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Wirtschaftsclub Köln

"Wer nichts will, kriegt auch nichts"

Welche (Aus)Sicht auf Führung haben Frauen auf dem Chefsessel? Drei Repräsentantinnen aus ganz unterschiedlichen Unternehmenskulturen sprachen im Wirtschaftsclub Köln über Erfahrungen, Barrieren und Erfolgschancen. Die Ansage "Wer nichts will, kriegt auch nichts"1) war eindeutig.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Women on Top“ des Wirtschaftsclub Köln (WCK) referierten Prof. Dr. Christiane Bongartz, Dekanin der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, Dipl. Kffr. Claudia Geis, Leiterin der Division Diabetes Care von Bayer Vital und die diplomierte Wirtschaftsingenieurin Gabriele Hantschel, Service Managerin IBM Deutschland zum Thema „Frauen im Chefsessel – Hart und Fair?“. Die Veranstaltung wurde von RA Christian Kerner, geschäftsführender Vorstand des WCK, moderiert. "Women on Top" fand zum dritten Mal statt. Die Veranstaltungsreihe wird von Karin Bäck, Chefredakteurin und Initiatorin des Wissens- und Informationsportals „Career-Women.org“, organisiert.

Changemanagement im Hochschulalltag

Die hochqualifizierten Referentinnen plauderten im Kölner DOM Hotel nicht aus dem Nähkästchen sondern aus dem Schatz ihrer Erfahrungen. So Christiane Bongartz, die einzige Frau auf Dekanats-Ebene der Kölner Universität. Als Dekanin verantwortet sie die mit 13.000 Studenten größte Fakultät an der Uni. Die anderen fünf werden in der Domstadt “traditionell“ von Männern geleitet. Am 1. April 2011 wird sie ihr Amt wieder abgeben, das sie dann vier Jahre geführt hatte. „Ich freue mich darauf, wieder verstärkt zu forschen und wissenschaftlich zu arbeiten“.

„An deutschen Hochschulen gibt es keine Unternehmenskultur, weil die Universitäten bisher nicht wie Unternehmen organisiert waren“, schränkte sie ihr Thema „Von alten Zöpfen – Changemanagement im Hochschulalltag“ ein. Umso mehr verteidigten die Herren Professoren ihre Reviere. „Manche Ordinarien kommen mir wie Warlords bei den Taliban vor, die eifersüchtig ihre Pfründe hüten“, wagte sie einen kühnen Vergleich.

„Eine Kultur der Zusammenarbeit von Frauen und Männern“ forderte die Dekanin, die ihre Erfahrungen mit „Strukturreform und Entscheidungskultur im Zeichen von gender changemanagement“ schilderte. Sie hat lange in den USA gearbeitet und wohl dort viel Selbstbewusstein entwickelt. Denn: Fakultäts-Chefin wurde sie – weil sie sich beworben hat. Und natürlich entsprechend wissenschaftlich qualifiziert war.

Alle drei Referentinnen und auch die TeilnehmerInnen der anschließenden lebhaften Diskussion betonten das mangelnde Selbstvertrauen vieler Frauen, die nicht auf die Chefsessel kommen, weil sie sich nicht trauen. Oder weil sie den Stress, den die höhere Verantwortung automatisch bedeutet, nicht ertragen wollen.

Fair und konsequent

Mit dem Rollenverständnis der DDR startete Claudia Geis ihre Karriere. Sie hat in (Ost-) Berlin an der Hochschule für Wirtschaft und Technik Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Außenwirtschaft studiert und empfand es als natürlichste Sache der Welt, dass Frauen arbeiten und auch Karriere machen. Sehr bewusst hat sie ihre berufliche Laufbahn beim Leverkusener Bayer-Konzern begonnen und „Ja“ gesagt, als ihr eine aussichtsreiche Position in den USA angeboten wurde. „Ich hatte mich gerade frisch verliebt und mit meinem Freund lange diskutiert, ob ein Leben auf zwei Kontinenten unserer Partnerschaft ernste Probleme bereiten würde,“ bekennt sie. Die transatlantische Liebe hat sich bewährt. Heute lebt Claudia Geis wieder in der Chemiestadt am Rhein und ist sogar Fan der heimischen Kicker-Truppe.

Im Bayer-Konzern wird „Diversity“ als wichtiger Teil der Unternehmenskultur betrachtet. Der neue Vorstandsvorsitzende Dr. Marijn Dekkers fördert auf vielen Wegen die Karrieren von Frauen, vor allem mit der „Womens Leadership Initiative“. Selbst Eltern-Kind-Arbeitszimmer werden bei Bayer Vital den Mitarbeiterinnen zur Verfügung gestellt, die keine hochwertige Betreuung für den Nachwuchs finden.

„Raus aus dem Wohlfühlstatus“ rät Claudia Geis allen Frauen, die sich irgendwo auf einer mittleren Managementebene eingerichtet haben. Sie hat beobachtet, dass viele Mitglieder dieser Gruppe dann ihren Ehrgeiz reduzieren. Lieber weniger Verantwortung, lieber in der Nische ruhig sein Pflicht erfüllen als mit anderen, Männern womöglich, um höhere Positionen wetteifern. Nach ihrer Ausbildung müssten die Frauen konsequent ihre Karriere planen, sich bewerben, weiter bilden, vor allem auch Mentoring-Angebote wahrnehmen und – ganz wichtig – nicht ungeplant in die „Babypause“ stolpern.

Der Forderung nach einer Frauenquote stimmt die Bayer-Managerin nur bedingt zu. „Nicht auf Vorstandsebene, aber im Talentpool.“

Headhunter erhalten Bonus für Jagd auf Managerinnen

Wie intensiv in manchen Unternehmen nach Mitarbeiterinnen mit Führungsqualitäten gesucht wird, schilderte die IBM-Service-Managerin Gabriele Hantschel, die im Rahmen ihrer beruflichen Karriere u. a. bei der Fraunhofer Gesellschaft, der Unternehmensberatung KPMG und Microsoft Erfahrungen gesammelt hatte. „Es gibt Bonus-Programme, die Mitarbeiter ermuntern, Freunde, die bei anderen Firmen arbeiten, für einen Job im eigenen Unternehmen zu rekrutieren. Wenn auf diese Weise eine weibliche Kandidatin eingestellt werden kann, ist der Bonus deutlich höher als bei einem Kollegen. Selbst Headhunter erhalten oft ein höheres Honorar für die Vermittlung einer leitenden Mitarbeiterin,“ sagte sie dem Auditorium.

Gabriele Hantschel arbeitet an mehreren Projekten zur Förderung des weiblichen Führungsnachwuchs. So ist sie Vorstandsvorsitzende der Helga Stödter- Stiftung , im Beirat WomenPower der Hannover Messe und gehört zum EWMD, dem European Women’s Management Development International Network. Positiv wertete sie, dass die Deutsche Telekom AG bis 2015 in ihrem Management 30 % der Positionen mit Frauen besetzen will und dass der Deutsche Governance Kodex die DAX-Konzerne verpflichtet, mehr Frauen in ihre Aufsichtsräte zu berufen. Gelobt wurde auch, dass die Hypovereinsbank als erste deutsche Bank einen Frauenbeirat installiert habe. Das Kreditinstitut habe festgestellt: 36 % derer, die eine Führungsposition wollen, sind Frauen. Aber nur 20 % derer, die eine Führungsposition haben, sind Frauen.

Von den 200 Vorständen in den 30 DAX-Unternehmen sind heute nur vier in weiblicher Hand. „Aber im Mittelstand ist das Verhältnis besser“, tröstete die Referentin die Zuhörer, in der Überzahl Frauen, aber auch ein paar „Quoten“-Männer. Sie werden darüber nachdenken müssen, dass das Bruttoinlandsprodukt BIP um 9 % steigen würde, wenn proportional mehr Frauen den Familienvorsitz gegen den Chefsessel tauschten.

1) Titel 12/06 des Wirtschaftsmagazins brand 1

(Ulrich Gross)


 


 

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