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Künstliche Intelligenz

Interview mit Andy Fitze über Künstliche Intelligenz

Andy Fitze spricht am Donnerstag, den 27. Juni in der Residenz der Schweizerischen Botschaft im Rahmen eines Business Lunch zum Thema „Die smarte Schweiz, ein kognitives Epizentrum“. Im Interview verrät er, was die Schweiz beim Thema KI so besonders macht und worauf es bei diesem Zukunftsthema ankommt.

Andy Fitze ist Schweizer Unternehmer, Co-Founder von SwissCognitive, ein Unternehmen, das die Interessen verschiedener Akteure rund um Künstliche Intelligenz (KI) vernetzt und Wissen rund um KI fördert und entwickelt. Swiss Cognitive versteht sich als globaler KI-Hub. Außerdem ist Andy Fitze Präsident des Swiss IT Leadership Forum und Vorstand bei SwissICT und ICTswitzerland. Er gilt als internationaler Top-Experte beim Thema Künstliche Intelligenz und als vernetzter Stratege, der Unternehmen rund um KI zusammenbringt – weltweit.

Business on.de: Was unterscheidet die Schweiz vom Silicon Valley in den USA, von Chinas Sonderwirtschaftszonen und vom Rest Europas? Warum sind die Schweizer Unternehmen so erfolgreich – und wie wollen sie sich in Zukunft vom Wettbewerb abheben?

Andy Fitze: Die Schweiz ist in etwa so groß wie das Silicon Valley – und genau dort hört die Vergleichbarkeit auch schon auf. Jede Region hat ihre eigenen Stärken und ist auf ihre individuelle Art und Weise erfolgreich. Die Unternehmen haben erkannt, dass es schlicht keinen Sinn macht, Wettbewerber zu kopieren. Die Schweiz setzt in Sachen Künstliche Intelligenz auf traditionelle, nachhaltige Zutaten. Dabei kommt dem Land seine überschaubare Größe zugute – und die Tatsache, dass es in Europa quasi ein Inseldasein führt. Die Vorteile liegen auf der Hand: schnelle Abstimmungen, kurze Wege und zahlreiche persönliche Kontakte. Bei uns zählen das Wort und der Handschlag – und zwar vom einfachen Angestellten bis zum Bundesrat.

Business on.de: Auf welche Weise kann der Rest Europas vom KI- und Innovationsstandort Schweiz profitieren?

Andy Fitze: Die Technischen Hochschulen in der Schweiz zählen zu den besten weltweit. Sie fördern auf einzigartige Weise die stetige Weiterentwicklung von Technologien zur praktischen Anwendung. Einer der größten Erfolgsfaktoren ist die unmittelbare Nähe aller Schweizer Universitäten und Fachhochschulen zu den hier ansässigen Unternehmen – und zwar zu großen Konzernen und KMUs gleichermaßen. Das ist ein Erfolgsmodell, das gern kopiert werden darf. Nehmen wir etwa die schnell drehenden, smarten Technologien. Hier führt die enge Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen dazu, dass die Beteiligten gemeinsam lernen, gemeinsam investieren und gleichzeitig neue Geschäftsmodelle einführen. Das alles folgt dem Credo: Was heute wichtig und richtig ist, ist morgen schon überholt.

Business on.de: In Deutschland ist man gerade erst dabei, eine Digitalstrategie zu entwickeln. Man hat den Eindruck, in der Schweiz ist man schon weiter. Welche Unterstützung und Rahmenbedingungen brauchen Unternehmen von der Politik, um in Sachen KI, Robotik und Industrie 4.0 zum Innovationsführer zu werden?

Andy Fitze: Erfolgreiche Entrepreneure interessieren sich nicht für die besten Rahmenbedingungen. Sie handeln, gehen unternehmerische Risiken ein und schaffen damit Fakten. Um Innovationen voranzutreiben, braucht es Persönlichkeiten mit Mut, Weitsicht und Engagement. Alle anderen Dinge – etwa die Rahmenbedingungen des jeweiligen Staates – sind nicht mehr als Kosmetik.

Business on.de: Welche Megatrends werden die Zukunft bestimmen?

Andy Fitze: Zu den großen Trends, die alle anderen überlagern, zählt vor allem das Thema Daten – und zwar im Speziellen die schnelle Übertragung von Daten, die Verdichtung komplexer Daten sowie der Einbezug kontextsensitiver Daten. Auch smarte Produkte und Dienstleistungen im Kontext neuer Industrien und Geschäftsmodelle haben Wachstumspotenzial. Gleiches gilt für die Dezentralisierung der Infrastrukturen bei Hard- und Software.

Business on.de: Alle Unternehmen reden von der Digitalisierung. Einige meinen damit Kollaboration in der Cloud, andere die vollautomatisierte Fabrik. Wo stehen deutsche und schweizerische Unternehmen wirklich und was müssen sie tun, um den Anschluss nicht zu verlieren?

Andy Fitze: Sicher, es ist wichtig, ein Unternehmen technologisch effizient aufzustellen. Potenziale durch Optimierungen zu heben ist eine absolute Pflicht. Es generiert aber keinen grundsätzlichen Mehrwert für den Kunden. Der Markt ist beständig im Wandel – getrieben von neuen Technologien, dramatisch verbesserten Algorithmen, der zunehmenden Vernetzung und einer stetig steigenden Rechenpower. Technologien, vor allem die neuen smarten, verändern grundlegend ganze Geschäftsmodelle. Es darf nicht passieren, dass ich über die richtigen Projekte, die Größe des Budgets und die nötigen Kompetenzen für meine Effizienzprojekte diskutiere, ohne zu wissen, ob die Nachfrage auf dem sich stetig wandelnden Markt überhaupt noch gegeben ist. Ein Unternehmen etwa, das Ticketmaschinen baut, sollte verstehen, dass Tickets heute immer häufiger per App gekauft werden. Es nützt wenig, die Herstellung von Automaten zu optimieren, wenn diese schlicht nicht mehr nachgefragt werden. Das gleiche gilt für Unternehmen, die Ticket-Apps programmieren: Sie müssen wissen, dass Tickets zunehmend per „Payed by Use“ abgerechnet und nicht mehr vorab gekauft werden. Diese Beispiele lassen sich auf nahezu alle Branchen übertragen.

Business on.de: KI weckt Hoffnungen, löst aber auch Ängste aus. Während sich die einen freuen, mit ihrer Hilfe von lästigen Routinen befreit zu werden, fürchten die anderen um ihren Job. Was bedeutet KI für Arbeitnehmer und wie werden sich die Arbeitswelt und der Arbeitsalltag verändern?

Andy Fitze: KI ermöglicht es unter anderem, Menschen mit Handycap oder Fachkräfte aus strukturschwachen Regionen anzubinden. Technologien mit wirtschaftlicher Bedeutung generieren neue Jobs und ein höheres Bruttosozialprodukt. Die Arbeitswelt wird sich verändern, das ist klar. Eines ist sicher: Ohne Menschen wird es auch in Zukunft nicht gehen. Wir sollten uns allerdings sehr wohl darauf einstellen, dass gewisse repetitive Aufgaben wegfallen. Hier gilt es, sich neue Fähigkeiten anzueignen und sich persönlich weiterzuentwickeln.

Business on.de: Was sind die größten Chancen der KI – und was die größten Gefahren?

Andy Fitze: Ich sehe viel Potenzial in autonomen Fahrzeugen. Sie können dazu beitragen, Berufe – etwa den des LKW-Fahrers – sinnvoller und sozialer zu gestalten. Gleiches gilt für die moderne Diagnostik. Schon heute sind KI-Lösungen in der Lage, treffsicherer Diagnosen auf Grundlage von MRT-Bildern zu stellen. Eine Gefahr wiederum könnte darin liegen, dass wir die KI als reine Technologie sehen und die Tatsache ausblenden, dass die KI zu einem positiven gesellschaftlichen Wandel beitragen kann. Wenn wir dazu übergehen, eine Abneigung gegen KI aufzubauen, werden uns andere Länder und Kulturkreise mit weniger Hemmnissen rasch abhängen.

Business on.de: Worin besteht für KMUs der Mehrwert, in KI zu investieren oder sogar selbst im Bereich KI zu forschen? Was wird konkret besser?

Andy Fitze: In vielen Unternehmen ist die IT-Abteilung heute sprichwörtlich die „eierlegende Wollmilchsau“. Sie kümmert sich um alle Bits & Bytes: ums Netzwerk, die Telefonie, den Support, um Enterprise-Applikationen, Technologien, die Unternehmensarchitektur und Best Practice in der Projektleitung. Eine zu hohe Polyvalenz von Aufgaben führt aber zu Ineffizienz. Es bedarf vielmehr einer konsequenten Auslagerung von infrastrukturellen Aufgaben. Nicht nur wegen der Kosten, sondern insbesondere, um den Fokus nicht zu verlieren. Während wir die Arbeiten von Malern, Sanitärfachleuten, Elektrikern und anderen längst ausgelagert haben, tun wir uns bei der technologischen Infrastruktur schwer. Dabei ist es gerade die Reduktion von Komplexitäten, die neue Räume für Innovationen und smarte Produkte und Dienstleistungen rund um die KI ermöglicht.

Business on.de: Kommen wir nochmals zurück auf den Standort Schweiz, ihr Wirkungsumfeld. Was macht die Schweiz so besonders?

Andy Fitze: Wir rufen nicht nach dem Staat, sondern wir sehen zu, dass uns der Staat nicht so viel reinredet. In der Schweiz gehört der Staat den Bürgern, nicht die Bürger dem Staat. Es ist genau diese Kultur, die die Schweiz zum Technologieland Nummer eins in Europa macht, weil sie Entrepreneure und Fachkräfte anzieht, Freidenker und Entwickler fördert. Die Schweiz zieht herausragende Talente an, fördert aktive Netzwerke und ist mit ihrer Lebensqualität ein Magnet für Talente. Diese Talente forschen, entwickeln und probieren etwas aus, gründen Unternehmen oder arbeiten an den Hochschulen, die ebenfalls in Sachen KI und Big Data führend sind. Das macht die Schweiz zum Technologieführer, Wissensexporteur in Sachen KI und zur KMU-Nation. Und: Die Hochschulen in der Schweiz, der intensive Know-how-Transfer zwischen akademischer und technischer Forschung mit den Unternehmen, die aktive Förderung neuer Technologien vom Kanton bis zum Bundesrat und in kleinen Unternehmen bis zum Konzern ermöglichen uns den Fortschritt, den wir brauchen. Nirgendwo sonst gibt es ein so wirtschaftsfreundliches Umfeld.

Business on.de: Sie sprechen in Berlin in der Schweizer Botschaft zu diesem Thema. Wie bewerten sie den Standort Berlin hinsichtlich KI?

Andy Fitze: Die großen europäischen Hubs in Sachen KI sind neben der Schweiz London und die israelischen Metropolen. Dann folgt Berlin. Hier liegt viel Potenzial, aber es gibt auch Nachholbedarf. Es gibt aber sehr viele sehr interessante Ansätze. Es lohnt sich, Berliner und Schweizer Unternehmen zu vernetzen und Kooperationen anzustreben.

Business on.de: Verraten Sie uns noch etwas mehr zum Swiss Business Lunch in der Schweizer Botschaft? In welchem Rahmen findet die Veranstaltung statt?

Andy Fitze: Veranstalter des Swiss Business Lunch am 27. Juni ist die Schweizer Botschaft in Deutschland sowie der Swiss Business Hub Germany. Der Swiss Business Hub Germany ist die offizielle Wirtschaftsförderung der Schweiz in Deutschland. Neben meiner Keynote wird auch eine breit angelegte Expertenrunde zum Thema KI angeboten, in der viele Praktiker zu Wort kommen werden. Beginn ist um 11.30 Uhr, Ende gegen 13.30 Uhr. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Noch gibt es aber freie Plätze. Anmeldungen nimmt der Swiss Business Hub unter [email protected] entgegen.

Business on.de:  Vielen Dank für das Gespräch!

(Redaktion)


 


 

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