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RTL Reportage

Zalando – Schrei vor Missstand

Die RTL-Sendung „Extra“ berichtete gestern über die offenbar miserablen Zustände im Logistikzentrum Erfurt von Zalando. Dort arbeiten etwa 2000 Mitarbeiter für 8,79€ pro Stunde. Dafür müssen die Arbeiter äußerst hart arbeiten und werden für Fehler scharf kritisiert.

Die bisherige Erfolgsgeschichte von Zalando begann im Jahr 2008. Gestartet als kleiner Online-Händler, entwickelte sich das Unternehmen zum größten Online-Versandhandel mit Hauptsitz in Europa. Insbesondere geschickte Werbekampagnen trugen dazu bei. Der typische „Zalando-Schrei“ gehört mittlerweile fest zum Repertoire des Marketings. Jetzt dürfte nach der Berichterstattung durch „RTL-Extra“ das Image Zalandos leiden. Auf Facebook ist mittlerweile ein Shitstorm entstanden und die Seite verliert mehr und mehr Fans.

Extra berichtet mit versteckter Kamera

Nun berichtete „RTL“ gestern über die Arbeitsbedingungen bei Zalando. Dazu schickte die Sendung "Team Wallraff" eine Undercover-Reporterin mit versteckter Kamera in das Logistikzentrum. Nach einer Bewerbung erhielt sie dort eine Anstellung. Sie arbeitete dort 3 Monate. Als „Pickerin“ musste sie zu Fuß durch das Lager laufen, um Schuhe und anderen Waren ständig von A nach B zu befördern. Teilweise musste sie bis zu 27 km am Tag laufen. Gespräche mit anderen Mitarbeitern oder längere Standzeiten, wenn gerade keine Bestellung vorlag, wurden von den Vorgesetzten sofort angesprochen und als nicht akzeptabel deklariert, so die Reporterin. In einem wöchentlichen Feedback-Gespräch wurden der Undercover-Reporterin ihre Zahlen genau vorgerechnet. Oft hagelte es dafür harte Kritik. Sie selbst belastete diese Situation sehr. Sie empfand es als Albtraum.

Lückenlose Überwachung

Es macht den Anschein, als setze Zalando seine Arbeiter offenbar mit einer lückenloser Arbeitsüberwachung permanent unter Druck. Arbeitsrechtler kritisierten die Arbeitsverhältnisse in der Firma, wo offenbar täglich Menschen vor der Belastung zusammenbrechen. Die dortigen Leistungskontrollen und die Arbeitsbedingungen seien nicht rechtens.

Fansbookfans flüchten von der Seite

Nachdem die Berichterstattung von RTL vorbei war, begann auf der Facebook-Seite von Zalando ein Shitstorm gegen das Unternehmen. Viele User kündigten an, dass Sie ihre Accounts löschen und ab sofort keine Waren mehr bei dem Online-Versandhandel bestellen würden. Auch die Anzahl von Zalando-Fans ging zurück. In den letzten Stunden flüchteten ehemalige Fans und Follower von der Seite. Viele der über 700.000 Follower scheinen das Vertrauen in das Unternehmen verloren zu haben. Noch heute könnte die Seite wieder unter die 700.00er Marken rutschen. In der letzten Stunde verließen nochmals hunderte User die Seite. Diese Zahl könnte sich in den Abendstunden noch erhöhen, da viele nach der Arbeit erst ihre Facebook-Accounts checken und viele sich die Beiträge des Tages dann ansehen und darauf reagieren. Die „Gefällt mir“-Angaben sinken aktuell minütlich.

Gegendarstellung eines Ex-Mitarbeiters

Doch es ist auch ein Post dabei, von jemanden, der offenbar einst bei Zalando gearbeitet hat. Er unterstellt RTL eine falsche Berichterstattung. „Ich habe selbst jahrelang im Logistikbereich gearbeitet, unter anderem auch für Zalando. […] Und eines kann ich Euch aus erster Hand sagen:
Die Arbeitsbedingungen bei Zalando sind echt human gegenüber denen, die bei vielen anderen Logistikdienstleistern so herrschen.“, schrieb ein ehemaliger Mitarbeiter auf der Facebook-Seite. Hier kommt nun die Frage auf, ob RTL nicht zu einseitig berichtet habe. Das Beispiel dafür, dass fast täglich ein Krankenwagen kommt, könnte da ebenfalls hineinpassen. Denn in einem Logistikunternehmen mit 2000 Mitarbeitern können durchaus auch Unfälle passieren.

Enttarnung der Reporterin

Trotz eines falschen Namens, den die Reporterin zu Beginn ihrer Einstellung bei Zalando angegeben hatte, wurde sie nach drei Monaten vom Unternehmen enttarnt und fristlos gekündigt. Zuvor hatte man sie in Verbindung mit Gewerkschaften gebracht, da sie zu Recherchezwecken oft mit verschiedenen Mitarbeitern sprach. Untersuchungen und Nachforschungen hatten zur Enttarnung der Undercover-Reporterin geführt. Nach der vermuteten Verbindung zu einer Gewerkschaft wurden über die Reporterin Informationen beschafft aus Angst vor der Gründung eines Betriebsrats oder sonstigen Gremien. Eine solchen Betriebsrat gibt es bis heute nicht in dem Logistikzentrum Erfurt. Ver.di versucht dies seit Jahren durchzusetzen, bislang aber ohne Erfolg. 

Zalando veröffentlich Statement

In einem Statement hat Zalando die Berichterstattung von RTL kritisiert. „Aus unserer Sicht entspricht die Darstellung des Berichts in keiner Weise der Unternehmenskultur und Mitarbeiterstimmung in unseren Logistikstandorten.“, heißt es in dem Statement. Gleichzeitig veröffentlichte Zalando eine Statistik, nach der 88 Prozent der Zalando-Mitarbeiter die Arbeit dort Spaß mache und 84 Prozent der Angestellten längerfristig dort arbeiten möchten. 80 Prozent seien Stolz für Zalando zu arbeiten, heißt es in dem Statement. Außerdem überprüfe die DEKRA einmal pro Quartal die Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in den Logistikdestinationen. Das letzte Gesamtergebnis war dabei eine 1,3 - also fast der bestmögliche Wert. Es habe auch keinen Todesfall gegeben, wie RTL berichtete. Dies sei erfunden. Der Todesfall sei im Haus des Mitarbeiters passiert.

Netzgemeinde glaubt dem Statement Zalandos nur bedingt

Auf den Facebook-Post, in dem der Link zum Statement von Zalando verlinkt ist, gibt es weiterhin böse Kommentare. Die ca. 250 Kommentare der User sind weiterhin negativ. So postete ein User ein Foto, auf dem Zalando in „Sklavando“ umgetauft wurde. Andere möchten dem Statement keinen Glauben schenken. „Die Doku lügt nicht... das ist einfach menschenunwürdig was ihr da abzieht!“, schreibt ein Facebook-Nutzer, der für seinen Post 103 Likes bekommen hat. Einige wenige sehen allerdings die RTL-Berichterstattung als unglaubwürdig an. „Glaubt hier jemand tatsächlich, dass auf RTL!!!!! ernstzunehmende Dokumentationen laufen?“, fragt ein User.

Ob die RTL-Berichterstattung nun glaubwürdig ist oder vielleicht überzogen und fehlerhaft ist, wird wohl nichts daran ändern, dass Zalando vermutlich einen erheblichen Imageschaden erlitten und einige Kunden verloren hat. Auch der Shitstorm auf der Facebook-Seite dauert noch an.

(Redaktion)


 


 

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