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Kommentar von Norbert Walter-Borjans

Selbstkasteiung klingt gut, aber ein klarer Blick ist besser

Während die kölsche Jecke dem Höhepunkt des karnevalistischen Treibens entgegenfiebern, ist ein Krisenteam mit einem ganz anderen Höhepunkt in den Niederungen des Kölner U-Bahnbaus beschäftigt. Nach gut einem Jahr, als das Stadtarchiv einstürzte, hat Köln seinen nächsten Skandal. Man ist fassungslos. 80 Prozent der vorgeschriebenen Eisenbügel wurden nicht eingebaut sondern geklaut und verhökert. Die Schuldigen für die erste Pleite stehen noch nicht fest, da wird bereits die nächste Schuldfrage kölschgerecht verrissen. Wirtschaftsdezernent Dr. Norbert Walter-Borjans kommentiert den neuerlichen Skandal.

Die Neigung der Kölner, die Schuld für Verfehlungen grundsätzlich in Köln und bei Kölner Verantwortlichen zu suchen, in allen Ehren. Nicht selten nimmt das allerdings groteske Züge an und man muss den Eindruck gewinnen, dahinter stehe auch eine gewisse Lust an der Selbstkasteiung. Insofern haben die ungeheuerlichen Vorgänge um den Bau der Nord-Süd-Stadtbahn, die jetzt Stück für Stück zu Tage treten, auch etwas Reinigendes.

Man muss sich wohl oder übel damit beschäftigen, dass nicht irgendeine kleine Klempnerei aus der Südstadt, dessen Inhaber abends mit dem lokalen Kontrolleur im „Früh“ Skat spielt, das Bauwerk übernommen hat, sondern ein Konsortium aus drei international tätigen Baukonzernen, die so etwas nicht zum ersten Mal und das auch nicht nur in Köln machen. Wer einmal mit Vertretern der Städte Barcelona, Amsterdam, aber auch Düsseldorf gesprochen hat, die zurzeit an ähnlichen Projekten arbeiten, der weiß: die gucken nicht mit Häme auf Köln, sondern mit der Sorge, dass etwas Vergleichbares auch in ihren Städten passieren könnte, wenn die Unternehmen schlampen oder für ihre oder die Mitarbeiter ihrer Subunternehmen nicht die Hand ins Feuer legen können. Solide Bauausführung ist verdammt nochmal als allererstes die Pflicht eines Bauunternehmens.

Prestigeprodukt dramatisch in die Hose gegangen

Was ist das für ein Armutszeugnis für die Bauunternehmen, dass ein so komplexes Bauwerk offenbar nur gut gehen kann, wenn ein externer Aufseher ständig daneben steht und kontrolliert, dass ein Stahlbügel auch eingebaut und nicht an einen Schrotthändler verkauft oder Erdreich unter einem extrem schweren Gebäude nicht einfach ausgeschwemmt wird. Man kann sich über die Qualität der Kontrolle durch die KVB streiten. Dass ein Bauherr als Kontrolleur grundsätzlich ungeeignet ist, ist allerdings auch wieder so ein scheinbar plausibles Rezept, wie man die Schuld für Versagen mit der eigenen Stadt in Verbindung bringt. Als ob es dem Bauherrn egal wäre, wie mangelhaft das von ihm bestellte Bauwerk zustande kommt und was für einen Ärger es ihm in den nächsten Jahrzehnten bereitet. Tatsache ist allerdings, dass ein riesiges Prestigeprojekt dramatisch in die Hose gegangen ist. Zwei junge Menschen, die dabei ihr Leben verloren haben, aber auch die vielen, die bis heute traumatisiert sind, sind Grund genug, die üblen Vorgänge restlos aufzuklären und Schlüsse daraus zu ziehen.

Entschiedenes Handeln besser als voreilige Schuldzuweisung

Nach diesen Ereignissen sollten alle Beteiligten viel gelernt haben, auch, dass man die unvoreingenommene Frage nach der Schuld erst stellen kann, wenn man sich zuvor zu seiner Verantwortung bekennt. Es wäre allerdings fatal, wenn der Prozess der Erkenntnis auf Köln beschränkt bliebe. Wie Düsseldorf nach dem Flughafenbrand 1996 oder München nach den Olympischen Spielen 1972 muss Köln ein Meilenstein auf dem Weg zu mehr Sicherheit werden. Wenn wir das richtig machen, kann das am Ende sogar ein Gütesiegel für unsere Stadt sein. Wenn nicht, schadet das nicht nur dem Ruf einer einzelnen Kommune, sondern dem weltweit respektierten Label „Made in Germany“, an dem unser aller wirtschaftlicher Erfolg hängt. Ein klarer Blick und nüchternes, aber entschiedenes Handeln ist am Ende eben doch besser als voreilige und besserwisserische Schuldzuweisung an das Kölsche im Allgemeinen.

(Dr. Norbert Walter-Borjans)


 


 

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