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Fledermäuse

Fledermäuse mit Interessenkonflikten sind kompromissloser

Fledermäuse haben Probleme, bei gemeinsamen Entscheidungen Kompromisse zu finden, wenn die Interessenskonflikte in der Gruppe zu stark sind. Das hat ein internationales Wissenschaftlerteam unter Führung von Forschenden der Universität Greifswald herausgefunden.

Die Ergebnisse einer Langzeitstudie zu Gruppenentscheidungen bei Fledermäusen wurden jetzt in der renommierten Zeitschrift Current Biology veröffentlicht.

Bei Tieren und Menschen sind einvernehmliche Gruppenentscheidungen gleichermaßen von großer Bedeutung für das Funktionieren von Gruppen. Allerdings zeigen bei uns Menschen nationale und internationale Krisen regelmäßig aufs Neue, wie schwierig es ist, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen, sobald die Interessen der Beteiligten zu stark auseinanderdriften.
Bei Tieren legen theoretische Modelle zudem nahe, dass die Stärke des Konflikts zwischen Individuen einen Einfluss darauf hat, ob eine Gruppe einen Konsens erreicht. Bisher gab es jedoch nur wenige experimentelle Studien, die untersuchten, wie wilde Tiere Gruppenentscheidungen in Situationen mit Interessenskonflikten treffen. Dies liegt daran, dass es methodisch sehr schwierig ist, Interessenskonflikte bei Wildtieren experimentell zu erzeugen. Doch ohne empirische Daten, ob und wie Tiere in Konfliktsituationen zu gemeinsamen Lösungen kommen, können Gruppenentscheidungen bei Tieren und letztendlich auch beim Menschen kaum bewertet und verstanden werden.

In der Studie „Female Bechstein’s Bats Adjust Their Group Decisions about Communal Roosts to the Level of Conflict of Interests“ schufen die Forschenden unterschiedlich starke Interessenskonflikte zwischen individuell markierten Mitgliedern wilder Bechsteinfledermauskolonien. Um einen Interessenkonflikt zwischen Koloniemitgliedern zu erzeugen, manipulierten sie die Information, die Individuen über die Qualität potenzieller gemeinsamer Tagesquartiere erhielten. Dazu bekamen drei Kolonien Fledermauskästen, in denen die Forschenden für jeden Kasten getrennt einem Teil der Koloniemitglieder Signale vorspielten. Diese Signale zeigten den entsprechenden Tieren bei ihrer nächtlichen Inspektion eines Kastens, dass dieser Kasten als Tagesquartier nicht geeignet ist. Die anderen Koloniemitglieder erhielten das Signal während ihrer Inspektionen nicht und stuften die entsprechenden Kästen daher als geeignete Tagesquartiere ein. So wurde ein Interessenskonflikt innerhalb der Koloniemitglieder darüber erzeugt, ob ein bestimmter Kasten als gemeinsames Tagesquartier infrage kommt. Indem sie unterschiedlich starke Signale verwendeten, variierten die Forschenden die Stärke der Interessenskonflikte unter den Mitgliedern einer Fledermauskolonie, welcher Kasten als Tagesquartier genutzt werden sollte.

Wurden nur schwache Interessenskonflikte erzeugt, konnte auch eine Minderheit der Koloniemitglieder einen Gruppenkonsens über einen bestimmten Fledermauskasten als geeignetes Tagesquartier erzielen. Der entsprechende Kasten wurde dann von der Kolonie als gemeinsames Tagesquartier genutzt. War der Interessenskonflikt dagegen sehr stark, konnte kein Kompromiss über ein gemeinsames Tagesquartier gefunden werden und die Kolonie spaltete sich auf. In dieser Situation entschieden sich die Tiere entsprechend ihrer jeweiligen individuellen Präferenzen für verschiedene Tagesquartiere.
Diese Ergebnisse zeigen zum ersten Mal für in Gruppen lebende wilde Säugetiere, dass das Ergebnis von Gruppenentscheidungen von der Stärke des Konflikts zwischen den Interessen individueller Tiere abhängen kann. Mit zunehmender Stärke der Interessenskonflikte wurde die Kompromissbereitschaft der Tiere immer geringer. Die vorgestellte Studie zeigt also, dass bei Fledermäusen, ähnlich wie wir das von Menschen kennen, stark abweichende individuelle Interessen einen Gruppenkonsensus verhindern können und damit koordinierte Aktionen ganzer Gruppen erschwert werden.

Weitere Informationen
Current Biology, 15 August 2013 (Onlineausgabe der Zeitschrift) 10.1016/j.cub.2013.06.059
Current Biology veröffentlicht neue Fachartikel immer zeitnah im Internet. Es erscheint zweiwöchentlich eine Printausgabe. Artikel aus dem Onlinemagazin erscheinen zeitversetzt in der Printausgabe.

Artikel: Female Bechstein’s Bats Adjust Their Group Decisions about Communal Roosts to the Level of Conflict of Interests
Autoren: Daniela Fleischmann1, Isabelle O. Baumgartner2, Maude Erasmy3, Nanette Gries1, Markus Melber1, Vera Leinert4, Manuela Parchem5, Maren Reuter6, Pascal Schaer7, Sereina Stauffer2, Insa Wagner5, Gerald Kerth1*

1Zoological Institute & Museum, Ernst-Moritz-Arndt-University of Greifswald, J.-S.-Bach-Str. 11/12,
17489 Greifswald, Germany
2Institute of Evolutionary Biology and Environmental Studies, University of Zurich, Winterthurerstr. 190, 8057 Zurich, Switzerland
3Institute of Ecology, Friedrich-Schiller-University of Jena, Dornburger Str. 159, 07743 Jena, Germany
4Behavioral Biology, University of Osnabrueck, Barbarastr. 11, 49076 Osnabrück, Germany
5Animal Ecology and Tropical Biology, Biocenter, Julius-Maximilians University of Würzburg, 97074 Würzburg, Germany
6Behavioral Physiology and Sociobiology, Biocenter, Julius-Maximilians University of Würzburg, 97074 Würzburg, Germany
7Department of Ecology and Evolution, Unicentre, University of Lausanne, Le Biophore, 1015 Lausanne, Switzerland


Eine Kolonie weiblicher Bechsteinfledermäuse in ihrem Tagesquartier, einem Fledermauskasten in einem Wald bei Würzburg, Deutschland.
Foto: Gerald Kerth

(Redaktion)


 


 

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