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Die deutsche Wiedervereinigung ist auch ein wirtschaftlicher Erfolg

Trotz aller Fehler, Rückstände und Kosten – die deutsche Wiedervereinigung ist nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich ein Erfolg.

Aufgrund einer umfassenden Studie urteilen die DIW-Forscher positiv: "Zwar liegt Ostdeutschland in vielen Bereichen wie Wirtschaftsleistung, Produktivität, Einkommen und insbesondere Vermögen auch 25 Jahre nach dem Mauerfall deutlich hinter Westdeutschland zurück. Problematisch sind und waren aber vorrangig nicht die tatsächlichen Entwicklungen, sondern die von Beginn an unrealistischen Hoffnungen auf schnell blühende Landschaften. Die erreichte Annäherung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse sei jedoch eine große ökonomische Leistung." Dass es nach 40 Jahren Planwirtschaft gelang, die ostdeutsche Wirtschaft neu zu erfinden und in relativ kurzer Zeit zu re-industrialisieren,sei in vielerlei Hinsicht erstaunlich. In einigen Bereichen, wie bei der Kinderbetreuung, den Renten oder der Erwerbsbeteiligung von Frauen, liegt der Osten vor dem Westen. Doch die übertriebenen Erwartungen wirken nach: "Im Osten sind deutlich mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Einkommen und ihrem Leben insgesamt", so die Forscher. Die durchschnittliche Zufriedenheit in Ostdeutschland ist allerdings so hoch wie nie zuvor seit der Wende.Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls hat das DIW Berlin den Wandel der Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensverhältnisse der Menschen in Ost- und Westdeutschland seit der Wende umfassend analysiert und die Entwicklung der Wirtschaft, Einkommens- und Vermögensverhältnisse, der Erwerbsbeteiligung und Renten, Kinderbetreuung und Zufriedenheit nachgezeichnet.

Dabei zeigt sich: In vielen Bereichen kommt der Aufholprozess Ostdeutschlands nur noch langsam voran. Zwar wuchs die Wirtschaftsleistung pro Kopf lange Zeit im Osten schneller als im Westen. Immer noch liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf im Westen jedoch deutlich höher. Der Osten erreicht 71 Prozent des westdeutschen Niveaus. Die Produktivität pro Erwerbstätigen beträgt im Osten etwa 79 Prozent des Westniveaus. Überraschend gut gelungen ist hingegen die Re-Industrialisierung des Ostens: Beim Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung liegt Ostdeutschland heute zwar hinter dem Westen, aber mittlerweile im Durchschnitt der Europäischen Union, vor Frankreich, Spanien und Großbritannien.

Die Arbeitslosigkeit bleibt in Ostdeutschland weiter höher als im Westen. Zwar sinkt sie, zum Teil jedoch aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Im Schnitt erzielen Ostdeutsche etwa 83 Prozent des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens der Westdeutschen. Bei den Vermögen ist der Abstand deutlich größer: Das durchschnittliche Nettovermögen in Ostdeutschland stieg zwar seit 1993 um drei Viertel und damit deutlich stärker als im Westen, wo der Zuwachs rund ein Fünftel betrug. Nach neuesten Zahlen von 2013 erreichen die ostdeutschen Haushalte aber nur etwa 44 Prozent des Vermögens der Westdeutschen. Während ein westdeutscher Haushalt im Durchschnitt etwa 153 200 Euro Vermögen besitzt, können ostdeutsche Haushalte nur auf 67 400 Euro zurückgreifen.

Bei der Erwerbsquote von Frauen liegt der Osten auch heute mit rund 75 Prozent vor dem Westen, wo sie auf mehr als 70 Prozent gestiegen ist. Ostdeutsche Frauen in Teilzeit arbeiten mit durchschnittlich fast 28 Wochenstunden jedoch deutlich mehr als westdeutsche (etwa 22 Stunden). Weil immer mehr Frauen in Ost und West in Teilzeit arbeiten, gewinnt in beiden Teilen das sogenannte modernisierte Ernährermodell (Mann Vollzeit/Frau Teilzeit) an Bedeutung. In Westdeutschland verdrängt es das Alleinernährermodell (Vater Alleinverdiener), im Osten das Egalitätsmodell mit zwei Vollzeitbeschäftigten.

Durch die höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen werden die Rentenanwartschaften der ostdeutschen Frauen auch in Zukunft höher ausfallen als die der westdeutschen. Sie liegen allerdings deutlich unter denen der ostdeutschen Männer. Dieser geschlechtsspezifische Abstand verringert sich in Ostdeutschland – allerdings nicht, weil die Rentenanwartschaften der Frauen steigen, sondern weil die der Männer sinken. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen war in der DDR auch höher, weil viele Plätze in der Kindertagesbetreuung verfügbar waren. Auch heute nutzen immer noch mehr Mütter im Osten Kitas für ihre Kinder unter drei Jahren als im Westen, während informelle Betreuung innerhalb beider Landesteile etwa gleich häufig ist. Im Rahmen des Kita-Ausbaus der letzten Jahre haben insbesondere hochqualifizierte und alleinerziehende Mütter diese Betreuungsform verstärkt genutzt, was zu einem Anstieg der sozioökonomischen Unterschiede innerhalb beider Landesteile geführt hat.

Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West zeigen sich bei der Zufriedenheit der Menschen. So sind etwa im Osten deutlich mehr Menschen unzufrieden mit ihrem Lohn (44 Prozent) als im Westen (rund jeder Dritte). Auch mit ihrem Leben insgesamt sind die Menschen im Osten weniger zufrieden als im Westen. Allerdings gibt es Lebensbereiche, wo die Zufriedenheit in Ost- und Westdeutschland inzwischen im Durchschnitt gleich ist: so die Zufriedenheit mit der Wohnung, mit der Freizeit und bei den Erwerbstätigen mit ihrer Arbeit. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin: „Eine völlige Gleichheit von Wirtschafts- und Lebensverhältnissen aller Regionen eines Landes wird es nie geben. Unterschiede bestehen zwischen Nord- und Süddeutschland wie zwischen dem Westen und Osten des Landes, ebenso wie in anderen Ländern, etwa Italien, Spanien oder Frankreich. Die Wiedervereinigung und der Einfluss Ostdeutschlands haben der gesamten deutschen Wirtschaft zu mehr Dynamik verholfen.“
Mehr dazu auf www.diw.de (Quelle: Presse DIW)

(Redaktion)


 


 

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