Prof. Dr. Sylvia Heuchemer
Lehre und Forschung mit jugendlichem Charme
Köln-Bonn. Empirische Wirtschaftsforschung, Konjunkturstatistik, Konjunkturanalyse.....eine trockene, komplizierte Materie? Für Prof. Dr. Sylvia Heuchemer ist das Fachgebiet einfach spannend und entdeckungsreich. Die junge, sportliche, gut aussehende und lebenslustige Frau schafft es, auch Zahlenmuffel davon zu überzeugen.
Zu Semesterbeginn wird sie vor den Hörsälen der Fachhochschule (FH) Köln öfter nach dem Motto angesprochen: "Studierst Du auch BWL?". Die Frage verwundert nicht. Denn Professor Dr. Sylvia Heuchemer sieht immer noch wie eine Kommilitonin aus. Anfang dieses Jahres wurde die 38-Jährige zur Vizepräsidentin für Lehre und Studium ernannt. Treue Leser der Powerfrauen-Serie erinnern sich vielleicht noch an das Interview mit der Kanzlerin der FH, Dr. Gisela Nagel. Das war vor gut einem Jahr. Inzwischen präsentiert sich die Hochschulleitung als Präsidium mit Präsident Prof. Dr. phil. Joachim Metzner und drei Vize-Präsidenten. In dem vierköpfigen Gremium ist Sylvia Heuchemer die einzige Frau. Gisela Nagel hat inzwischen ihren Wunsch, sich mehr der Kunst und Kultur zu widmen, realisiert und ist aus der FH-Leitung ausgeschieden.
Die junge Vizepräsidentin ist seit sechs Jahren Professorin an der größten FH Deutschlands. Die Berufung nach Köln bezeichnet sie selbst als ganz großes Glück. Erstens hatte sie gerade ihre Doktorarbeit in Freiburg abgeschlossen, zweitens macht ihr die Lehre richtig Spaß und drittens ergab sich so die Möglichkeit, mit ihrem langjährigen Freund, der schon in Köln lebte, ein gemeinsames Zuhause einzurichten. Die Powerfrau ist in Rheinfelden direkt an der Schweizer Grenze geboren. Nach dem Abitur studiert sie Volkswirtschaftslehre in Freiburg an der Albert-Ludwigs-Universität mit dem Ziel, in der Tourismusbranche Fuß zu fassen. "Das VWL-Studium ist zwar teilweise sehr theoretisch, aber ich fand es spannend und verstand auch bald nicht mehr, warum ich in die Tourismusbranche wollte", erzählt Sylvia Heuchemer.
Karrierestart in der Bundesbank
Das Thema Tourismus hatte sich damit erledigt. Mit dem Diplom in der Tasche bewirbt sich die Volkswirtin erfolgreich bei der Deutschen Bundesbank um einen Job in der Hauptabteilung Statistik. Als Gruppenleiterin beschäftigt sie sich mit Saisonbereinigung sowie inländischer Konjunkturstatistik und –analyse. Eine ziemlich trockene Materie, die eigentlich so gar nicht in das typische Frauenbild passt. "Genau. Auf meiner Ebene und darüber gab es auch nur Männer. Ich war mächtig stolz, dass ich bei der Bundesbank arbeiten konnte, zumal ich noch die Jüngste unter den Kollegen war, aber auch eine der ganz wenigen, die nicht promoviert hatte", erklärt sie. 1998 wird die Europäische Zentralbank (EZB) eingerichtet und eröffnet Sylvia Heuchemer die Möglichkeit, in eine europäische Institution zu wechseln. Allerdings mit den gleichen Aufgaben wie schon bei der Bundesbank. Aber das reicht ihr nicht mehr. Sie möchte beruflich weiter kommen. Weil sie glaubt, dass ihr dazu noch das nötige Methodenwissen fehlt, gibt sie den Job auf, geht zurück nach Freiburg und nimmt eine halbe Doktoranden-Stelle an der Uni an. Ihre Bundesbank-Kollegen verstehen diesen Schritt überhaupt nicht, aber irgendwie passt der Schritt in bekannte weibliche Muster.
Während der Promotionszeit verdient Sylvia Heuchemer ein bisschen Geld dazu als Dozentin an der Berufsakademie in Villingen-Schwenningen und an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Freiburg. Die Lehre ist etwas, woran sie schon immer Spaß hat. Dass sie mit diesen Erfahrungen gleichzeitig die Weichen für ihre Zukunft in Köln stellt, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ihr Promotionsthema beschäftigt sich mit Konjunkturzyklen in OECD-Ländern und der Frage, ob diese Länder Konjunkturschwankungen gemeinsam durchleben. "Ich eignete mir damit das Rüstzeug an, das man braucht, um VWL-Forschungsprojekte machen zu können", erklärt die Volkswirtin.
Traumjob empirische Wirtschaftsforschung
Kurz vor Abschluss der Dissertation erzählt ihr Freund, der damals schon in Köln lebte, dass die FH Köln eine Professur für Volkswirtschaftslehre und empirische Wirtschaftsforschung ausgeschrieben hat. Und er ermutigte sie, sich zu bewerben. "Ich war damals mit Abstand die Jüngste unter den Bewerbern. In der Berufungskommission gab es auch einige, die meinten, ich solle doch erst mal draußen meine Sporen verdienen", weiß Sylvia Heuchemer. In der Probevorlesung vor den Studierenden punktet sie mit viel Fachverstand und Charme und bekommt den, wie sie sagt, Traumjob. Sechs Jahre später macht sie einen gewaltigen Schritt nach oben. Sie wird Vize-Präsidentin an der FH. "Ich bin vom Präsidenten ermuntert worden, mich zu bewerben. Die Stelle war ganz normal ausgeschrieben", erzählt die jugendliche Professorin. Sie habe lange geschwankt, weil sie keine großartige Führungserfahrung aufweisen konnte. Als Vizepräsidentin ist sie dafür zuständig, dass der Studienbetrieb richtig funktioniert. Für eine qualitativ hochwertige Lehre müssen Ideen und Konzepte entwickelt werden. Wichtig ist ihr, dass alles in Abstimmung mit den Dekanen erfolgt.
business-on.de: War Privatwirtschaft für Sie nie ein Thema?
Sylvia Heuchemer: Ich habe mich anfangs ausschließlich bei öffentlich-rechtlichen Institutionen beworben, weil ich gern in den Bereich Konjunktur- und Wachstumsanalyse wollte. Dafür ist die Bundesbank natürlich die Institution schlechthin. Schließlich hatte sich mit dem Angebot der FH Köln die Frage nicht mehr gestellt. Ich glaube, dass ich in der Lehre besser aufgehoben bin.
business-on.de: Häufig berichten Frauen, dass Sie mehr oder weniger aus Zufall Karriere gemacht haben. Das würden Männer nicht von sich behaupten.
Sylvia Heuchemer: Richtig. Männer planen ihre Karriere. Sie wechseln bewusst nach soundsoviel Jahren. Mein Freund beispielsweise ist in der Privatwirtschaft und macht dort viel systematischer seinen Weg auf der Karriereleiter. Bei mir gab es keine systematische Karriereplanung. Im öffentlichen Dienst gibt es auch weniger Aufstiegschancen.
business-on.de: War bei der Promotion vielleicht auch ein bisschen Eitelkeit dabei?
Sylvia Heuchemer: Gar nicht. Mir war klar, dass ich die interessanten Jobs in Richtung Forschung nur bekomme, wenn ich mir ökonometrische Kenntnisse aneigne. Im nachhinein kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war.
business-on.de: Wird denn an den FHs, die sich University of Applied Sciences nennen, überhaupt geforscht?
FH Köln Mitglied in der European University Association
Sylvia Heuchemer: Ja natürlich. Die FH Köln ist sogar seit diesem Jahr Mitglied in der European University Association, dem größten Verband europäischer Universitäten. Um da reinzukommen, ist die Forschungsaktivität ausschlaggebend.
business-on.de: Das klingt nach allmählicher Annäherung an die Universitäten.
Sylvia Heuchemer: In gewisser Weise ja. Alle Hochschulen, also Universitäten und Fachhochschulen, müssen im Zuge des Bologna-Prozesses (Der 1999 gestartete Bologna-Prozess hat das Ziel, bis zum Jahr 2010 einen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen zu schaffen, die Red.) ihre Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse umstellen. Im Prinzip erwerben unsere Absolventen mit dem Master-Abschluss die Qualifikation für eine Promotion. Der zusätzliche Wettbewerb wird allen gut tun.
business-on.de: Wer kann eigentlich heute an der FH studieren?
Sylvia Heuchemer: Jeder mit Abitur oder Fachhochschulreife. Auch beruflich Qualifizierte wie z.B. Meister können an der FH studieren. Die Kultusministerkonferenz hat sich im März dieses Jahres darauf verständigt, dass Inhaber beruflicher Aufstiegsfortbildungen, also z. B. Meister, den allgemeinen Hochschulzugang erhalten. Das heißt, ein Meister kann heute auch Medizin studieren.
business-on.de: Gibt es im Ausland eine vergleichbare Unterscheidung von FH und Uni?
Sylvia Heuchemer: Die FH ist etwas typisch Deutsches. Für unsere Hochschulpartner in den USA sind wir beispielsweise eine University. Den Unterschied zur FH verstehen sie nicht.
business-on.de: Wie hoch ist eigentlich der Anteil an weiblichen Studenten an der FH Köln?
Sylvia Heuchemer: Das kommt auf die Fächer an. Insgesamt liegt der Anteil bei etwa 35 Prozent. Grund für den vergleichsweise geringen Anteil ist, dass wir sehr viele Ingenieurs-Studiengänge anbieten. Wir unternehmen vieles, um das zu ändern. Beispielsweise mit dem Girls-Day oder unserem Try-Ing Sommerferienprogramm in Kooperation mit Ford. Umgekehrt versuchen wir mehr Männer für den Studiengang Soziale Arbeit zu begeistern.
business-on.de: Kommen wir zurück zu Ihrer Person. Wie würden Sie sich selbst charakterisieren?
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