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„Ein künstlerischer Zutatenmix“

Interview mit Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure

Die deutsche "Geiz-ist-geil“ Mentalität geht auf Kosten der Qualität

business-on.de: Sind wir eventuell sogar selbst Schuld an dieser Entwicklung? Immerhin wird in keinem anderen Land so wenig Geld für Ernährung ausgeben wie in Deutschland. War es da nicht nur eine Frage der Zeit bis die Billigwahn-Mentalität die Qualität der Lebensmittelprodukte drückt?

Martin Müller: Definitiv. Die wachsende „Geiz-ist-geil“ Mentalität sorgt für eine zunehmende Nachfrage im Billig-Preis-Sektor. Es herrscht ein harter Wettbewerb in der Lebensmittelbranche. Nehmen wir zum Beispiel die Fast-Food-Branche: Wenn ein Döner inklusive Getränk für 2,50 Euro angeboten wird, spiegelt das doch nur den nackten Überlebenskampf des Anbieters wieder. Und da der Verbraucher nur dort hingeht, wo die Produkte am günstigsten angeboten werden, treibt er den Mechanismus noch weiter an.
Ein Kilo Käse-Imitat ist für schlappe 2 Euro zu haben, wohingegen ein Kilo Schafskäse ganze 12 Euro kostet. Die Industrie entwickelt so ständig neue Produkte, mit denen Geld einzusparen ist. Manche der Mixturen können da fast schon als künstlerisch bezeichnet werden.

business-on.de: Was meinen Sie als Experte, wie viel sollte uns eine gute Ernährung denn wert sein?

Martin Müller: Also, die Franzosen, um ein gutes Beispiel zu nennen, geben einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Natürlich kann man den Deutschen nicht vorschreiben, wie viel sie im Monat für ihre Ernährung auf Seite zu legen haben, doch sind mindestens 13 Prozent des Lohns nicht zu viel, wenn es um unser Essen geht. Es heißt nicht umsonst „Lebensmittel“. Die Bezeichnung ist durchaus sprichwörtlich zu nehmen.

business-on.de: Ist der „gute Geschmack“ eine Frage des sozialen Milieus oder lauert Analog-Käse in jedem Kühlschrank?

Martin Müller: In fast jedem Kühlschrank finden sich Geschmacksverstärker und vielleicht auch Farbstoffe. Analog-Käse und ähnliche Imitate gibt es jedoch nur in der Gastronomie. Dennoch ist der Verweis zu den verschiedenen sozialen Schichten sicherlich ein Aspekt der in die Einstellung zur Ernährung mit einwirkt.

Der Staat in der Bringschuld: „Kinder müssen wieder schmecken lernen“

business-on.de: Parallel zu den Fertigprodukten gibt es einen klaren Trend hin zu Bio-Ware. Entwickelt sich Deutschland zu einer Zwei-Klassen-Genießer-Gesellschaft?

Martin Müller: Man kann sogar von einer Drei-Klassen-Gesellschaft sprechen. Gerade was die Ernährung der Kinder angeht, teilt sich die Kaufverhalten von Lebensmittel sowie die Einstellung zur Ernährung mittlerweile in drei Gruppierungen auf: Da gibt es zum einen die gesundheitsbewusste Mutter, die alles richtig machen will und für ihre Familie nur Bio-Produkte kauft. Dann gibt es die große Gruppe der Berufstätigen, die aufgrund Zeitmangels ihren Kindern morgens nur Geld in die Hand drücken und nicht nachfragen, was damit eigentlich gekauft wird. Des Weiteren sind da noch die Eltern, die ihre Kinder bereits ohne Frühstück in die Schule schicken, weil das vorhandene Geld selbst für die Grundbedürfnisse nicht mehr auszureichen scheint.

business-on.de: Was kann getan werden um den derzeitigen Zustand zu verbessern? Welche hilfreichen Maßnahmen erwarten Sie von Seiten des Staates?

Martin Müller: Der Staat hat hier eindeutig eine Bringschuld. Er hat dafür zu sorgen, dass das Thema Ernährung wieder in die Bildung unserer Kinder integriert wird. Kinder sollten lernen, woraus Lebensmittel bestehen. In den Schulen sollte „Kochen“ wieder auf dem Lernplan angeboten werden, damit Kinder auch sehen, woraus die verschiedenen Gerichte gemacht sind. Sie sollten lernen, woher die unterschiedlichen Lebensmittel kommen, wie manche Produkte, wie Möhren, im Rohzustand schmecken – viele Kinder sind nicht mehr in der Lage die verschiedenen Zutaten eines Gerichtes aufgrund der verwendeten Geschmacksverstärker in vielen der Fertigprodukten herauszuschmecken. Mittlerweile gibt es als eine Art Gegenmaßnahme sogar Geschmacksschulen, damit Kinder wieder schmecken lernen. Auch Eltern sollten ihren Teil dazu beisteuern und darauf achten, mit richtigen Lebensmitteln zu arbeiten.

business-on.de: Was kann der Verbraucher tun, um sich gesund zu ernähren? Worauf sollte beim Einkauf geachtet werden? Sind Fertigprodukte generell zu vermeiden?

Martin Müller: An Fertigprodukten kommt man auf Dauer nur schlecht vorbei, sollten aber nicht den Großteil unserer Ernährung ausmachen. Auf der anderen Seite muss es aber auch nicht unbedingt Bio sein. Generell kann man als Faustregel sagen: Je länger die Zutatenliste, umso mehr Chemie ist meist in dem Produkt. Und je bekannter der herstellende Betrieb, desto mehr wird auf Qualität geachtet. Daher rate ich Verbrauchern, soweit wie möglich, in und aus der Region zu kaufen und auf den Namen des Herstellers zu achten der auf der Verpackung aufgedruckt ist.

Vielen Dank für das Interview, Herr Müller.

(Katharina Loof)


 


 

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