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Chinesen in Deutschland

Wie ein chinesischer Wissenschaftler von zwei Denkweisen profitiert

China heute: Wirtschaft und Politik

Wei Fischer: Sind Sie optimistisch, was die chinesische Volkswirtschaft angeht?

Manfred Wang: Ja.

Wei Fischer: Warum? Wegen der großen Bevölkerung?

Manfred Wang: Natürlich ist die große Bevölkerung ein Vorteil, der chinesische Markt hat viel Potential.

Wei Fischer: Das Durchschnittseinkommen in China ist nicht sehr hoch und die Kaufkraft folglich entsprechend schwach. Sehen Sie das als ein Problem für die chinesische Wirtschaft?

In China ist es etwas anders als in Deutschland. Man kann sogar mit 150 € pro Monat sein Leben bestreiten. Man muss nur wissen wie. Beispielsweise kann man in Supermärkte einkaufen gehen, die dauerhaft reduzierte Ware anbieten, es gibt Straßenmärkte, wo es günstigere Produkte gibt und ein Apartment muss man sich bei solch geringem Einkommen vielleicht mit mehreren Menschen teilen.

Der gesamte chinesische Markt ist in verschiedene Klassen gegliedert, abhängig der unterschiedlichen Einkommen. Somit hat jedes Unternehmen in China die Chance einen entsprechenden Markt für sich zu finden. Das Problem, das sich meiner Ansicht nach der chinesischen Volkswirtschaft stellt, ist neue Wachstumstreiber zu finden.

Welche Industrien und Märkte werden in China boomen und wo glauben Sie, stehen Schwierigkeiten ins Haus?

Manfred Wang: Erstens Kunst und Kultur: Weil der Markt im Moment noch relativ überschaubar ist, gibt es hier großes Potential.

Auch das produzierende Gewerbe erscheint viel versprechend. Vor einigen Jahren hat eine Marktkonzentration eingesetzt und der Fokus hat sich auf qualitativ hochwertigere und technisch fortschrittlichere Produkte verschoben. Im Moment, unabhängig davon ob es sich um private oder öffentliche Firmen handelt, ist man der Meinung, dass die Zukunft für China in der Fertigung qualitativ und technisch hochwertiger Produkte liegt.

Die Finanz- und Immobilienmärkte könnten zukünftig rückläufig sein. Insbesondere der Finanzmarkt, da es keine ausreichenden Regularien für ihn gibt. Selbst in einem Land wie den USA, wo es so viele Regeln für den Kapitalmarkt gibt, könnte es eine Subprime-Krise geben. Ich will mir gar nicht vorstellen, was dann erst auf dem chinesischen Markt, für den es gar keine Regeln gibt, passieren könnte.

Aus der Perspektive eines Ingenieurs, ist die Finanzindustrie keine reale Wirtschaftseinheit, da sie nicht wirklich Werte schafft. Sie ist auf die Realwirtschaft angewiesen. China sollte mehr Wert auf die Realwirtschaft legen.

Wei Fischer: Lassen Sie uns über zwei beliebte Themen im Zusammenhang mit China sprechen. Reden wir zuerst über Tibet. Wie sehen Sie dieses Thema?

Manfred Wang: Ich habe mit meinen Kollegen über dieses Problem diskutiert. Meine Kollegen sehen den Dalai Lama als Heiligen. Ich sehe ihn als Politiker.

Wei Fischer: Aber für Tibet ist es doch eher ein religiöses Problem, oder?

Manfred Wang: Die kommunistische Partei wird eigentlich geführt wie eine religiöse Institution. Es werden kaum andere Glaubensrichtungen anerkannt. Die Worte von Mao und Marx wurden zu Dogmen erhoben. Sie haben ihre Glaubenssätze mit denen Sie versuchen alle Probleme der Welt zu erklären.

Die kommunistische Partei hat versucht mit den Theorien von Karl Marx alle Probleme von China zu lösen. Das ist so ähnlich wie zu versuchen alles mit der Bibel oder dem Koran zu erklären.

Das Problem zwischen China und Tibet ist also in der Tat wie ein Konflikt zwischen zwei Religionen und das ist auch der Grund, weshalb er so schwer zu lösen ist.

Ich denke mit der fortschreitenden Demokratisierung und dem Verblassen des kommunistischen Gedankenguts, wird sich auch dieser Konflikt in Zukunft einfacher entschärfen lassen. In Tibet sind Religion und Politik eine Einheit. Obwohl der Dalai Lama niemals beansprucht, der politische Herrscher von Tibet zu sein, so war er doch einer der führenden Politiker Tibets.

Ein Grund weshalb man in der westlichen Welt Tibet eher als unabhängig sieht und weshalb man das in China traditionell anders sieht ist folgender: In der Qin-Dynastie, der letzten Dynastie Chinas, gab man der Provinz Tibet eine Menge Autonomie. Als dann die Engländer nach Tibet kamen, so hatten Sie den Eindruck in einem unabhängigen Land zu sein und haben diesen Eindruck auch in der westlichen Welt verbreitet.

Faktisch war Tibet aber immer Teil von China. Ich denke wenn Tibet Teil von China bleibt, so hat das für sie große finanzielle Vorteile. Wer aber würde Tibet unterstützen wenn es unabhängig werden würde? Die USA, Indien, Europa?

Wei Fischer: Wie sehen Sie die Spannungen zwischen China und Japan in der Vergangenheit und diejenigen, die kürzlich aufgetreten sind?

Manfred Wang: Ich weiß, dass Sie auf die Problematik mit der Insel Diaoyu (Insel Senkaku) anspielen. Ich sehe nicht gerne, dass sich China und Japan um diese Insel streiten. Ich möchte auch nicht, dass der historische Konflikt weiterhin andauert.

Ich habe viel Kontakt mit Japanern. Ich habe japanische Kollegen hier am Institut, habe japanische Kunden, viel Technik die wir hier benutzen wurde in Japan gefertigt und ich war auch selbst schon in Japan.

Aber ich verstehe die chinesische Position und warum sie so viel Wert auf diese Insel legen. Obwohl die Insel auf dem Papier sehr klein erscheint, so geht es im Wesentlichen um die damit verbundene 200-Meilen-Zone und somit auch um eine große Menge an Bodenschätzen auf dem Grund dieser Zone.

Die chinesische Bevölkerung hat sehr gereizt und teilweise aggressiv auf diese Problematik reagiert. Dies drückt jedoch nicht nur die Vorbehalte gegenüber Japan aus sondern war vielmehr auch ein Ventil für bestehende innenpolitische und soziale Spannungen. Diejenigen, die sich sogar für den Krieg ausgesprochen haben, gehören zu den benachteiligten Teilen der Bevölkerung. Als Familienvater mit einer Karriere, befürwortet niemand so etwas, weil man darin keinen Vorteil sieht.

Aber emotional tendiere ich natürlich trotzdem eher zu der chinesischen Seite in dieser Angelegenheit.

(Das Interview führte Wei Fischer von Personalglobal; der Beitrag wurde bereits auf dem China-Blog von Tobias Busch veröffentlicht; der Name "Manfred Wang" wurde von der Redaktion geändert)

(Redaktion)


 


 

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