belästigt werden, denn ich will möglichst viel Leben haben. „Balance“ kann dann höchstens ein Zwischenschritt sein: denn wenn wir möglichst viel „Leben“ wollen, dann müssen wir in die Waagschale „Leben“ möglichst viel reinschmeißen, was wir da eben drin haben wollen und aus der Waagschale „Arbeit“ soviel wie nur irgend möglich rausnehmen.

Folgen einer negativen Sicht von der Arbeit

OK, wir alle wissen, dass das nur für ein paar ganz wenige funktioniert. Leute, die es sich leisten können, von Beruf „Tochter“ oder „Sohn“ sein zu können, Leute, die für einen Film mal eben 30 Millionen Dollar und mehr einnehmen wie zum Beispiel Robert Downey Junior, der zur Zeit bestbezahlte Schauspieler der Welt.

Und immer wieder kommt die Botschaft: die Arbeit hat mit dem Leben nichts zu tun, sie ist der Gegenpol, der Feind des wirklichen Lebens. Manchmal wird es ziemlich direkt so oder ähnlich ausgedrückt. Viel häufiger bekommen wir diese Meinung aber indirekt vermittelt, wie z.B. durch den Work-Life-Balance-Begriff. Die Folgen sind vielfältig. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen zum Beispiel:

  • Die allgemeine Arbeitsmotivation;
    die bekommen wir jedes Jahr im Februar / März vom Meinungsforschungsinstitut Gallup aufs Butterbrot geschmiert. Seit 2001 haben sich die Zahlen kaum verändert. In 2013 schwankten in Deutschland 84% der Berufstätigen in ihrer Arbeitsmotivation irgendwo zwischen „Dienst nach Vorschrift“ und innerer Kündigung.
  • Ziel einer positiven Arbeitswelt wird überlagert
    Im Work-Life-Balance-Konzept ist es auch nicht wirklich ein erstrebenswertes Ziel, eine Arbeitswelt zu schaffen, in der die Menschen sich gerne und mit Begeisterung einbringen. Dieses Ziel wird konsequenterweise von dem Wunsch überlagert, dass die Leute möglichst wenig Zeit in eben dieser Arbeitswelt verbringen müssen.
  • Widerspruch zum erlebten Alltag
    Wenn jemand mit dem Empfinden unterwegs ist (und das gilt leider für sehr, sehr viele Menschen), dass die Arbeit ein Feind des wirklichen Lebens ist… und er andererseits Tag für Tag sieben, acht und mehr Stunden mit eben dieser Arbeit verbringen muss, dann kann die Folge nur Unzufriedenheit sein. Und zwar unabhängig von so manchen Widerwärtigkeiten der Arbeitswelt, die dann noch dazu kommen. Zum Beispiel Mitarbeiter und Chefs, die genauso unzufrieden sind, wie man selbst, Leistungsdruck, angehäufte Überstunden usw.

Work-Life-Balance-Philosophie führt viele in die Frustration

So führt das Leben mit dem Work-Life-Balance-Konzept für viele mehr oder weniger zwangsläufig in eine Unzufriedenheits- und Frustrationsspirale, die eine wesentliche Grundlage für die dramatische Zunahme von psychischen Krankheiten bis hin zum Burnoutsyndrom ist. Ich will damit selbstverständlich nicht sagen, dass es nur an diesem Begriff liegt. Aber Worte haben einen starken Einfluss auf uns und damit verfestigen wir eben eine Sichtweise, die das Burnoutrisiko nicht nur nicht überwindet, sondern sogar noch weiter verschärft.

Lassen Sie es mich deutlich sagen: Wir haben nicht die geringste Chance, von den nach wie vor steigenden Zahlen von psychisch bedingten Krankheitstagen runterzukommen, wenn wir nicht eine grundlegend andere Philosophie von der Arbeit entwickeln und… vor allem im Alltag leben. 

Mir ist dabei sonnenklar, dass dies einfacher gesagt ist, als getan, aber wie gesagt: wir haben keine andere Chance! Schon gar nicht haben wir eine Chance, wenn wir in der Art weitermachen, wie wir es weitgehend in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemacht haben: indem Arbeitnehmer und Arbeitgeber gegenseitig aufeinander gezeigt haben und gemeinsam im Chor riefen: Der andere ist schuld! Wir brauchen selbstverständlich ein Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Kräfte und letztlich die tätige Erkenntnis jedes Einzelnen.

Trotzdem: wir brauchen Ausgleich…

Mit all dem bisher Geschriebenen soll selbstverständlich nicht einem grenzenlosen Arbeitseinsatz das Wort geredet werden. Wir brauchen Ausgleich, keine Frage. Aber nicht einen weltfremden Ausgleich zwischen „Arbeit“ und einem angenommenen, gegensätzlichen „Leben“, sondern einen Ausgleich zwischen unserer eingesetzten Energie und dem notwendigen Wiederauftanken dieser Energie.

...und eine neue Haltung zur Arbeit

Diese Energie verbrauchen wir bei der Arbeit nicht nur. So mancher kriegt durch seine Arbeit auch immer wieder neue Energie verliehen. Um das zu erleben, benötigen wir allerdings ein Engagement aller Beteiligten für eine Arbeitswelt, in der die Menschen gerne und mit Begeisterung arbeiten. Eine Arbeitswelt, in der man sich gegenseitig wertschätzt und sie so gestaltet, dass die Menschen mit Freude ihr Bestes geben. Eine naive Formulierung? Eine Utopie? Jedenfalls eine Beschreibung, die aktuell nur für wenige erlebbar ist, das ist mir schon klar. Wenn wir aber von vorneherein(!) die Arbeit als Gegensatz, als Feind des „wirklichen“ Lebens betrachten, wie im Work-Life-Balance-Konzept, haben wir überhaupt keine Chance. Diese haben wir aber, wenn wir die Arbeit als integrativen Teil des Lebens annehmen und sie so gestalten, dass Arbeitsfreude als Teil der Lebensfreude erlebbar wird. Nur so werden im Übrigen auch dauerhafte Spitzenleistungen möglich, womit auch die wirtschaftlichen Ziele weitaus besser unterstützt werden als mit dem Work-Life-Balance-Konzept.

(Markus Frey)


 


 

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