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Kultur

Geld kann Konzepte nicht ersetzen

Ein Diskussionsbeitrag von Kultusminister Brodkorb zur Theater- und Orchesterreform

Am 5. Dezember erschien in der Ostseezeitung ein gekürzter Gastbeitrag von Kultusminister Mathias Brodkorb zur Weiterentwicklung der Theater und Orchester in Mecklenburg-Vorpommern als Reaktion auf einen OZ-Artikel des Lübecker Theaterintendanten Christian Schwandt vom 29. November 2011.

Hier der vollständige Textbeitrag von Minister Brodkorb:

"Geld kann Konzepte nicht ersetzen

Der ehemalige Intendant des Theaters Neubrandenburg/Neustrelitz, Christian Schwandt, hat jüngst in der OZ ein leidenschaftliches Plädoyer dafür gehalten, dass der Kultusminister in Bezug auf die Theater endlich seiner Verantwortung nachkommen müsse. Sein Therapievorschlag ist dabei weder neu noch originell, wird er doch seit 20 Jahren immer wieder ins Feld geführt: Es müsse einfach mehr Geld her.

Schwandt würdigt dabei durchaus den Erfolg der Landespolitik, seit dem Jahr 2006 keine neuen Schulden mehr aufgenommen zu haben und im laufenden Haushaltsjahr vermutlich sogar einen leichten Überschuss erzielen zu können. Die Schlussfolgerung, die er daraus ableitet, bleibt jedoch einem alten, politisch kaum verantwortungsvollen Denken verhaftet: Wenn es kurzfristig einen Überschuss gibt, warum ihn dann nicht gleich wieder ausgeben, zum Beispiel für Theater?

Eben diese Logik ist es, die die öffentlichen Haushalte erst in jene Lage gebracht hat, unter der seit Monaten ganz Europa ächzt. Zur Erinnerung: Unser Land startete im Jahre 1990 ohne Schulden. Innerhalb nur weniger Jahre baute sich eine Schuldenlast auf, für die westdeutsche Länder ganze Jahrzehnte gebraucht haben. Wer sich also heute über zeitweise Überschüsse freut und glaubt, deshalb neue Ausgaben finanzieren zu können, ignoriert, dass das Land einen effektiven Schuldenstand von 10,6 Mrd. Euro aufweist. Denn es ist ja nicht so, dass wir keine Schulden mehr hätten, wir vergrößern sie nur nicht mehr. Das ist mehr als nichts, aber eben auch nicht sehr viel. Dass dies auf Kosten der Kommunen geschehe, ist schlicht falsch. Mit 1.362 Euro je Einwohner und Jahr stellt MV seinen Kommunen mehr Geld als jedes andere Bundesland zur Verfügung.

Dabei wären die Schulden gar nicht das Problem. Es sind vielmehr die Zinsen, die uns auffressen. Allein im Jahr 2011 werden wir mehr als 400 Mio. Euro Zinsen zahlen müssen - an Banken und große Kapitalgeber. Diese Umverteilung von Steuergeldern von unten nach oben gehört zu den größten Ungerechtigkeiten in unserem Land.

Manchmal habe ich einen Traum: Ich frage mich dann, was wir uns heute eigentlich von 400 Mio. Euro alles zusätzlich in Bildung und Kultur leisten könnten, wenn Politiker in den 1990er Jahren auf das Schuldenmachen verzichtet hätten und wenn Interessengruppen, ob aus Wirtschaft, Bildung oder Kultur, den Schuldenmachern der 1990er-Jahre z. B. mit Volksinitiativen in die Parade gefahren wären. Zum Vergleich: Heute gibt das Land "nur" 35,8 Mio. pro Jahr für Theater aus. Und selbst dies ist alles andere als wenig. Berechnet je Einwohner erreicht MV unter den Flächenländern damit den vierten Platz, die viel gepriesenen Kultur- und Bildungsländer Bayern und Baden-Württemberg hingegen geben nur etwa halb soviel für Theater aus wie wir. Am Geld allein liegt es also nicht. Theater notfalls auch unter Inkaufnahme höherer Schulden zu finanzieren, käme letztlich der Situation gleich, dass sich die Eltern, bevor sie abends ins Theater gehen, in das Kinderzimmer schleichen und das Eintrittsgeld aus der Sparbüchse der Kinder nehmen. Genau betrachtet ist eine solide Haushaltspolitik sogar die Voraussetzung für eine erfolgreiche Kultur- und Bildungspolitik.

Denn Hand auf's Herz: In welchem Bereich würde denn wahrscheinlich zuerst gespart, wenn unser Landeshaushalt in eine Krise geriete? Bei der Wirtschaft, die über eine große und starke Lobby verfügt, oder bei freiwilligen Leistungen, zum Beispiel in der Kultur? Gerade die Vertreter von Kunst und Kultur sollten sich also mit den Finanzpolitikern strategisch verbünden, um so die eigene Zukunft zu sichern.

Die Theater müssten es daher, ehrlich betrachtet, als ein Danaergeschenk begreifen, wenn die Landespolitik dem Vorschlag von Herrn Schwandt folgte und den Theatern zeitweise auftretende Haushaltsüberschüsse zur Verfügung stellen würde. Denn umgekehrt wäre es dann ja auch zwingend, im Falle eines Haushaltsdefizites den Theatern auf einen Schlag wiederum dutzende Millionen wegzunehmen. Das würde den Theatern auf Dauer nicht helfen, sondern ein Chaos hinterlassen.

Und es bleibt dabei: Die bloße Forderung nach mehr Geld kann die inhaltlichen Probleme der Theaterlandschaft nicht lösen, sondern macht genau dies eher unwahrscheinlich. Warum, so muss man doch fragen, gelingt es einem der großen Theater unseres Landes, 25 Prozent seiner Kosten durch eigene Einnahmen zu decken und warum sind es bei einem anderen nur knapp 10 Prozent? Das hat nichts mit Geld, sondern mit Konzepten zu tun. Und genau diese Fragen müssen schonungslos auf den Tisch.

Die Verantwortung für diese Konzepte und Zukunftsvorstellungen tragen in erster Linie die Eigentümer der Theater, also die entsprechenden Kommunen, und die Theater selbst. Mit ihnen gemeinsam wird das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur ab dem 8. Dezember in umfangreichen und ergebnisoffenen Gesprächen Zukunftskonzepte erörtern. So, wie es vor einigen Jahren den Hochschulen gelungen ist, sich aus eigener Kraft neu aufzustellen, hoffe ich darauf, dass dies auch bei den Theatern gelingt. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, wird das Land und damit auch der Kultusminister durch konsequente Strukturentscheidungen seiner übergeordneten Verantwortung nachkommen.

Dies geschieht letztlich im Interesse der Künstlerinnen und Künstler selbst. Die jahrelange Unsicherheit, die ständigen Diskussionen über die Zukunft der Theater müssen endlich ein Ende haben, weil sie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Theater und Orchester belasten und sich schädlich auf ihre künstlerische Arbeit auswirken. Niemand kann seinem Beruf mit Leidenschaft nachgehen, wenn er oder sie sich permanent bedroht fühlt. Im Interesse künstlerischer Qualität lade ich daher alle Beteiligten ein, sich konstruktiv in die anstehenden fachlichen und nicht nur finanziellen Debatten einzubringen. Jene Kommunen nämlich, die vielleicht keine eigenen tragfähigen Vorschläge zur Lösung der Probleme unterbreiten, werden es anschließend schwer haben, die dann unvermeidbaren Entscheidungen des Landes noch fachlich überzeugend zu kritisieren."

(Redaktion)


 


 

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